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Spiegel: Narzissten und Goldmünder

09.02.2017 | 10:23 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Schönheitsideale aus Glas: Spiegel, die mehr zeigen als nur das Spiegelbild.

Ohrgehänge. Glas mit Quasten: Spiegel „Panache“ von Petite Friture. / Bild: (c) Beigestellt 

Der Spiegel hat auch so seine Stammplätze im Zuhause der Menschen. Meistens sind es die vertikalen Flächen der Wohnung, hauptsächlich dort, wo man traditionellerweise intensiv mit sich selbst beschäftigt ist. Dazu gehört das Bad etwa. Anziehen, frisieren, schminken – seit die einzigen Diener im Haus „stumm“ und gleichzeitig Möbel sind – sind auch so auf sich bezogene Tätigkeiten. Gern ausgeführt im Vorzimmer, im begehbaren Schrank oder auch im Schlafzimmer. In anderen Wohnräumen kann der Spiegel trotzdem stumm dienen, ohne das eigene Spiegelbild zurück in den Raum zu werfen: Spiegel beherrschen das Verdoppeln, das Räumeerweitern, das Blickelenken, das Lichtspiel. Aber auch ganz basale Hilfestellungen wie: einfach mehr Licht in den Raum bringen etwa. Doch wer achtet schon auf den Spiegel und seine Schönheit, wenn man mit seiner Hilfe so schön auf sich selbst achten kann?

(c) Beigestellt Inselbildung.  Der Wandspiegel „Hawaii“ von  Cattelan Italia. Inselbildung. Der Wandspiegel „Hawaii“ von Cattelan Italia. / Bild: (c) Beigestellt 

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Nomenklatur. Die Spiegel selbst und ihre Designer nehmen sich oft doch wichtiger als die Betrachter, die sich in ihnen wiederfinden. Sonst würden sie wahrscheinlich nicht eher hochtrabende Namen für ihre Entwürfe wählen. Jedes kosmische Phänomen, jeder Himmelskörper ist den Herstellern interstellar genug, um es ins Universum des Wohnens zu transferieren. Da hängt etwa ein „Saturno“ vom Hersteller Flou an der Wand. Wie eine eiförmige Schüssel, die – wenn schon kosmisch, dann richtig – auch etwas ausstrahlt: Licht nämlich, dank LED-Rückbeleuchtung. Auch den Spiegel „Eclissi“ vom Hersteller Agape umgibt eine Lichtaura, die die Glaskreise umrahmt. Wie eine Korona während der Sonnenfinsternis, denn wie beim zitierten Himmelsphänomen scheint sich ein Körper vor den anderen zu schieben – designt hat diese Konstellation Gergely Àgoston.

(c) Beigestellt Erhellung.  „Eclissi“ von Agape spielt mit der kosmischen Erscheinung. Erhellung. „Eclissi“ von Agape spielt mit der kosmischen Erscheinung. / Bild: (c) Beigestellt 

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Das Thema Licht und Relexion, das verführt natürlich zum gestalterischen Spiel. Und das kann bei Spiegel oftmals ziemlich opulent ausfallen, oder zumindest raumgreifend: „Hawaii“ etwa, von Cattelan Italia, setzt organisch geformte Inseln aus verspiegeltem Glas in die Vertikale, gestaltet vom Studio Kronos. Schön auch, wenn nicht nur das Glas einen Rahmen bekommt, sondern vielmehr eine gesamte Gestaltungsidee: Wie etwa in der Möbelkollektion „Ren“, die das chinesische Designerduo Neri & Hu für den Hersteller Poltrona Frau entwickelt hat. Dort taucht der Spiegel nie isoliert auf, sondern immer im Kontext mit einer zusätzlichen Funktion. In Verbindung mit einem Garderobenständer etwa, mit einem Tischchen, einer Konsole oder einem stummen Diener. Es sind Möbel-Hybride, denen ein Nutzungseffekt allein nicht genug ist und die sich auch abseits der gewohnten Spiegelräume etablieren wollen. Holz, Messing und Leder sind die verarbeiteten Materialien. Und alle Stücke tragen die Signatur von „Ren“, dem Zeichen, das im Chinesischen für „Person“ oder „menschliches Wesen“ steht.

(c) Beigestellt Orbit. Der Spiegel   „Saturn“ vom Hersteller Flou zitiert das Universum. Orbit. Der Spiegel „Saturn“ vom Hersteller Flou zitiert das Universum. / Bild: (c) Beigestellt 

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Auch in der „Opalina“-Kollektion von Tonelli ist der Spiegel lediglich Teil einer Gesamtkonzeption. Ein Schminktisch, ein Schreibtisch, ein Kleiderständer und auch ein Hocker gehören zum Ensemble der gläsernen Möbel. Für die Gestalterin, Cristina Celestino, war es nicht nur eine formal-ästhetische Aufgabe, sondern auch eine kulturelle Recherche: Schließlich hat sie mit ihren neuen Entwürfen den Begriff „Opalina“ semantisch neu und breiter definiert. In der Glaskunst hat er zuvor hauptsächlich kleinere Objekte in spezifischen Farben bezeichnet. Jetzt steht er auch für Glasmöbel.

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