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Architektur auf Augenhöhe

10.05.2017 | 18:43 |  Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Die Giraffen im Tiergarten Schönbrunn ziehen in ein neues Haus. Im Savannen-Design und mit reichlich Platz für ausgestreckte Zungen.

Artgerecht. DI Peter Hartmann gestaltete die neue Umgebung für die Giraffen. / Bild: (c) Christine Pichler 

Höher geht's nicht. Wo die schwarzen Borsten auf den Hörnern allmählich ausfransen, dort endet auch die Giraffe. Der Boden, der kann schon mal fünf Meter darunter liegen. Auch zwischen Schwanz und Nasenlöchern kommt so einiges an Platzbedarf zusammen. Und dabei ist die Zunge noch lange nicht ausgefahren – Option auf 45 Zentimeter plus. „Aber auch die Länge der Zunge haben wir natürlich einkalkuliert“, erzählt Architekt Peter Hartmann, „wir haben sogar ein Holzgestell gebaut, das wir an einem Gelenk nach vorne beugen konnten.“ Denn Zoogestalter sind Balancekünstler: im architektonischen Ausverhandeln von gewünschter Nähe und nötiger Distanz. Zwischen Bewohnern, den Tieren und den Besuchern, die Kontakt nicht immer nur mit den Augen suchen. Auch im neuen Giraffenhaus, das diese Woche in Schönbrunn eröffnet wurde, kommen sich zwei Spezies so nahe, dass sich ihre ausgestreckten Hände und Zungen gerade nicht begegnen.

Hartmann muss als Architekt im Zoo sogar noch so einiges mehr austarieren: die Bedürfnisse der Tiere, die Wünsche der Zoo-Kuratoren, die Ansprüche der Pfleger sowie die Erwartungshaltungen der Besucher. Dazu kommt das, was Haustechnik und Sicherheit verlangen. Schließlich will ein moderner Zoo wie der Schönbrunner Tiergarten vieles zugleich sein: ein Freizeitpark, ein Artenschutzzentrum, aber auch eine Art Museum, mit dem Unterschied, dass es deutlich mehr Besucher anzieht als jene, die Kunst im Namen tragen.

Hausbesuche. In Schönbrunn hat Hartmann den unterschiedlichsten Spezies bereits Häuser und Habitate gebaut: den Elefanten, den Orang-Utans, den Pandas, den Vögeln im Regenwald. Oder auch den Eisbären. Wenig Bär pro Quadratmeter hieß im Polarium das Konzept, gut für die Tiere, dafür umso mehr Inhalt auf den Displays und didaktischen Schautafeln, gut für die Besucher. „Jedes Haus war ein Prototyp für sich, der unterschiedlichste Bedürfnisse und auch pflegerische Anforderungen erfüllen musste“, erzählt Hartmann. Er ist Architekt in einer Welt, die den größten Zeitraum der Evolution gut ohne Architekt auskam. Schließlich sind die Tiere meist ohnehin ihre eigenen Baumeister. Oder sie brauchen gar keine Häuser. Die Institution Zoo braucht jedoch welche. Und die Giraffen in Schönbrunn benötigten schon dringend ein neues.
Mit der neuen Anlage verdreifachte sich die Fläche für die Tiere. Auch der Außenbereich wurde vergrößert, vor allem aber der Innenraum: Am denkmalgeschützten bestehenden Giraffenhaus aus dem Jahr 1823 dockte ein Wintergarten an, der sich geschickt aus den historischen Sichtachsen des ältesten Zoos der Welt wegduckt, aber trotzdem 430 Quadratmeter groß ist. Dort können sich die Tiere auch in eisigeren Zeiten, wenn es rutschig wird, ihre langen Beine vertreten. Der Entwurf hievt jedenfalls die Besucher erstmals auf Giraffenniveau: Auf einer Galerie können sie den Tieren tief in die Augen und Ohren schauen. Oder einfach auf ihre Höcker und Hörner starren. Außerhalb der Zungenreichweite.

