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Diamanda Galás: "Griechenland gehört nicht zu Europa"

10.09.2017 | 14:18 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Diamanda Galás, amerikanische Avantgardemusikerin mit griechischen Wurzeln, feierte heuer mit zwei Alben ein glänzendes Comeback. Der "Presse am Sonntag" gab sie in Wien rund um ein Gastspiel im Porgy & Bess eines ihrer raren Interviews und erzählte, warum sie Deutsch gelernt − und warum sie sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst hat.

Die Avantgarde-Künstlerin Diamanda Galás hat unter anderem auch Neurochemie studiert. / Bild: (c) Austin Young Young 

Auf Ihrem aktuellen Album „At Saint Thomas The Apostle“ taten sie es Franz Liszt gleich und vertonten „Oh lieb, so lange du lieben kannst“, ein Gedicht des deutschen Dichters Ferdinand Freiligrath. Wie haben Sie es eigentlich entdeckt?

Diamanda Galás: Über die Lektüre dieser wirklich empfehlenswerten Biografie „Meine Mutter Marlene“ von Maria Riva. Dass sie selbst nicht so glücklich war als Tochter von Marlene Dietrich, war jetzt nicht so wichtig für mich. Das Buch bot mir neue Einblicke ins Leben der Dietrich und darin kam auch vor, wie sehr sie Freiligraths Gedicht „Die Stunde kommt“ anrührte.

Das konnte man auch in Maximillian Schells 1984 entstandener Filmbiografie „Marlene“ bemerken. Da las sie es mit tränenerstickter Stimme . . .

Absolut. Dieser Film, in dem sich die Dietrich weigerte, sich abfilmen zu lassen, und nur über Telefon mit Schell kommunizierte, ist großartig. Aber mich spricht dieser Text nicht deshalb so unglaublich an, weil ihn die Dietrich so liebte. Ich habe selbstverständlich meinen eigenen Zugang. Wenn man in ein bestimmtes Alter kommt und der Tod den Freundes- und Verwandtenkreis dezimiert, gewinnt Freiligraths Zeile „Oh lieb, so lang du lieben kannst. Die Stunde kommt, wo du an Gräbern stehst und klagst!“ erheblich an Bedeutung.

Sie haben sich für einige Jahre vom Konzertbetrieb zurückgezogen. Warum?

Weil meine Mutter 2012 im Sterben lag. Nach all den schönen Jahren in Europa und in New York bin ich deshalb nach San Diego zurückgekehrt. Sobald ich genügend Geld für die Übersiedlung meiner 360 Umzugskartons nach Kalifornien hatte, habe ich die Tourneen eingestellt und mich vier Jahre lang intensiv um sie gekümmert. Das war ich ihr schuldig, schließlich schenkte sie mir nicht nur mein Leben, sondern brachte viele Opfer für mich.

Viele Musikfreunde dachten, Sie wären für immer von der Szene verschwunden . . .

Das war mir zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Ich hatte solche Angst, dass sie stirbt. Die Ärzte gaben ihr nur noch zwei Jahre zu leben, jetzt hat sie diese Prognose schon vier Jahre überlebt. Es geht ihr derzeit überraschend gut. Und doch habe ich in diesen Jahren der Pflege auch ab und zu ein Konzert gegeben. Komponiert habe ich sowieso.

Wie lange haben Sie für „Die Stunde kommt“ gebraucht?

Daran habe ich zehn Jahre herumgebastelt. Das Lied hat bis heute keine endgültige Form. Ich habe schon auch Lieder, die fix notiert sind, aber bei „Die Stunde kommt“ wollte ich die Freiheit einer jeweils neuen, radikalen Interpretation haben.

1994 haben Sie ein interessantes Album mit John Paul Jones von Led Zeppelin aufgenommen, die letzten zwanzig Jahre sind Sie aber fast ausschließlich solo aufgetreten. Warum?

Es war künstlerisch notwendig. Aber mittlerweile würde es mich schon wieder interessieren, mit anderen Musikern zu arbeiten. Ich bekomme viele Angebote von Orchestern. Das Problem ist die Zeit. Man kann meine Kompositionen nicht innerhalb von zwei Tagen adäquat orchestrieren. Das wäre Betrug. Ich habe jetzt meine eigene Plattenfirma und entscheide glücklicherweise alles selbst.

Da geht es Ihnen wie dem Jazzsaxofonisten Sonny Rollins. Der hat mit 75 Jahren seine eigene Firma gegründet . . .

Der Mann ist geistig so jung geblieben, unglaublich. Er ist jemand, in den ich mich ganz verrückt verlieben könnte.

Eines Ihrer beiden neuen Alben haben Sie in der Kirche Saint Thomas The Apostle in Harlem aufgenommen. Warum?

Weil ich die Akustik dieser alten Häuser so liebe. Sie sind für die menschliche Stimme gebaut, für die Predigt und für die Musik. Dass nun viele dieser schönen Kirchen an Restaurantbetreiber und Hoteliers verkauft werden, halte ich für die reinste Blasphemie.

Das Programm, das Sie in dieser New Yorker Kirche aufgeführt haben, trug den Titel „Death Will Come and Take Your Eyes“. Wie war das zu verstehen?

Es ist der Titel eines Gedichts von Cesare Pavese, das ich vertont und etwas abgeändert habe. Bei Pavese heißt es, der Tod wird kommen und deine Augen haben. Ich singe hingegen „Death will come and eat your eyes“.

Das klingt nicht gerade gemütsaufhellend.

Pavese litt unter schweren Depressionen und auch ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart man arbeiten muss, um bei der Diagnose „Klinische Depression“ am Leben zu bleiben. Man sieht sich ja im Grunde bei jedem Blick in den Spiegel beim Sterben zu.

Auf Ihrem zweiten neuen Album „All The Way“ haben Sie sich auf Ihre ganz eigene Art einiger Jazzstandards angenommen. Sie sollen auch Jazzsängerin Carmen McRae schätzen. Welchen Einfluss hatte der Jazz auf Ihre avantgardistische Kunst?

Einen durchaus großen. Als junges Mädchen hörte ich viel Carmen McRae und auch Esther Phillips. Sie waren die Lieblingssängerinnen meines verstorbenen Bruders. Beide waren Expertinnen im scharfen Phrasieren. Später hatte ich Phasen, in denen ich sehr viel Albert Ayler, Cecil Taylor und Ornette Coleman hörte.

Welche Musikerinnen waren für Sie vorbildhaft?

Peggy Lee liebte ich stets, eine Frau, die buchstäblich aus dem Nichts kam und Musik für die Ewigkeit schrieb, schlicht weil sie es musste. Abbey Lincoln und Carla Bley waren sehr wichtig für mich und natürlich Annette Peacock, diese Pionierin der elektronischen Musik.

Sie haben den Blues eingehend studiert, ihn aber völlig anders interpretiert. Warum?

Ich habe griechische Vorfahren. Da stehe ich anderen musikalischen Skalen näher, obwohl ich in den USA geboren bin. Es gibt eine Traditionslinie Ostafrika, Ägypten, Türkei, Griechenland. Diese Kulturen basieren auf der byzantinischen Tonleiter, die sich signifikant von der des Blues unterscheidet. Nicht nur in diesem Zusammenhang zählt Griechenland zum Nahen Osten. Griechenland gehört nicht zu Europa. Es war ein Fehler, dass sie den Euro akzeptierten. Den können sie sich nie leisten.

Sie hegen also tiefere Beziehungen zu Griechenland?

Natürlich. Ich bin kürzlich wieder in Athen aufgetreten. Das Erste, das ich dort gemacht habe, war, dass ich in ein Obdachlosenheim gegangen bin und gefragt habe, was sie brauchen. Ich habe den Leuten einen Kühlschrank gekauft. Diese direkte Methode ist besser, als den Hilfsorganisationen Geld zu geben. Ich könnte derzeit kein Geld von den Griechen nehmen, ohne auch etwas zu geben. Das sollten auch Touristen beherzigen, denen etwas an der griechischen Kultur liegt.

