Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Urbane Schlupfwinkel: "I like it. What is it?"

20.06.2017 | 08:46 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Privatsphäre im öffentlichen Raum: Fünf Designer tüftelten in Graz daran.

Sichtwechsel. Liegen im Stadtraum, und das noch dazu oben: Die Idee hatte Wolfgang Pichler Design. / Bild: (c) Miriam Raneburger 

Aus der Reihe englischer Sätze, beliebig anwendbar in der Kunst- oder Designausstellung: „I like it. What is it?“ Auch in Räumen, in denen die Menschen genauso exponiert sind wie die Dinge – im Stadtraum – stehen Objekte, die ihre Funktion, ihre Existenzberechtigung nicht gleich aufdringlich verraten, so wie es Hydranten, Mistkübel oder Bushaltestellen tun. In und auf den Stadtmöbeln, mit denen die Stadt die Räume zwischen den Häusern einrichtet, müssen es sich manchmal auch die Funktionen erst bequem machen. Manche werden zum Pausenraum in der täglichen Agenda der Getriebenen. Oder zum Schlupfwinkel zurück in die Wirklichkeit von Hier und Jetzt, nachdem man sein eigenes Office, sein Smartphone, vor sich durch die halbe Stadt getragen hat. In Graz hat der diesjährige Designmonat gemeinsam mit dem Holzcluster Steiermark Gestalter animiert, sich Gedanken zu machen, wie man Räume in Räumen installiert, die weder Dach noch Wände haben und sich als Kurzzeitrefugien an realen Orten verankern lassen. Der Konzept- und Auftragstitel dazu lautete: „Smart Urban Privacy“. Fünf steirische Holzbaubetriebe haben sie in fünf Pro­­jekten vorübergehend verwirklicht, in Graz zeigten sie, was Stadtmöbel leisten können. Und was dazu im Speziellen auch der Werkstoff Holz vermag, außer dem durch und durch artifiziell anmutenden Raum die Anmutung von Natürlichkeit zurück­zugeben.

(c) Miriam Raneburger Modular. Hohensinn Architektur & Miniform lassen Nutzung und Arrangement mit ihrem Möbel offen. Modular. Hohensinn Architektur & Miniform lassen Nutzung und Arrangement mit ihrem Möbel offen. / Bild: (c) Miriam Raneburger 

+ Bild vergrößern

Refugien. Der Designmonat Graz lenkt das gestalterische Interesse beinahe schon traditionell auf die Möblierung des Raums, den sich alle teilen, und den viele ganz unterschiedlich nutzen. Früher waren noch die Telefonzellen die urbanen Kommunikationsknotenpunkte, an denen man sich mit seinen Netzwerken verlinken konnte, nachdem man Münzen einwarf. Heute tragen die Menschen ihre Telefonzellen in der Hand, das Büro in der Tasche und den Kaffeebecher durch die Straßen. Da müssen schon die Gestalter die Häfen legen, in denen man auch einmal stranden darf. „The Rough One“ von Architekt und Designer Martin Mostböck ist so eine Insel, in der man aus dem Alltag des urbanen Nomaden hinausschlüpfen darf und wieder kurz das Prinzip „Bleiben“ kultivieren kann. Auch wenn es nur ein paar Minuten sind, in denen die Stadt zum Hintergrundrauschen verschwimmt. In einem Nest der Privatsphäre, konstruiert aus Bau- und Brettschichtholz, realisiert von Design Development & Holzbau Forschung. Lärchenholzschindeln span­nen sich zum Kegel, doch nicht bis zum Boden. Schließlich soll man sehen, ob in dem Rückzugsnest schon andere pausieren und Ankerpunkte gefunden haben.

Vielseitig. Das Büro Hohensinn Architektur & Miniform wollte mit seinem Entwurf eines hölzernen Stadtmöbels gestalterische Offenheit unterstreichen: Was oben, was unten, vorne, hinten ist – das Objekt, das die Tischlerei Fritz Friedrich realisiert hat, macht nicht unbedingt Andeutungen. Die räumliche Situation konstituiert der Aufsteller, den Nutzen der Nutzer. Kippen, drehen, stapeln, anordnen – je nach Aufgabe und Situation lassen sich die Objekte modular und flexibel arrangieren.

Oder auch der „Grazer Hocker“: Entworfen hat ihn der Designer Thomas Feichtner, verwirklicht die Tischlerei Wolfgang Rosenkranz. Auch diese Sitzgelegenheit spricht die stumme Einladung aus, sich statt mit allen und der Welt, ein paar Momente mit sich und der Stadt zu verlinken und vernetzen. Aufgestellt wurden sie im Lesliehof im Grazer Joanneumsviertel. Die Hocker sind formal zwei gegengleich versetzte Sechsecke, ein geometrischer Kontrapunkt in der oft streng gerasterten, gewürfelten, architektonisch gequaderten Stadtlandschaft. In der Grazer Landhausgasse hingegen installierte das Büro Zweithaler das begehbare Stadtmöbel „Mikado“. Hölzerne Rundstäbe kamen zum Einsatz. Sie tragen eine Massivholzplatte, die geschützte Privatsphäre in abgestuftem Übergang zum öffentlichen Raum generiert. Designer Wolfgang Pichler verfolgte gemeinsam mit der Spezialtischlerei Der Hobel eine andere Idee: jene des Perspektivenwechsels, indem das Stadtmöbel die Sicht auf den urbanen Raum einfach ein wenig anhebt. Dem Entwurf nach darf man ruhig lange schauen: Schließlich ist das Objekt als Liegemöbel konzipiert.

(c) MAK/Georg Mayer Urbaner Gartenpavillon. Vor dem Wiener MAK, entwickelt vom Institut für Architektur der Angewandten. Urbaner Gartenpavillon. Vor dem Wiener MAK, entwickelt vom Institut für Architektur der Angewandten. / Bild: (c) MAK/Georg Mayer 

+ Bild vergrößern

Stadtbaum. Rund um das Wiener Museum für Angewandte Kunst hat die eine oder andere Geschichte der Stadtmöblierung schon begonnen. Ross Lovegrove, der britische Designer, hat im Jahr 2007, auf Initiative des damaligen Direktors, Peter Noever, den Entwurf des „Solar Tree“ vor das MAK gepflanzt. Ein Energiebaum, Lovegrove liebt das Organische, der Sonnenlicht oben erntet, nach unten Kunstlicht ausstrahlt und die mobilen Endgeräte der Stadtnomaden mit neuer Kraft speisen kann, eine urbane Docking-Station, auf der man im Licht des öffentlichen Raumes sitzt. Inzwischen hat der „Solar Tree“, der vom italienischen Leuchtenhersteller Artemide auch tatsächlich produziert wird, in manchen Großstädten des Planeten Wurzeln geschlagen, als Schnittstelle zwischen virtuellem und öffentlichem Raum.

Noch bis zum 22. Juni diesen Jahres hat sich eine andere Skulptur eine urbane Nische vor dem MAK erobert: „Kepos“, ein „urbaner Gartenpavillon“, der vom Institut für Architektur an der Universität für angewandte Kunst im Rahmen des MAK Future Lab entwickelt wurde. Der Pavillon lädt zum Interagieren ein, auch im virtuellen Raum über Social Media. Vor allem aber steht die Begegnung mit Pflanzen in der Stadt im Vordergrund. Und nebenbei wirkt die Installation auch als pflanzlicher Filter auf den urbanen Mikrokosmos.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr