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Zu schön für die Schreibtischlade

28.04.2017 | 15:18 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Radieren, klammern, spitzen, kritzeln und notieren: die Ästhetik von Schreibkultur und Bürobedarf.

Bild: (c) Beigestellt 

Die Buchstaben werden weniger. In den Zeitungen genauso wie in den Briefen, die heute meistens Mails heißen. Heute sind die Bilder gern die Überbringer der Botschaft. Schließlich erreichen sie meist schneller ihr Ziel, das Hirn des Rezipienten. Direkter vor allem als Zeichen, die mühsam und noch dazu meist willkürlich mit Bedeutung im Laufe der Sprachgeschichte aufgeladen wurden. „Übervisualisiert“ haben manche pessi­mistische Stimmen die Gegenwart schon genannt. Besonders jene, die zwischen all den digital unverbindlich und schnell verfassten Zeilen schon eine Quote in die Höhe schnellen sahen: jene der „haptischen Analphabeten“. Menschen also, die mit ihren Händen nicht so recht etwas anzufangen wissen. Und noch weniger mit den Sinneseindrücken, die ihnen ihre Hände ins Hirn schicken. Manche, auch das sagen die Kulturpessimisten, kennen die eigene Handschrift bestenfalls vom Einkaufszettel oder vom Kreuze-auf-dem-Parkschein-machen. Trotzdem nehmen die Köpfe der Menschen allmählich neue Verbindungen auf: mit den dazugehörigen Händen. Und sogar mit den Werkzeugen, die sie halten. Nicht nur im Design- und Produktionsprozess der Dinge. Sondern auch, wenn es einfach darum geht, sich Gedanken zu machen, diese zu formulieren und womöglich auch zu ordnen, auf Papier zu strukturieren oder mit Hilfe einer Büroklammer mit anderen zu verbinden.

Hand und Herz: Analoge Schreibkultur

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Analoge Schreibkultur. Stift, Papier und alles drumherum – sie bremsen die Gedanken. Im positiven Sinne. So fließen sie nie schneller als die Tinte aus der Patrone in die Feder vorn. Der Grafik-Designer Michele Falchetto hat vor ein paar Jahren das flexible Notizbuch-System Moduletto entwickelt, ein Gummiband verbindet die verschiedensten Papiereinlagen, so hat er die Vorteile des digitalen Kalenders und Schreibens – die Redigierbarkeit – einfach analogisiert. Auch deshalb, wie Falchetto erzählt, weil er die „analogen Verschnaufpausen“ selbst so schätzte. Wenn man etwa den Kalender aus seinem Schuber zieht, in den Seiten blättert – das gewährt ein paar Sekunden, mehr brauchen manche Gedanken auch nicht, um zu reifen. Auch beim Schreiben schenken die Menschen den Buchstaben wieder mehr Aufmerksamkeit.

Oder vielmehr: den Instrumenten, mit denen sie sie setzen, händisch, auf das Papier, dem ersten Reibungspunkt der Gedanken mit der Realität. Und wo sich Gedanken häufen, stapelt sich bald auch Papier, das man so herrlich ordnen, klammern, heften, kleben, archivieren kann. Noch etwas anderes wird wieder häufiger, behauptet zumindest das Buch „Schreibwaren“, das im Prestel Verlag erschienen ist – die Geschäfte, die die Schreibkultur pflegen und neu zelebrieren. Es sind analoge Oasen, die zum Teil nostalgische Liebhaber-Bedürfnisse bedienen, zum Teil ganz pragmatische. Mit Dingen und Produkten, die in ihrer Form oft so archetypisch scheinen wie Büroklammer und Aktenordner. Oder manchmal ästhetisch und funktional so unverwechselbar wie Designikonen.

Traditionsreich. Dort, wo der Wandel meist ziemlich drastisch durchrauscht, auf der Wiener Mariahilfer Straße, hat sich auch ein Geschäft verwurzelt, in dem Hände, Augen und sogar die Nase reichlich Sinneseindrücke sammeln können: Miller widmet sich der Schreibkultur (und hat sich deshalb auch die gleichnamige Internet-Domain gesichert, www.schreibkultur.at). Die Tradition, der laut dem Band „Schreibwaren“ noch reichlich Zukunft blüht, hat in diesem Fall 1866 begonnen, als der Ururgroßvater des jetzigen Inhabers, Georg Mosler, von Ulm nach Wien kam. Den Wienern Stahlfedern zu verkaufen – das war die Geschäftsidee. Ein gut gewählter Zeitpunkt damals. Denn wie Mosler erzählt, gab es unzählige Gründe und Anlässe, Federn in Tinte zu tauchen.

Allein der kaiserliche Beamtenapparat hatte so einiges zu verfassen, schriftlich zu vermerken, anzuweisen. Alles handschriftlich und gern auch noch so wie schon viele Jahrhunderte zuvor: mit einer Gänsekielfeder. Sie war das gebräuchliche Werkzeug, um mittelalterliche Dokumente zu unterzeichnen genauso wie Unabhängigkeitserklärungen neu gegründeter Staaten. Auch die industrielle Revolution produzierte nicht nur neue Güter in ungewohnter Menge, sondern auch zum ersten Mal eine Menge Bürobedarf. Die zweite Generation der Millers in Wien, Georg Moslers Urgroßvater, machte mit Geschäftsbüchern schon einen guten Teil seines Umsatzes. Aber auch mit Papier. Allerdings diente es nicht vorrangig als Schreibmaterial, sondern eher als Werkstoff, etwa für das Auskleiden der Schachteln, in denen die Damen und Herren gern ihre Hüte aufbewahrten und transportierten.