Eines Ihrer Faibles ist auch die Poesie des deutschen Expressionismus. Beim Meltdown-Festival in London gaben Sie zuletzt etwa Gottfried Benns „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“. Was fasziniert Sie an dieser Strömung?

Diese Kunst ist immer noch von so einer unmittelbaren Wucht wie kaum sonst was. Um ihr näherzukommen, habe ich sogar Deutsch gelernt. Gottfried Benn im Speziellen war schlicht einmalig. Er ist für mich der Begründer der forensischen Poesie. Er hatte viel Geduld mit jenen, die seine Gedichte als abstoßend empfanden.

Sie haben ebenfalls eine naturwissenschaftliche Ader, haben Neurochemie studiert. Hat das Ihre Sicht auf das Leben verändert?

Natürlich. Neben Neurochemie habe ich noch Immunologie und Verhaltenspsychologie studiert. Damals hatte ich ein Buch, in dem viele Fotografien von im Ersten Weltkrieg Gefallenen zu sehen waren. Mich damit zu konfrontieren war wichtig, weil ich schon in jungen Jahren das Leid verstehen wollte. Mein Projekt „Das Fieberspital“ ist eine späte Reflexion darauf. Ausgehend von einem Gedicht des Expressionisten Georg Heym kreise ich eine Stunde lang um dieses dunkle Thema.

Dieses Wissen um Abgründe haben Sie in Ihre Liedkunst mitgenommen. Es gibt aber immer Leute, die sich davon hinuntergezogen fühlen. Wie sehen Sie das?

Es gibt zweierlei Menschen. Die einen fühlen sich, wenn sie traurige Musik hören, erleichtert, die anderen beschwert. Ich zähle mich selbstverständlich zu den Ersteren. Als ich zuletzt verliebt war – die Sache ging schon ihrem Ende zu, ich wollte es aber nicht glauben –, hörte ich zufällig Chet Baker „The Thrill Is Gone“ singen. Da wusste ich, es ist vorbei. Die Musik hat immer recht. Ich ließ den Mann ziehen, das Lied aber nicht. Ab diesem Moment war es Teil meines Repertoires.

Steckbrief

1955 wird Diamanda Galás in San Diego als Tochter eines griechisch-orthodoxen Posaunisten geboren. Mit drei Jahren erhält sie ersten Klavierunterricht, später lernt sie auch Cello und Violine.

1969: Eintritt in die Band ihres Vaters, die griechische und arabische Musik macht. Gleichzeitig debütiert sie mit der San Diego Symphony mit Beethovens „Klavierkonzert Nummer 1“. Ihr erstes Soloalbum bringt Galás 1982 auf den Markt („The Litanies of Satan“).

Galás setzt sich für die Eindämmung der Krankheit AIDS ein, ihr Bruder ist daran gestorben.

1992 wirkt sie in Francis Ford Coppolas Film „Dracula“ mit, später arbeitet sie mit dem Led-Zeppelin-Keyboarder John Paul Jones auf „The Sporting Life“.

2017 veröffentlicht sie mit „At Saint Thomas the Apostle Harlem“ und „All The Way“ gleich zwei Alben nach einer längeren Pause.

 

1. . . was Auftritte für Sie bedeuten?
Sie transportieren mich in Sphären, die sonst nicht zu erreichen wären. Da gibt es Momente der Freiheit, Momente, in denen mein Ego völlig verschwindet. Es gibt nichts Wunderbareres.

2. . . ob Sie die Bezeichnung „Zersetzung“ für Ihre Coverversionen gelten lassen?
Nein, das sagen Leute, die keine Ahnung von Musik haben. Ich interpretiere halt nicht so brav wie ein Sinatra. Bei mir gibt es mehr Aggression und Depression als bei ihrem durchschnittlichen Lieblingssänger.

3. . . worum es im Leben eigentlich geht?
Das weiß ich nicht. Ich habe außerhalb meiner Arbeit praktisch kein Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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