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Christine Lavant: Leben in der Vorhölle der Verdammnis

11.11.2017 | 20:15 |  Von Michael Horowitz (Die Presse)

Es gilt, die Lyrikerin Christine Lavant neu zu entdecken. Vor allem auch als Prosaautorin. Eine hochsensible Dichterin aus der Enge der Kärntner Berge. In ihren berührenden Büchern erzählt sie von Armut und Ausgrenzung, Leid und Liebe.

1800 Gedichte schreibt Christine Lavant in ihrer Dichter-Mansarde. / Bild: (c) Internationale Christine Lavant Gesellschaft 

Schlaflos in St. Stefan. Christine Lavant sitzt oft nächtelang auf dem Diwan in einer Ecke ihres Wohnzimmers. Im Türkensitz, Tee trinkend. Sie raucht und isst Kekse. Schlaflosigkeit, Schmerz und Depressionen bleiben ein Leben lang Begleiter der Kärntner Dichterin, die man als tieftraurige Frau mit großen, dunklen Augen und dem ewigen Kopftuch kennt.

Im Juli 1915 wird Christine Thonhauser geboren. Sechs Wochen zuvor hat das bis dahin neutrale Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt. Als neuntes Kind eines Bergarbeiters und einer Flickschneiderin wächst Christine in ärmsten Verhältnissen im Lavanttal, in Groß-Edling bei St. Stefan, auf. Ihr Pseudonym Lavant, den sie ab 1948 verwendet, ist der Name des Flusses, der sich durch ihr Heimattal schlängelt.

Schon als kleines Kind wird Christine von Skrofulose, einer für damals typischen, langwierigen Arme-Leute-Krankheit, gepeinigt. Das Leiden schädigt später auch Gehör und Sehvermögen nachhaltig. Geld für eine Berufsausbildung ist nicht vorhanden. Christine ist physisch und psychisch zu instabil, um einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen. Sie bleibt bei der Mutter zu Hause und erlernt von ihr das Stricken, liest viel, Rainer Maria Rilke wird zu ihrem Idol, bald beginnt Christine Lavant selbst wie besessen zu schreiben.


Verbrennungen. Bereits den Besuch der Hauptschule muss Christine aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Im Alter von zwölf Jahren wird Tuberkulose diagnostiziert, die Ärzte geben dem schwächlichen Kind nur mehr ein Jahr zu leben. Die Mutter hat kein Geld für den Zug, um Christine im Spital zu besuchen, die Krankenschwestern kümmern sich kaum um sie. Ihre Wunden werden mit den neu entdeckten Röntgenstrahlen hoch dosiert verbrannt – lebensrettend, aber schmerzhaft nachwirkend. Zurück bleiben Verbrennungen am Kopf, an Hals und Brust, deshalb trägt Christine Lavant fast immer ein Kopftuch. Die Verletzungen und die Folgen der Wundbehandlung sollen verhüllt werden.

Die psychischen Verwundungen sind nicht zu verbergen. Das zwanzigjährige Mädchen versucht in einer ihrer wiederkehrenden Depressionsphasen, ihrem Leben mit Schlafpulvern ein Ende zu setzen, und begibt sich freiwillig in die „Landes-Irrenanstalt“. Die beklemmenden Berichte mit schmerzender und selbstverletzender Genauigkeitihres sechswöchigen Aufenthalts, von denen man bis dahin nur aus Briefen wusste, werden 55 Jahre nach ihrer Entstehung gefunden und veröffentlicht: Das Buch Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus schildert mit klaren, scharfen Bildern das Zusammenleben von Patienten und Personal, Besuchern und ihr selbst. Die Ich-Erzählerin erhofft sich in der Vorhölle der Verdammnis Heilung, die sie vermutlich nie erfährt.

Nicht nur für H. C. Artmann ist diese psychologisch präzise Studie ein Hauptwerk Lavants. Artmann schätzt diese originäre, große Dichterin und korrespondiert mit ihr. Zwischen 1961 und 1965, während der abenteuerlustige Poet in Schweden lebt, schickt er immer wieder Ansichtskarten aus Malmö und Stockholm nach St. Stefan. Wie besessen schreibt Lavant hier. In sich und ihrer Welt zurückgezogen. In einer Mansarden-Dichterklause. Nur einmal fährt sie in die Welt hinaus, verlässt ihr enges Kärntner Tal: Auf Einladung der St.-Georgs-Bruderschaft reist sie erster Klasse mit dem Orientexpress nach Istanbul, wo sie drei glückliche Wochen verbringt.