Das Sortiment wuchs, gemeinsam mit der Zahl der Patente und Erfindungen, die das Schreiben und auch den Bürobetrieb angenehmer, effizienter und übersichtlicher machten. Doch gerade am Projekt Füllfeder tüftelte man besonders lang. Allmählich waren im 19. Jahrhundert zumindest die Stahlfedern in punkto Biegsamkeit so weit: nämlich die Gänsekielfeder abzulösen. Die abgeschnittene, zugespitzte Form hatten sich die neuen Schreibgeräte ohnehin vom natürlichen Vorbild abgeschaut. Der Gänsekiel bot im hohlen Schaft zumindest ein kleines Tintenreservoir. Was der Stahlfeder fehlte, war der Tank, ein Behälter, der für Tintennachschub sorgte. Denn bis dahin musste der Schreiber dort schreiben, wo auch ein Tintenfässchen war, in das er alle paar Zeilen das Schreibgerät tunken musste.

Für die erfolgreiche Entwicklung der Füllfeder schließlich war auch L. E. Waterman mitverantwortlich, ein Versicherungsmakler aus New York. Ein Tintenklecks auf einem Vertrag soll ihn animiert haben, sich mit der größten Herausforderung zu beschäftigen: gleichmäßigem Tintenfluss. Waterman konstruierte einen Tintenleiter, der zum technischen Standard der Füllfeder wurde. Im zwanzigsten Jahrhundert bereicherte auch das Unternehmen Pelikan das Sortiment der Schreibwarengeschäfte, so auch jenes von Miller. Etwa auch mit dem Patent des Differentialkolbens im Jahre 1929, der das Patzen mit Tinte verhinderte.

Erfindungsreich. Einige Füllfedern aus der Pelikan-Kollektion wurden in den Jahrzehnten danach zu Ikonen ihrer Zeit, auch weil sie in wichtigsten Kontexten des Schreibens, dem Klassenzimmer etwa, fast so etwas wie allgegenwärtig waren. Vor allem aber war es Ende der 1950er-Jahre die Erfindung der Tintenpatrone, die das Erscheinungsbild des Schreibtischs aufräumte. Das Schreiben wurde noch flexibler. Haptik, Material und Oberflächenbeschaffenheit, dazu die ausgeklügelte Gewichtsverteilung, die ergonomische Formung, all das seien Kriterien eines idealen Schreibgeräts, sagt Georg Mosler. Aber vor allem sei es auch eine Sache der individuellen Abstimmung zwischen Hand, Vorlieben und Schreibwerkzeug. Doch zumindest im stummen Wettbewerb zwischen Kugelschreiber, der Ende der 1920er-Jahre erfunden wurde, und Füllfeder traut sich Mosler einen definitiven Sieger auszurufen: „Das schönste Schriftbild hat jedenfalls die Füllfeder. Allein durch die Variation der Schriftbreite kann man eine persönliche Note erzielen.“

Konservativ, innovativ. Nicht nur die Vitrinen des Geschäfts füllten sich bei Miller mit immer neuen Patenten. Ebenso der Büroartikel-Katalog wie auch die Schreibtischschubladen in aller Welt, und zwar mit Dingen, die inzwischen so vertraut sind, dass man annimmt, sie könnten gar nicht anders aussehen. Bis dann und wann Designer auch das Selbstverständliche hinterfragen: wie etwa die niederländische Designerin Daphna Laurens, die Büroklammern plötzlich ganz anders formte und färbte, als es den Milliarden in den Schreibtischladen zuvor widerfahren war, wie im Buch „Schreibwaren“ nachzulesen ist. Selbst Büro-Werkzeuge, die den Anschein machen, es gebe kaum ästhetische Alternativen, wie Klammer-, Lochmaschine und Konsorten, folgen dem Weg, den Möbel längst gegangen sind und Küchengeräte gerade gehen: Sie nehmen Farbe auf und stellen plötzlich noch andere Ansprüche, als einfach nur gut zu funktionieren. Auch der österreichische Hersteller Brevillier Urban & Sachs, der seit Jahrzehnten kon­­sequent Federpenale, Schultaschen und unaufgeräumte Schreibtische mit Produkten füllt, hat manchen Büroartikeln der Marke Sax ein Designupdate verpasst.

Trotz spürbarer Renaissance des Analogen verschwindet die Ästhetik händisch geschaffener Schriftbilder allmählich aus dem Alltag. Doch zumindest hält sie ein Notizbuchhersteller hoch: Paperblanks abstrahiert die Manuskripte berühmter Künstler, Komponisten und Schriftsteller zum Ornament und schmückt damit die Einbände einer Kollektion unter dem Namen „Faszinierende Handschriften“. Auch deshalb beschwören die Hersteller die haptischen und ästhetischen Qualitäten so sehr, weil sie befürchten, die digitale Welle könnte samt potentizellem Umsatz ohne sie davonrollen. Manchmal wagen sie auch die artistische Verrenkung, in beiden Welten, digital wie analog, einen Fuß in der Tür zu haben: Moleskine etwa, eine Marke, die den Mythos des Handgeschriebenen seit jeher im Marketing bemüht, entwickelt auch Notizbücher, die mithelfen, Handschrift möglichst präzise in die digitale Welt zu übertragen. Auch die Marke Montblanc versucht der hochwertigen, luxuriösen Schreibkultur ein digitales Terrain zu öffnen. „Augmented Paper“ heißt das passende Konzept dazu: Ein Schreibgerät und ein Notizbuch, zusammengefasst in edlem Leder, sollen Buchstaben, Gedanken, Zahlen und Ideen per Knopf auf das mobile Endgerät der Wahl schicken.

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