Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

„Möglichst nirgends anstoßen“: Rutschen ist für jeden erlernbar

10.08.2017 | 18:14 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Sammy Konkolits veranstaltet zum achten Mal die Staatsmeisterschaften im Sackrutschen. Der Ex-Fußballer hat damit seine Lebensaufgabe gefunden.

Glaubt an weitere 100 Jahre des Toboggan: Sammy Konkolits. / Bild: (c) Michele Pauty 

Am Rudschduam, sogt de Mama, am Rudschduam gehst ma ned, wäu do mittn in da Kurvn a mordstrum Schiefer ausse steht“, heißt es in Ernst Moldens Hymne an den Toboggan. Das wunderherrliche Duett mit Willi Resetarits grub die alte Mär von der tödlichen Rutschpartie wieder aus. Am Ende aber steigen die Burschen im Lied doch auf den schmucken Holzturm und rutschen, „weil der Mama ollas glaubn, hods eh net brocht.“

Wie diese urbane Legende entstanden ist, kann heute niemand mehr sagen. Aber wie jedes Kind der Sechziger- und Siebzigerjahre kannte auch Sammy Konkolits, der heutige Besitzer des Toboggan, diese Geschichte, als er ihn 1966 anlässlich der Firmung eines Cousins erstmals inspizierte.

„Nie hätte ich gedacht, dass der einmal mir gehören wird“, erinnert er sich an seine erste Begegnung mit dem 1913 vom russischen Schausteller Nikolai Kobelkoff eröffneten Rutschturm. „Mein Vater hat sich nicht rutschen getraut, weil die Oma gesagt hat, dass sich da mal eine aufgespießt hätte. Jetzt begann mich die Sache zu interessieren. Und so bin ich runtergerutscht und die Sache hat mich seither nicht mehr losgelassen.“ Der in Favoriten aufgewachsene Konkolits betrat als halbwüchsiger Stadionbesucher regelmäßig den Turm. Aus Aberglauben. „Die Rapid hat nur gewonnen, wenn wir vorher gerutscht sind.“

 

Ende durch Meniskusverletzung

Zum Fußball hat Konkolits, der einst Reservist der U21-Mannschaft des Favoritner AC war, immer schon eine innige Beziehung gehabt. Eine Meniskusverletzung hat der bescheidenen Karriere ein Ende gesetzt. „Wenn nicht mit den Füßen, dann halt mit den Händen“, sagte er sich und besann sich ab sofort seines verdrängten Zeichentalents. „Immer, wenn ich meinen Eltern was Gezeichnetes gezeigt habe, haben sie mir nicht geglaubt, dass es von mir war. Also hab ich dann aufgehört damit.“

Einer seiner Freunde besaß die sogenannte „Edgar-Allen-Poe-Mappe“ von Gottfried Helnwein. Das war eine Sammlung von Radierungen, die Konkolits stark inspiriert hat. Seine Bilder strahlen Bassenaphilosophie und anarchischen Witz aus. Eines seiner Bilder hat besondere Verbreitung gefunden. Es zierte das Cover von Hans Krankls „Lonely Boy“. „Ich hatte bis dahin erst vier Bilder gemalt. Der Krankl hat mich dem Helmut Zenker empfohlen. Dem hat das Label gehört und fand meine Bilder gut.“

Derzeit arbeitet Konkolits im winzigen Zimmer hinter der Toboggan-Kasse an Übermalungen. „Es sind unsignierte Bilder vom Altwarentandler. Ich versuche sie mit meinem Humor zu verfeinern“, sagt er. Im Herbst wird diese Serie dann in Alfred Treibers Galerie Schauplatz ausgestellt werden. Der Reinerlös wird dem Toboggan zugute kommen, der wie der gute alte Steffl permanent erneuert werden muss. Konkolits wirkt als Impresario des Toboggan, als stamme er aus einer seligeren Zeit, als Sturmbootkapitäne und Ringelspieldirektoren noch Respektspersonen waren. An der Glocke bleibt er stumm. Lockrufe braucht sein Toboggan nicht. „Das Rekommandieren, das wär halt ein eigener Beruf. Die Leut' wissen eh, was gut ist.“

Einmal im Jahr hält er trotzdem einen Feiertag ab: die Staatsmeisterschaft im Sackrutschen. Die findet heuer am 2. September zum achten Mal statt. Dem Sieger winken 1000 Euro bar auf die Hand. Da kann jeder mitmachen, denn „Rutschen ist erlernbar“. Zuletzt hat ein Linzer zweimal hintereinander gewonnen. Wie rutscht man idealerweise? „Möglichst nirgends anstoßen, die Beine hochhalten. Quasi auf einer halben Arschbacke.“ Nachdenklich macht ihn, dass unter den Praterbesuchern nur mehr wenige Hiesige sind. „Es braucht wieder mehr Wiener im Prater. Manche Betriebe sperren jetzt schon montags nicht mehr auf. So hat auch der Abstieg des Böhmischen Prater begonnen.“

Hoffnung macht ihm der Nachwuchs. „Zu Beginn hab ich geglaubt, dass eher Nostalgiker rutschen werden, aber es sind die Sechs- bis Achtjährigen, die vom Rutschen nicht genug bekommen können.“ Die Zukunft des Toboggan sieht er rosig. „Ich sag mir: Alles, was 100 Jahre lang geht, geht auch 200 Jahre.“

AUF EINEN BLICK

Prater. Der Toboggan ist eine 25 Meter hohe und 100 Meter lange Rutschstrecke. Sie wurde 1913 von Nikolai Kobelkoff unter dem Namen „Teufels Rutsch“ eröffnet. Während des 2. Weltkriegs brannte der Holzturm ab. 1947 erfolgte die Wiedererrichtung. Seit der Übernahme durch Sammy Konkolits 2008 steht er unter Denkmalschutz. Am 2. September steigen dort die achten Staatsmeisterschaften im Sackrutschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2017)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr