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Architektur der Täuschung

21.11.2017 | 14:30 |  von Norbert Philipp  (Die Presse - Schaufenster)

Häuser, die nur so tun, als ob: Für das Projekt „The Potemkin Village“ beschäftigte sich der Fotograf Gregor Sailer mit der absurden Welt der seelenlosen Oberfläche.

Kulissenhaft. Carson City, ein ­Fahrzeug-Testgelände, braucht nicht mehr als die Fassade. / Bild: (c) Gregor Sailer 

Der Auslöser, das ist nur der letzte Knopf. Davor muss Gregor Sailer schon auf einige andere drücken, auf dem Telefon, auf Computertastaturen. Um schließlich auszulösen, dass es überhaupt so weit kommt: Dass der Tiroler Fotograf genau dort mit seiner analogen Großformatkamera Position bezieht, wo er sich schon Monate davor ausgemalt hat, irgendwann einmal zu stehen. Vor Häusern, die dem Herzblutfotografen seelenlos und blutleer entgegenstarrten. Vor Straßenzügen, die einer Logik dienen, die sich nie mit jener von Verkehr und Stadtleben kreuzt. Vor Architekturen, die nur vorgeben, welche zu sein. Vor Gebäuden, die hinter der Fassade schon aufhören, zu sein. Weil sie tatsächlich auch nichts weiter sind als Kulissen, Fakes, Repliken und Kopien. Und diese stehen an Orten, die noch dazu völlig unverortet sind.

(c) Gregor Sailer Gregor Sailer. Der Fotograf geht gern an Grenzen, vor allem auch an seine eigenen. Gregor Sailer. Der Fotograf geht gern an Grenzen, vor allem auch an seine eigenen. / Bild: (c) Gregor Sailer 

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Es sind Architekturen, die ihren politischen, ökonomischen oder militärischen Auftrag erfüllen und gleichzeitig Phänotypen eines Mythos sind, der als „Potemkinsches Dorf“ durch die gebaute Umwelt geistert. So heißt die Konsequenz aus Sailers künstlerischem Ehrgeiz auch „The Potemkin Village“, visualisiert in Form eines Buches und einer Ausstellung, die zurzeit im „Fokus“ in Innsbruck zu sehen ist. Die Bilder zeigen Szenarien, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen und doch Teil eines Planeten sind, von dem man glaubte, die Fotografen hätten ihn längst lückenlos abgelichtet.

Recherchephasen. Weit hat es Gregor Sailer in seiner fotografischen Arbeit immer schon verschlagen, und weit zu gehen ist er bereit. Auch physisch und psychisch, denn Fotografie, die keinen Schnellschuss kennt, die hinausläuft auf nur einen Moment, den Druck auf den Auslöser, die verbrennt gehörig Energie. Weniger in den Motoren der Flugzeuge und Vehikel, die ihn an entlegenste Orte bringen, von denen die meisten gar nicht wussten, dass es sie gibt. Sondern mehr im Fotokünstler selbst. Schon bei Sailers letztem Projekt gehörte die Unzugänglichkeit der Orte – oder besser Nichtorte   – mit zur konzeptionellen Maxime: „Closed Cities“ hieß es und dokumentierte Orte, die sich bewusst vor der Welt verschließen. Danach hieß es für Sailer: erst mal neue Kraft schöpfen, in Vomp in Tirol, wo er mit seiner Familie wohnt.

(c) Gregor Sailer Militärsimulation. Junction City in den USA. Eine Stadt, die es nur gibt, solange Soldaten dort üben. Militärsimulation. Junction City in den USA. Eine Stadt, die es nur gibt, solange Soldaten dort üben. / Bild: (c) Gregor Sailer 

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Im Anschluss suchte er wiederum nicht die offenen Türen, sondern die hermetisch abgeriegelten. Bis sie sich allmählich öffneten. Dank unzähliger Telefonate mit Menschen, bei denen Charme nicht zu den Dienstpflichten gehört. Dank endlos langer E-Mail-Dialoge mit militärischen Behörden à la Pentagon oder russisches Verteidigungsministerium, die nicht gerade darauf gewartet haben, dass plötzlich ein Tiroler Fotograf mit ungewöhnlichem Anliegen anklopft. „Aber zumindest waren diesmal keine offenen Konfliktzonen dabei wie beim letzten Mal“, erzählt Sailer. Die Recherchen mündeten oft in Sackgassen, doch oft genug endete das logistisch-organisatorische Labyrinth genau dort, wo es Sailer hinzog: An Orten, an denen sich die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit nicht mehr so recht definieren lässt.

Der Fotograf reiste zunächst in die Heimat jenes Begriffs, der sein Projekt übertiteln sollte, nach Russland. Der Legende nach ließ der russische Gouverneur Potjomkin im Jahr 1787 auf der Krim Attrappensiedlungen bauen. Einfach um der Zarin Katharina II. den Anblick des tatsächlichen, desolaten Istzustands der Region zu ersparen. Auch in der russischen Gegenwart werden ähnliche Methoden bemüht, zeigen die Bilder Sailers: In Suzdal etwa, nordöstlich von Moskau, fotografierte er Gebäude, die mit bedruckten Leinwänden verhüllt waren. Denn Wladimir Putin sollte sich bei einem Besuch ein möglichst falsches, dafür idealisiertes Bild der Stadt machen.

In Schweden geht’s ebenso um das Vortäuschen: AstaZero und Carson City heißen die Areale, in denen Dörfer schon hinter ein paar Zentimeter dicken Holzbrettern aufhören, Dörfer zu sein. Dann und wann quietschen und schleudern zwischen den Fassaden Autos, dann laufen hier Straßensicherheitstests. Sonst legt sich geisterhafte, entseelte Ruhe auf die Szenerie – wie der Schnee auf die Kulissen.

(c) Gregor Sailer Chinesische Kopie. Thames Town  ist die Mimikry-Architektur einer englischen Stadt. Chinesische Kopie. Thames Town ist die Mimikry-Architektur einer englischen Stadt. / Bild: (c) Gregor Sailer 

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Auch in der kalifornischen Mojave-Wüste stehen Dörfer, die nur „leben“, wenn das Protokoll es will. Etwa beim nächsten Aufstand, der genauso wie die gebaute Umwelt dort Teil der Inszenierung ist: Dann rollen die Fake-Granatäpfel aus den Fake-Kisten der Fake-Marktstände, wenn bis zu 300 Komparsen mit entsprechendem ethnisch-kulturellem Hintergrund aufgeregt zwischen den Kulissen hin- und herrennen. Das US-Militär simuliert hier Einsätze im Irak oder in Afghanistan, dafür wurden auf einem militärischen Übungsgelände zwölf Dorfsituationen architektonisch detailgetreu nachgebaut.

In China hat die Kopie ihren eigenen Stellenwert: Woanders gilt sie als Geringschätzung, hier hingegen geht sie auch als Form der Wertschätzung durch. Etwa, um der europäischen, historisch gewachsenen Baukultur Respekt zu zollen. Ganze deutsche, niederländische, schwedische oder auch englische Stadtstrukturen wurden hier nachgebaut. „Um bewusst Wohnraum zu schaffen. Allerdings wurde das Angebot von den Chinesen kaum angenommen“, erzählt Sailer. Jetzt werden die Orte vornehmlich touristisch als Ausflugsziele genutzt oder auch als Kulisse für Hochzeitsfotos. So werden die Menschen Teil der Inszenierung, erzählt Sailer: „Das ist auch der Grund dafür, dass bei diesen Aufnahmen auch Menschen im Bild zu sehen sind.“

(c) Gregor Sailer „The Potemkin Village“. Von Gregor Sailer, erschienen im Kehrer-Verlag, 58 Euro, www.kehrerverlag.com „The Potemkin Village“. Von Gregor Sailer, erschienen im Kehrer-Verlag, 58 Euro, www.kehrerverlag.com / Bild: (c) Gregor Sailer 

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Ästhetik der Trostlosigkeit. Die kulissenhafte Architektur als ästhetischer Kollateralschaden eines verirrten Städtebaus interessiert Sailer weniger als jene, die die Kulisse zum Teil einer ideologischen Strategie macht. „Das Schwierige bei der Aufgabe war jedoch, diese unterschiedlichen Orte visuell-atmosphärisch zu verbinden“, sagt Sailer. Er entschied sich für eine diffuse Lichtstimmung als ästhetische Klammer um die einzelnen Bilder. „So gibt es keine harten Schatten. Das beruhigt das Bild und lenkt den Fokus des Betrachters auf das Wesentliche, in diesem Fall auf die Architektur.“ Aus den Bildern wirkt die „Ruhe“ wie eine elementare Kraft der statischen Unbeseeltheit auf die Netzhaut des Betrachters. Als wäre die künstlerische Unruhe des Fotografen, die ihn rund um den Planeten zu den Motiven getrieben hat, just im Moment der Aufnahme umgeschlagen in ihren Gegenzustand. Ganz ungeachtet der unzähligen Augenpaare von Soldaten und Aufpassern im Rücken des Fotografen.

„Fake“, ein Attribut, das heute fast noch stärker an den „News“ klebt denn auf Architektur. Doch auch die Bilder sind kopier-, manipulier-, vervielfältigbar. Sailers Druck auf den Auslöser ist dabei auch der Druck auf einen bewussten Kontrapunkt zur allumfassenden Bilderflut, allein durch den Bildmythos der Unwiederholbarkeit. „Es ist dadurch natürlich eine Anspielung auf die mediale Berichterstattung unserer Zeit. Denn das Projekt behandelt eindeutig das Spiel zwischen Realität und Illusion.“

Tipp

Ausstellung. „The Potemkin Village“ im Fokus – Foto Kunst Stadtforum, im BTV Stadtforum ­Innsbruck, bis 20. Jänner 2019, www.btv-fokus.at

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