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Den Fängen des IS entkommen

14.11.2017 | 15:13 |  von Duygu Özkan (Die Presse)

Terroristen verschleppten die Jesidin Nadia Murad. Sie konnte fliehen – und hat nun ein Buch über ihr Martyrium veröffentlicht. Es ist ein Zeugnis von den Gräueltaten der IS-Extremisten.

Die Jesidin Nadia Murad (l.) entkam dem sogenannten Islamischen Staat. Die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney unterstützt die Aktivistin. / Bild: (c) REUTERS (Lucas Jackson) 

In Nadia Murads Wunschvorstellung kommt es eines Tages zu folgender Situation: Salwan steht vorne im Gerichtssaal, Murad zeigt auf ihn und sagt: „Das ist der Riese, der uns alle in Angst und Schrecken versetzt hat.“ Murad erzählt dann, wie er Rojian, ihre Nichte, gekauft, vergewaltigt, geschlagen, bestraft und – nachdem Rojian flüchten konnte – deren Mutter gekauft und ebenfalls versklavt hat. Salwan, der Riese, war einem Ungeheuer gleich, wird Murad sagen, mit seinem fleischigen Gesicht und seinen vor Hass flammenden Augen.

Als Zweites wird sie im Gerichtssaal auf Haji Salman zeigen, ihren Peiniger. Ein dürrer Mann, der sie in Mossul als seine vierte „Sabiya“ – Sklavin – kaufte. Nadia Murad wird dann alles erzählen: wie er sie vergewaltigte, erniedrigte, sie zwang, kurze Kleider zu tragen, wie er sich damit brüstete, Jesiden umgebracht zu haben. Denn die ganze Welt soll wissen, wozu die Männer des sogenannten Islamischen Staates fähig sind.

Noch hat diese Gerichtsverhandlung nicht stattgefunden. Aber Murad hat sich an diese Wunschvorstellung geklammert, um ihr Martyrium zu überstehen, wie sie in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Ich bin eure Stimme“ schildert.

Seit sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit trat, ist aus der 1993 geborenen Jesidin aus der nordirakischen Sinjar-Region eine laute und vehemente Stimme gegen den IS geworden. Sie spricht auf Veranstaltungen, ist Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen, wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und hat mit Amal Clooney eine bekannte Menschenrechtsanwältin an ihrer Seite. „Über sexuellen Missbrauch zu sprechen, ist in östlichen Kulturen schwierig“, sagte Murad jüngst dem „Spiegel“. Und trotzdem: „Ich kann alle Jesidinnen nur ermutigen, von ihren Erlebnissen zu erzählen, damit die Welt von diesen Verbrechern erfährt.“

Murads Reden und vor allem ihr Buch sind ein Zeugnis des Grauens. Anfang August 2014 fielen die Terror-Schergen über Sinjar her und haben Murads Dorf Kocho zunächst nur belagert. Als es zum Angriff kam, ermordete der IS Hunderte Menschen, darunter ihre sechs Brüder, ihre Mutter, insgesamt zwei Dutzend Familienmitglieder. „Kocho war ein stolzes Dorf“, schreibt Murad. Niemand wollte seinen Besitz kampflos aufgeben, die gemauerten Häuser, die Schulen, die Schafherden. Aber der IS hatte modernste Waffen und „uns unsere Religion zu nehmen, war das Grausamste“.

Frau als Eigentum. Die Extremisten sehen die religiöse Minderheit der Jesiden als „Ungläubige“ an. Ihre Sklavinnen zwingen sie zum Übertritt zum Islam, auch Nadia Murad. Sie nötigten die Mädchen, Kämpfer zu heiraten. „Mit diesen ,Eheschließungen‘ setzten die Kämpfer den schleichenden Mord an den jesidischen Mädchen fort“, schreibt die Aktivistin. „Wo wir auch waren, erinnerten sie uns daran, dass wir nichts als ihr Eigentum waren, dass wir nur existierten, um begrapscht und misshandelt zu werden, so wie Abu Batat meine Brust gepackt hatte, als wolle er sie zerquetschen, oder Nafah Zigaretten auf meiner Haut ausgedrückt hatte.“

Viele Mädchen und Frauen wehrten sich, soweit es ihnen möglich war. Sie schlugen um sich, spuckten den Terroristen ins Gesicht. „Ein Mädchen führte sich selbst eine Flasche ein, um nicht mehr Jungfrau zu sein, wenn der Kämpfer über sie herfiel, andere versuchten, sich selbst zu verbrennen. Nach der Befreiung konnten sie stolz erzählen, dass sie den Arm ihres Vergewaltigers blutig gekratzt oder ihm Blutergüsse im Gesicht beigebracht hatten, während er sie missbrauchte.“ Manche Frauen konnten fliehen, wiewohl der IS sofort Fotos von entflohenen Sklavinnen an alle IS-Checkpoints schickte. Murads Buch ist ein bedeutsames Zeugnis von den Gräueltaten, vom System, von der Ideologie der IS-Terroristen, ist er doch einer der wenigen Berichte aus der Sicht einer verschleppten Frau. Einfühlsam und dennoch kompromisslos niedergeschrieben hat Murads Erinnerungen die in Istanbul lebende und für amerikanische Publikationen wie „The New Yorker“ tätige Journalistin Jenna Krajeski. „Irgendwann gibt es nur noch die Vergewaltigungen und sonst nichts mehr“, so Murad. „Es wird einfach zum normalen Tagesablauf. Man weiß nie, wer im nächsten Moment die Tür aufmacht und über einen herfällt, man weiß nur, dass es geschehen wird, dass es morgen vielleicht noch schlimmer wird als heute.“

Bei all der Debatte um die Verschleppungen und den Missbrauch von Frauen vergesse man aber oft, für welche anderen Gräueltaten der IS auch verantwortlich ist, schreibt Murad. Mord, die Zerstörung von Familien, die Indoktrinierung von Kindern und Jugendlichen. Gerade Letzteres scheint ein sicheres Zeichen dafür, dass der IS trotz aller Gebietsverluste längst nicht der Vergangenheit angehört. 

Nadia Murad

Die junge Jesidin, Jahrgang 1993, war im Jahr 2014 mehrere Monate lang Gefangene des sogenannten Islamischen Staates im irakischen Mossul. Sie wurde versklavt und von zahlreichen Männern missbraucht und vergewaltigt. Murad konnte schließlich in das sichere kurdische Gebiet fliehen und kam mit einem speziellen Hilfsprogramm für verfolgte Jesidinnen nach Deutschland. Sie lebt in Baden-Württemberg. Murad ist UNO-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel – sie ist die Erste, die diese Position innehat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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