Im Kärntner Dorf gilt sie schon immer als Außenseiterin, beim Greißler, in der Kirche, am Stammtisch mokiert man sich über die Verrückte. Vermutlich ist Christine durch das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten gefährdet, vernichtet alle Manuskripte und zieht sich in die Isolation zurück. Sie lebt vom Stricken. Sie ist, wie sie selbst schreibt, zu einer „völligen innerlichen Stummheit verurteilt“.

Für einen hochsensiblen Menschen wie Christine gibt es ein Leben lang nichts Schlimmeres, als das „Sich-Darstellen-Müssen“ in der Öffentlichkeit. Es ist auch „ein Krampf“, als die Außenseiterin später zur Ehrenbürgerin ihrer Gemeinde ernannt wird.

Christine Lavant ist keine naive Dichterin aus der Kärntner Provinz, die bei Kerzenlicht mit Gott hadert. Ihre sprachliche Souveränität fasziniert neben H. C. Artmann auch Thomas Bernhard, der mit Anerkennung für Kollegen äußerst verhalten umgeht. Er charakterisiert Lavants Werk, die „sehr gescheit und durchtrieben“ ist, als „das elementarste Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen, als große Dichtung, die in der Welt nicht so wie sie es verdient bekannt ist.“

Mitte der 1950er-Jahre begegnen Bernhard und Lavant einander erstmals. Später immer wieder auf dem Gutshof des Musikers Lampersberger in Maria Saal, dem sommerlichen Treffpunkt der Avantgarde. Hier ermutigt Lavant den jungen Bernhard, an seinen Gedichten weiterzuarbeiten. 1987, Christine Lavant lebt seit 14 Jahren nicht mehr, gibt er bei Suhrkamp Gedichte der bewunderten Kollegin heraus.

Schon zu Lebzeiten wird sie geehrt. Unter anderem zweimal mit dem Trakl-Preis. Ihre drei Gedichtbände Die Bettlerschale, Spindel im Mond und Der Pfauenschrei gelten als bedeutende Literatur. Lavants Werk umfasst rund 1800 Gedichte – ihre Kinder – und 1200 Seiten Prosa. Die Texte entstehen in fast rauschhaften Arbeitsphasen in weniger als 15 Jahren. Rund die Hälfte davon bleibt zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht – und erscheint seit zwei Jahren erstmals im Verlag Wallstein.

Neben dem Leid ist die Liebe ein durchgehendes Thema in Lavants Lyrik: erträumte, zurückgewiesene, schmerzhaft erlebte Liebe. Kurz nach dem Tod ihrer Eltern heiratet sie „aus Mitleid“ den um 36 Jahre älteren Landschaftsmaler Habernig. Mit dem Lohn für Strickarbeiten bringt sie den mittellosen Künstler und sich selbst durch. Die Begegnung mit dem Maler Werner Berg ufert in eine aussichtslose Liebe aus.

Tipp: Die Christine Lavant Gesellschaft, die mit Unterstützung des Unternehmers Hans Schmid das Gesamtwerk der Lyrikerin aufbereitet, verleiht heute um 11 Uhr im ORF-Radiokulturhaus dem Schriftsteller Bodo Hell den zweiten, mit 15.000 Euro dotierten „Christine Lavant Preis“. Gerti Drassl liest aus Lavant-Texten. 

Die bisher erschienenen Serienteile unter: diepresse.com/Dichter&Denker

IN 30 SEKUNDEN


CHRISTINE LAVANT

1915

Geburt. Neuntes Kind eines Kärntner Bergmanns.

1933

Lyrik. Veröffentlichung der ersten Gedichte.

1946

Arbeitsrausch. In 15 Jahren schreibt sie 1800 Gedichte.

1948

Buch. Das Kind – erste Veröffentlichung.

1973

Tod. Nach einem Herzinfarkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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