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Leuchten zwischen Handwerk und Hightech

30.06.2017 | 09:00 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Stimmungsaufheller suchen sich ihre Nischen zum Strahlen.

Bild: (c) Beigestellt 

„Design follows anything“ – so viel haben wir schon gelernt. Im Bereich des Leuchtendesigns ist es oftmals auch der technologische Fortschritt, der die Richtung vorgibt, in die die Formen marschieren. Wenn sie nicht gerade auf der entgegengesetzten Spur unterwegs sind, in die Vergangenheit, um dort ein paar Klassiker mit neuer LED-Technologie abzuholen. Schon ganze Städte taucht die Technologie ins neue Licht. Genauso, wie sich die Augen in den Wohnräumen an neue Formen und Effekte gewöhnen müssen. Doch LED macht frei: Leuchten und ihre Entwürfe müssen sich nicht mehr um die Leuchtmittel und ihre Eigenschaften zwirbeln und schlingen. Sondern das eine, die Leuchte, und das andere, das Leuchtmittel, dürfen manchmal sogar schon verschmelzen. Die Hitzeproduktion, das ist immer weniger das gestalterische Hindernis. Da schon eher die gefühlte Temperatur der Lichtanmutung, mit der die Lichtempfänger erst noch warm werden müssen.

Kreatives Kunstlicht: Leuchten als Skulpturen

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Hell und dunkel. Gleichzeitig ist das Leuchten und Beleuchten seit der Erfindung der Fackel auch eine ziemlich archaische Aufgabe. Irgendwo zwischen technologischer Entwicklung und kulturellem Gedächtnis hat auch der österreichische Designer Martin Mostböck seine Leuchte „Eklipse“ verortet, die er für Viabizzuno entwickelt hat. „Die Idee war tatsächlich, Hightech und Lowtech miteinander zu verbinden“, erzählt Mostböck. Das eine in Form der LED-Technologie, das andere durch den Vorgang des Dimmens, denn das geschieht, indem man an einem Griff am Sockel dreht und zwei perforierte Rohre, die eine Lichtsäule bilden, zueinander in Stellung bringt. Dabei werfen die Öffnungen unterschiedlich viel Licht mit unterschiedlichen Effekten in den Raum. Schließlich: Effekte produzieren gehört auch schon zu den Aufgaben, die man den meisten Leuchten abverlangt. Dazu bemühen Hersteller gern neueste Technologien, die – im darwinistischen Jargon der Castingshows – „abliefern“ oder „performen“ müssen. Den Designern bleibt der Anteil, der den Lichtwellen ein paar poetische Schwingungen mit auf die Reise durch den Raum gibt. Die Effekte wollen sie nicht dem Licht selbst überlassen, auch die Leuchten sollen schon „zaubern“. Scheinen, auch wenn die Sonne noch scheint, das ist das Ziel der einen Entwürfe. Das der anderen: Modelle, die sich ziemlich unscheinbar geben, bis dann wirklich das Licht angeht. Die neue Leuchte „Noctambule“, die Konstantin Grcic für Flos entworfen hat, gehört etwa in diese Kategorie. Geblasenes, transparentes Glas, lässt sich in Modulen einmal zum Turm stapeln und hängt einmal von der Decke. Kaum sichtbar, weil Glas. Die Strahlkraft entfaltet der Entwurf, wenn er wirklich strahlt. Auch die Leuchte „Lumio“ gehört zur Fraktion „Lichtskulptur, erst wenn ich eingeschaltet bin“. Sie hat die Form eines Buches, eines aufgeklappten; zwischen hölzernen „Buchcovern“ blättern sich im Lichtbedarfsfall Tyvek-Seiten zur Form einer weiß gleißenden Sonne auf, in der die LED-Technologie all ihre Qualitäten performt.

Lichtgestaltung. Licht spenden, das kann auch eine fast andächtige Angelegenheit sein: Der Typus Laterne bekommt zumindest mehr gestalterische Aufmerksamkeiten als Taschenlampen. Für den Hersteller ClassiCon hat das chinesische Designstudio Neri & Hu das „Lantern Light“ entwickelt, als Stehleuchte oder in einer Tischversion. Der Entwurf nimmt auf die Leuchte „Lyndon“ Bezug, die Vico Magistretti im Jahr 1977 entwickelt hat. Eine zarte Struktur, die einen Lichtball hält – kaum mehr als das war die Leuchte. Auch Neri & Hu wollten in Anlehnung daran der Quelle des Lichts die gebührende Aufmerksamkeit schenken: Wie eine zarte Wolke hängten sie sie in ihrem Entwurf in die Metallstruktur.

Auch der norwegische Designer Daniel Rybakken beschäftigt sich gern und vorwiegend mit Licht. Auch damit, wie man sich dem bestmöglichen Licht, jenem des helllichten Tages, künstlich annähern kann. Oder wie man etwa Räume inszeniert, so wie man Menschen in der Porträtfotografie ins Licht rückt, in eines, das man ganz genau gesetzt und ausgerichtet hat. Doch: „In den meisten Räumen hängt das Hauptlicht einfach in der Mitte von der Decke“, sagt Rybakken, „ein schreckliches Licht.“ Doch man setzt sich ihm jeden Tag aus. „Niemand würde sich in diesem Licht fotografieren lassen. Aber wir alle leben in diesem Licht“.

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