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Eine Bühne für den Vorhang

10.03.2017 | 11:38 |  von Maria Schoiswohl (Die Presse - Schaufenster)

In der Gestaltung des Wohnalltags bekommen die hängenden Stoffbahnen ganz neue Aufmerksamkeit.

Textilmeisterin. Im „Maison à Bordeaux“ war Petra Blaisse am Werk. / Bild: (c) Inside Outside 

„Wer Vorhänge nicht mag, sollte das Bild, das er davon im Kopf hat, erst einmal hinterfragen“, sagt Christine Schwaiger. Sie ist Architektin und Leiterin des Masterstudiengangs „Raum und Information“ an der New Design University (NDU) in St. Pölten. „Der Vorhang ist für mich als Planerin ein sehr wichtiges Gestaltungselement. Man kann temporäre Raumzonen und Atmosphäre schaffen, man verleiht dem Raum eine haptische Qualität.“

Schwaiger nutzt Vorhänge, um einen Raum im Raum zu schaffen, wie etwa bei der Ausstellung „Friedrich Kiesler. Lebenswelten“ im MAK, um Büroräumlichkeiten auch etwas Wohnzimmeratmosphäre zu injizieren oder um in Shops wie Kitsch Bitch im vierten Wiener Gemeindebezirk eine Umkleidekabine „einzubauen“. „Früher war es als Gestalter viel schwieriger, Vorhänge zu verwenden. Das ist heute anders“, sagt Schwaiger.

(c) Kvadrat Privatraum. Der Vorhang unterstützt das Bedürfnis nach Rückzug.  Privatraum. Der Vorhang unterstützt das Bedürfnis nach Rückzug. / Bild: (c) Kvadrat 

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Mit der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts wurde der Vorhang radikal aus dem Wohnraum verbannt. Die Schwere der Bürgerlichkeit, drapiert in Samt und Seide, musste raus. Die Form der Architektur verdrängte die Emotion des Dekors. Ein markantes Beispiel ist das „Maison à Bordeaux“ des Rem Koolhaas: Es zählt zu den wichtigsten Bauten zeitgenössischer Architektur. Der niederländische Architekt gestaltete es in den 1990er-Jahren für eine Familie in Bordeaux. 15 Jahre danach erneuerte die Britin Petra Blaisse die Textilien des Hauses. „Blaisse gilt als die Meisterin des Vorhangs“, sagt Schwaiger. Reflektierende, silberne Vorhänge, weiße Vorhänge mit runden Sichtfenstern, blaue Vorhänge mit waagrechten Lichtschlitzen – Blaisse griff zu allen gestalterischen Mitteln.

Intimität vs. Präsentation. „Verhüllen, enthüllen, erscheinen, sich verbergen, sich bergen – der Vorhang ist ein Zeichen für so vieles“, sagt Irene Nierhaus. Die Professorin für Kunstwissenschaft und Ästhetische Theorie an der Universität Bremen leitet auch das Forschungsfeld „Wohnen +/- ausstellen“ des Mariann-Steegmann-Instituts Kunst & Gender. „Früher war der Vorhang eine großbürgerliche Schwelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Das neue Wohnen der klassischen Moderne besteht hingegen nur aus Fenstern, aus denen man hinaussehen kann.“
Im 19. Jahrhundert ist der Vorhang Ausdruck für Herrschaft, für Luxus. In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts, nach dem Krieg, ist er erneut ein Thema. „Im Wohnbereich muss man den Vorhang immer in Zusammenhang mit der Ökonomie sehen“, sagt Nierhaus. Das können die Brüder Peter und Bernd Kohlmaier der Traditionsmanufaktur Kohlmaier bestätigen. „Seit der Krise 2008 sind Vorhänge wieder richtig in Mode gekommen“, sagt Peter Kohlmaier. „Die Menschen haben begonnen, mehr Geld für ihre Wohnung auszugeben.“

Üppige Raffbögen und Seidenzipfel-Dekorationen in großen Villen, klassische Stores als schlichter Sichtschutz, schwere Vorhänge als Akustikelement in Büros oder einfache Schlafzimmergardinen zur Verdunkelung – all das hat die Manufaktur im Repertoire. Genauso wie Spezialanfertigungen wie etwa am Erste Campus in Wien einen eckig gefalteten Bühnenvorhang, eine Zusammenarbeit mit dem Künstler Florian Pumhösl. „Es gibt Menschen, die den Vorhang zelebrieren. Da sind wirklich schöne Sachen möglich“, sagt Peter Kohlmaier. Glitzer und Geometrie prägen den Vorhang urbaner Wohnungen, Naturfaser und Naturmuster jenen auf dem Land. Je nach Kundenwunsch wählen Bernd und Peter Kohlmaier Material, Muster und Menge. Die meisten Stoffe kommen aus Europa, etwa von Fortuny, Dedar, De Ploeg, Kinnasand oder Leitner Leinen – darunter findet sich handbedruckter Damast aus Venedig genauso wie Leinen aus dem Mühlviertel.

(c) Kvadrat Vorhang rauf. Der „Ready Made Curtain“ vereinfacht die Installation. Vorhang rauf. Der „Ready Made Curtain“ vereinfacht die Installation. / Bild: (c) Kvadrat 

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Mobiler Vorhang. „Es gibt heute ein größeres Bewusstsein hinsichtlich Materialien und Textilien in der Architektur und im Design“, meint Isa Glink, Kreativdirektorin des schwedischen Textilherstellers Kinnasand. In ihrer Arbeit kombiniert sie „Gewebetechniken und neue Verfahren mit verschiedensten Garnen, immer auf der Suche nach überraschenden Elementen.“ Dafür arbeitet Glink mit Leinen, Baumwolle, Wolle, Seide, synthetischen oder metallischen Fasern – in der aktuellen Kollektion Constructure steckt etwa Papiergarn. „Textilien sind in der Lage, durch ihre pure Materialität, Farbe und Textur ein klares Statement im Raum zu setzen“, sagt Glink. Auch wenn man die Räume öfter wechselt: Der „Ready Made Curtain“ von Kvadrat etwa wendet sich konzeptuell an die sogenannten urbanen Nomaden. Das Installationssystem – aus Holz mit Klammern und einer Schnur – ist wie gemacht für jene, die öfter einmal einen Vorhang anbringen wollen und müssen.

„Der Vorhang der Bouroullec-Brüder lässt sich schnell demontieren und mitnehmen“, sagt Schwaiger von der NDU. Themen und Aspekte wie Cocooning, Einhüllen, Nicht-gesehen-Werden seien gerade bei ihren Studierenden wieder ein Thema. „Bei uns Lehrenden ging es in der Studienzeit ums Rausgehen, darum, sich selbst zu finden. Jetzt geht es vielmehr um das Zurückziehen.“ Und der Rückzug ins Private wird auch in dieser Generation vom Vorhang begleitet.

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