„Die Architekturgeschichte des Zoos ist zugleich ein Abbild vom abendländischen Verhältnis des Menschen zum Tier“, schreibt Natascha Meuser in ihrem Buch „Architektur im Zoo“, das kürzlich im Verlag DOM Publishers erschienen ist – ein opulent gestaltetes Panoptikum eines gestalterischen Terrains, das lange gar nicht als solches wahrgenommen wurde. Nach Meusers Recherche und Analyse habe die Zooarchitektur die verschiedensten Stadien und formal-stilistischen Phasen durchlaufen. Zunächst waren die Menagerien kaum mehr als eine Kreuzung von ästhetisch bearbeiteter Gefängnis- und Ausstellungsarchitektur. Ein paar Gestaltungsphasen später waren die Gitter fast gänzlich verschwunden, die Tiere dafür beinahe auch – in üppig ausstaffierten Landschaftspanoramen, die wie Filmkulissen oder Bühnenbilder wirkten. Oft bemühten sich die Gestalter der Tieranlagen in den Zoos der Welt allzusehr um Natürlichkeit, was den künstlichen Eindruck erst recht strapazierte. Dann wirkte die Savanne so authentisch wie der Wilde Westen bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.

Heute wählen Architekten wie Hartmann in der Zooarchitektur gern ein paar subtilere Referenzen. Die ästhetisch sinnvollere Strategie: nicht nachahmen, lieber dezent anmuten lassen. Mit ein paar klug gesetzten visuellen, atmosphärischen Hinweisen. Im Giraffenhaus musste Hartmann den wichtigsten erst gar nicht setzen, sondern nur hereinlassen: das natürliche Licht. 237 Quadratmeter Glas bieten genug Fläche dafür. Gesprengelt ist das Dach mit einer Struktur aus Kacheln. Ihre Fotovoltaik-Zellen ernten die Sonnenenergie, die das Haus mit Strom versorgt. In den Raum darunter werfen sie ein Schattenmuster. Oder auch ein Blätterdach zweiten Abstraktionsgrades. Schließlich spielt das Baummotiv im neuen Giraffenhaus auch eine sprichwörtlich tragende Rolle: Die mittigen Stahlpfeiler stützen die Dachkonstruktion. Sie sind so geformt, dass man sie auch als Bild einer Schirmakazie deuten könnte. Jenem Baum, der beinahe ikonisch im kollektiven Bilderalbum Afrikas abgespeichert ist. Die stilisierte Schirmakazie wurde in Savannenfarben getüncht, natürlich nur in welche, an der Giraffenzungen im Ernstfall auch lecken dürften. Der Baum aus Stahl trägt noch mehr als das Dach: haustechnische Funktionen wie die Lüftung etwa. Die Vorgehegezone, das Niemandsland zwischen Mensch und Tier, ist als Steingarten angelegt, die Galerie, auf die auch ein Aufzug führt, ist in Beton gefasst. Und mit dem Stockhammer nachbearbeitet. Eine unregelmäßig raue Struktur war die Folge, als wäre es Stein. Und weiter gedacht wieder: Savanne.

(c) Christine Pichler Anmutung. Die Farben und Formen der Savanne waren Vorbild für das Design. (c) Christine Pichler Anmutung. Die Farben und Formen der Savanne waren Vorbild für das Design.

Der neue Wintergarten liegt im Rücken des konzentrisch angelegten Ensembles aus architektonischen Tortenstücken, dem „Logenkreis“, der ursprünglich zwölf spektakulären Tiergattungen gewidmet war. Die Giraffen waren 1828 erstmals nach Wien gekommen. Ein Ereignis, das sich auf alle möglichen gesellschaftlichen und gewerblichen Ebenen niederschlug. Von der Torte bis zur Frisur. „Die Erhaltung des historischen Ensembles macht das Einmalige an Schönbrunn aus“, sagt Hartmann. Für Architekten allerdings kein leichtes Revier. Das Denkmalamt war genauso ständige Anlaufstelle im Entwurfs- und Planungsprozess wie die Zoo-Kuratoren, die Pfleger und sonstige Experten, die viel wissen und viel fordern. „Da geht es darum, die ästhetischen Vorstellungen mit den Vorgaben in Einklang zu bringen. Und manchmal auch die eine oder andere Gewohnheit in der Gestaltung zu hinterfragen. Ein spannender Planungsprozess“, sagt Hartmann.

Tipp

Architektur im Zoo, von Natascha Meuser, erschienen im Verlag Dom Publishers, zeigt ein opulentes Panorama einer gestalterischen Nischendisziplin. www.dom-publishers.com

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