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Wald für das Wohnzimmer

02.03.2017 | 12:34 |  von Maria Schoiswohl (Die Presse - Schaufenster)

Wie bringt man den Wald – und damit das Wohlgefühl – ins Wohnen? Designer machen sich Gedanken dazu.

Entwurzelt. Stuhl aus der „Full Grown“-Reihe von Gavin Munro. / Bild: (c) Full Grown 

„Forest Bathing“, also das sprichwörtliche Bad im Wald, kommt als Entspannungstechnik aus Japan und wurde in den vergangenen Jahren auch in Europa als Wellnesstrend erkannt. Grundsätzlich geht es dabei um einen simplen Spaziergang im Wald, bei dem man – zusätzlich zur frischen Luft und den erdig bis blumigen Gerüchen, je nach Wald – ätherische Öle einatmet, um das eigene Wohlbefinden zu steigern. Leicht gemacht, wenn der Wald um die Ecke liegt. In der Stadt ist dieser jedoch oft weiter weg. Wer sich nun die Wohnung nicht mit Zimmerpflanzen vollräumen will, weil etwa auch der grüne Daumen dafür fehlt, der kann für das Naturgefühl zu formschönen Designlösungen greifen. „Man kann sich nirgendwo besser regenerieren als in der Natur“, meint etwa der Wiener Designer Sebastian Menschhorn. Für seine Arbeit ist die Natur umfassende Motivquelle – sie spiegelt sich in Blumenmustern auf von Menschhorn entworfenen Tellern oder in seinen Fantasietieren aus Porzellan, in Gletschervasen und -schüsseln aus Glas oder in seiner Serie „Wood“, bei der Baumrindenmuster feine Äderchen in Glasvasen zeichnen.

Seide und Eiche

Menschhorns Idee transformiert Holz und Glas, so scheint es, in ein neues Medium. „Je urbaner wir sind, desto größer ist unser Bedürfnis nach Natur“, sagt er. „Die Verbindung zur Erde ist signifikant für die Stabilisation unserer Psyche.“ Ein erdendes Projekt ist auch die Serie „Garten Eden“, für die der Designer grobe Natur mit feiner Zivilisationskultur kombiniert: Eichenstämme bilden die Basis für Tische, Bänke oder ein Bett, darauf glänzen glatte Oberflächen, weiche Seidenkissen. „Meine Projekte sollen die Verbindung zur Natur herstellen und sichtbar machen. Auch wenn wir von so vielen hochtechnologisierten Dingen umgeben sind – schlussendlich stammt alles aus der Erde.“

(c) Sebastian Menschhorn Sagenhaft. Aus der Serie „Garten Eden“ von Sebastian Menschhorn.Sagenhaft. Aus der Serie „Garten Eden“ von Sebastian Menschhorn. / Bild: (c) Sebastian Menschhorn 

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Das österreichische Designerduo Mischer’­Traxler – bestehend aus Katharina Mischer und Thomas Traxler – ist bekannt für Installationen und Projekte mit Naturbezug: In der „Curiosity Cloud“ etwa erwachen in einem Lampenhimmel Insekten, wenn man an ihnen vorübergeht. „Reversed Volumes“ sind Schüsseln oder Tableaus, deren Hohlraum und Form vom Abdruck eines Gemüses, Obstes oder Blattes stammt. „Die Natur im Wohnraum schafft einen gewissen Gegenpol zu all der Technik und Perfektion. Damit bringt sie auf sehr einfache Art etwas Lebendiges, dennoch Kontrolliertes in den Wohnraum“, finden die Designer.

Mit ihrem aktuellen Projekt „Flying Gardens“ setzen sie, gemeinsam mit ihrem Kollegen Martin Robitsch, Pflanzen und Wasser ein als bewegliche Gestaltungselemente in ein Pflegewohnhaus für ältere Menschen. In einem Innenhof bewegen sich Farne an den Fenstern der Stockwerke vorbei, in einem zweiten Hof verteilen Wassersiebe in horizontaler Bewegung kleine Wassertropfen im Hof. So können auch Personen mit Bewegungseinschränkungen der Natur näher sein, die nicht ins Erdgeschoß des bewässerten beziehungsweise begrünten Hofes kommen. „Wir befassen uns in unserer Arbeit oft mit der Natur, weil wir darin Inspiration finden“, sagen Mischer’Traxler. „Andererseits glau­ben wir, dass wir alle oft vergessen, dass wir auch nur ein Teil der Natur sind. Und nicht neben ihr existieren.“

„Ich kann ohne Pflanzen nicht leben“, sagt die Mailänder Designerin Alessandra Baldereschi: „Sie sind so viel mehr als nur dekorative Elemente.“ Die Natur beschäftigt Baldereschi ständig – in ihrer Kommoden- und Kastenserie „Rami“ wachsen Bäume anstelle von Griffen aus den Fronten. In ihrer Keramikkollektion „Odd Animals“ formen Schlangen Schüsseln, bergen Schildkröten Butter und zieren Maulwürfe Tableaus. Ihre Paravents aus Metall formt die Designerin nach Bäumen – und nennt sie „Woodlands“. Und für die Serie „Bosco“ gestaltet sie aus Moosen und Blättern Teppiche und Stühle.

(c) Jara Varela Pur.  „Reversed Volumes“ von Mischer’Traxler mit Frucht-Vorlagen.Pur. „Reversed Volumes“ von Mischer’Traxler mit Frucht-Vorlagen. / Bild: (c) Jara Varela 

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Sessel-Ernte

„Ich glaube, schon eine einzige Pflanze kann einen Raum freundlicher machen“, sagt Baldereschi. Für ihre aktuelle Glas­kollektion „Greenwood“, eine Serie von Gläsern und Ölkaraffen, lässt die Designerin – vielleicht deshalb – in den Gefäßen Blumen und Pilze aus Glas wachsen, oder setzt gläserne Blätter auf die Henkel. „Der Wald ist jener Ort, an dem sich die Schönheit zeigt“, sagt sie. Der Brite Gavin Munro gibt sich unterdessen nicht mit Glas zufrieden. Er bewirtschaftet in England Felder mit verschiedensten Baumarten, die er – über Kunststoffformen gebunden – zu Lampen, Stühlen und Tischen formt. Die Objekte wachsen so über mehrere Jahre. Vergangenen Herbst gab es die erste Lampen-Ernte, erste Sessel erwartet Munro Ende 2017 – wann genau ist noch offen, die Natur ist schließlich maßgeblich am Design beteiligt.

Gemeinsam mit dem dänischen Designer Maarten Baas hat Munro auch das Projekt des „Tree Trunk Chairs“, des Baumstamm-Sessels, gestartet: Dabei wächst eine spezielle Form in einen Baum ein. Nach 200 Jahren wird die Form gelöst und der Baum gefällt. Der erste Baum dafür gedeiht bereits im Groninger Museum in Holland; das Museum ist auch für die – jahrhundertelange – Pflege des Objekts verantwortlich. „Menschen können oft von der Welt, die sie umgibt, abgetrennt sein, vor allem, wenn sie in Städten leben“, sagt Ed Lound, ein Mitarbeiter von Munro: „Dann wünschen sie sich, ein bisschen von der Ähnlichkeit, die sie mit der Natur haben, zurückzugewinnen. Indem sie die Natur nach Hause bringen.“

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