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CreativeClass: Clemens Auer

07.09.2017 | 16:11 |   (Die Presse - Schaufenster)

Der Designer Clemens Auer ringt sogar vermeintlichen Archetypen wie der Pinzette ganz neue Formen ab.

Clemens Auer / Bild: beigestellt 

 Wie verstehst du deine Rolle als Designer?

Ich mache kein Marketing-orientiertes Design, das heißt mein Mindset orientiert sich nicht an Trends oder an dem, was manche für gerade "angesagt" halten. Das sollen gerne andere machen. Sicher kann ich mich dem auch nicht ganz entziehen, aber mein gestalterischer Ausgangspunkt sind nicht Marmor und Messing. Natürlich tut man sich kurzfristig mit diesem Anspruch ein wenig schwerer, aber ich bin zuversichtlich, dass sich meine Einstellung zur Gestaltung auf lange Frist auch rentiert.

Verbesserst du den Alltag, die Welt? Oder den Mikrokosmos einer kleinen Gruppe Menschen, die es sich leisten können?

Ich denke die Nachkriegszeit hat im Design viele Verbesserungen für den Alltag und die Welt gebracht, und in diesem Zusammenhang war auch der Anspruch des Designers als Weltverbesserer gerechtfertigt.  Jetzt funktioniert die physische Welt eigentlich sehr gut. Als Designer muss man sich schon sehr genau überlegen, worin seine Existenzberechtigung überhaupt besteht. Ich versuche, genuin innovativ im Gebrauch und damit auch in der Form zu sein. Es kann gut sein, dass ich durch die Konsequenz auch übers Ziel hinaus schiesse. Schnell ist dann auch dann die Aussage parat: "Dann ist es halt Kunst". Ich selber allerdings habe alle meine realisierten Entwürfe bei mir zuhause im ständigen Gebrauch.

Mit welchen Aufgaben beschäftigst du dich am liebsten? Offensichtlich auch mit den Dingen, die so wirken als könnten sie gar nicht anders aussehen, Pinzetten etwa. Oder Leitern.

Wenn sich ein Anhaltspunkt findet, Dinge komplett neu zu denken, interessiert mich die Aufgabe. Sonst nicht. Sowohl die Leiter als auch die Pinzette hatten die Möglichkeit, sie völlig neu zu denken, in sich und deshalb diese neuen Formen entstanden. Wobei ich mittlerweile glaube, dass sich in fast jedem Objekt so ein Hebelpunkt finden lässt.

Welche Ideen und Zugänge stecken hinter Leiter und Pinzette?

Die Leiter hatte die Idee, das Tripp-Trapp-System - oder die Fischertreppe. sprich: beide Schritte sind gleichwertig und kein vertikales Hinken - auf eine Leiter zu übertragen. Bzw. die Natürlichkeit, einen Baum zu beklettern. Und die Pinzette ist einfach nur die Geste von Daumen und Zeigefinger, wenn man zwickt, in ein Produkt übersetzt. Beiden Objekten liegt zu Grunde, dass ich das Design des Archetypen infrage gestellt habe, und nicht nur eine Variante dieses Archetypen. So wie der Tulip Chair hinterfragt hat, warum ein Stuhl vier Beine haben muss. Im Grunde habe ich neue Archetypen mit beiden geschaffen.

Designer Clemens Auer: Neue Archetypen

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Welche Design-Probleme würdest du am liebsten noch lösen? Flugzeugterminals? Wartezimmer? Wo braucht die Welt noch am ehesten die Hilfe von DEesignern?

Wie gesagt, wenn sich ein Hebelpunkt findet, den Archetypen zu hinterfragen, ist das interessant. Das kann jedes Objekt betreffen. Generell braucht die Welt sehr wenig von Produktdesignern, gegen Design mit Sozialanspruch ist natürlich nichts zu sagen, aber da liegt es eher daran, dass unsere Welt noch immer sehr im Argen liegt und ein Designer, genauso wie ein Arzt oder Techniker, beitragen kann, Leid zu lindern. Ansonsten ist Design eine veraltete Branche, die oft versucht, sich neu zu erfinden und ihre Existenzberechtigung oft in anderen Bereichen sucht, wie in der Maker-Bewegung momentan. Aber auch in der IT lässt sich sicher mehr bewegen und gestalten.

Gibt es Produkte, Dinge, die du besonders faszinierend findest und warum?

Opulente Glasobjekte finde ich gerade sehr spannend, zum Beispiel von Hanna Hansdotter. Überhaupt, Menschen, die Grenzen ausloten, vielleicht manchmal sogar darüber hinausgehen, faszinieren mich. Mit Sichtweisen spielen oder sie brechen. Das sind eigentlich Ansprüche, die aus der Kunst kommen, Menschen herausfordern hat soviel mehr mit Kunst als mit Design, das viel zu oft gefällig ist und um Sympathie heischt, zu tun.

Wie steht's um deine generelle Beziehung zu den Dingen? Umgibst du dich mit vielen, hängst du an einigen? Sammelst du welche und wenn ja warum?

Ich bin gerade dabei, mich von sehr vielen Dingen zu trennen. Ich bin ein Sammler und denke, dass diese Objekte auch ein Stück weit zuhause definieren, aber man braucht doch viel weniger als man denkt. Ich habe viel Kleinzeug, Kannen, Keramik, Schalen, Glas etc. Scheibbser Keramik finde ich spannend, das war expressive Keramik an der oder jenseits der Grenze zur Geschmackslosigkeit. Und ich bin in Scheibbs aufgewachsen.

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