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Club-Design: Die Ästhetik der Nacht

21.03.2018 | 11:54 |  Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Architekten lassen auch ihre Entwürfe tanzen. In Nachtclubs und Diskotheken. Das zeigen Beispiele aus Wien und eine Ausstellung im Vitra Design Museum.

Legendär. Das Studio 54 in New York gehörte zu den Räumen der 1970er-Subkultur. / Bild: Bill Bernstein 

Man muss nicht in allen Nachtclubs der Welt die Nächte durchgetanzt haben, um zu verstehen, was gute Nachtclubs brauchen. Rein architektonisch. Denn gute Architekten nähern sich den Räumen, die sie entwerfen, immer gleich: Egal, ob sie von Tageslicht geflutet oder erst weit nach Sonnenuntergang gut gefüllt sind. Die Methode ist: die Menschen genau beobachten. Und den Bauherren gut zuhören. Aber vielleicht hat man ja auch in Filmen gesehen, wie das Prinzip "Club" funktionieren könnte. "Pulp Fiction", diese Szene, in der John Travolta und Uma Thurman zum Twist Contest antreten, habe eventuell doch ein klein wenig dazu beigetragen, dass die Bühne in der Albertina-Passage nun so ist, wie sie ist, gesteht Thomas Bärtl vom Architekturbüro Söhne & Partner. In diesem Dinnerclub in Wien, den Söhne & Partner entworfen haben, hat nämlich die Bühne selbst auch ihren Auftritt nicht am Rand, sondern mittendrin.

In Wien sind die Architekten Thomas Bärtl und Guido Trampitsch mit ihrem Team schon öfters eingetaucht: in die Nacht, in die Ästhetik ihrer Räume. Und in die Logik und Raumdramaturgie von Diskotheken und Nachtclubs. Eintauchen in die nächtliche Gegenwelt heißt dabei auch meistens, eine Etage tiefer gehen, unter das Straßenniveau. Wie auch bei einem anderen Projekt, das Söhne & Partner in ihrem Portfolio haben: ein paar Hundert Meter weiter den Ring entlang rattern die Straßenbahnen über den Club Babenberger-Passage.

Rod Lewis Wohlklang. Das Soundsystem "Despacio" in der New Century Hall in Manchester. Wohlklang. Das Soundsystem "Despacio" in der New Century Hall in Manchester. / Bild: Rod Lewis 

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Tatsache und Illusion

Im Inneren sind viele Clubs selbst wie eine Stadt, sie haben ein Zentrum, eine Peripherie. Und gleichzeitig sind sie auch ein wenig wie ein Wald, in dem das Verirren und Sich-gehen-Lassen zu den Optionen gehören, die die Architektur nicht unbedingt unterbinden will. Aber natürlich soll die Gestaltung auch Hinweise zur Orientierung liefern. "Wohin kann und soll man schauen?", ist eine der Fragen, die Architektur beantworten kann. Oder welches Verhalten an welchem Platz stumm ausverhandelt wurde. Hier bitte Getränk bestellen, hier lieber sitzen und nicht auffallen. Hier mit Körperteilen wackeln und vielleicht doch auffallen.

Jedenfalls: Die Gestalter und Architekten haben so einiges auszubalancieren. Vor allem in hybriden Lokalitäten, die im Laufe des Abends verschiedene Identitäten annehmen. Wie etwa in einem Dinnerclub wie der Albertina-Passage. Denn dort läuft ein Programm ab, das mit der Vorspeise beginnt, aber mit dem Live-Act noch nicht endet. Gemeinsam mit einer Dramaturgie, die die Gestaltung mitentwickelt. Da dreht vor allem auch die Lichtsituation an der Stimmungslage.

Was wird hell, was bleibt im Dunkeln, dämpfen, aufpeitschen, je nach nächtlicher Stunde. In gewisser Weise haben die Architekten auch einen Mystery-Effekt in den Raum gelegt. Es soll sich auch nicht alles auf den ersten Blick erschließen, meinen Trampitsch und Bärtl. Nicht alles gleich preisgeben ist die Strategie. Etwa: Was ist noch tatsächlicher Teil des Raumes und was nur ein Spiegelbild davon? Das Hinterzimmer der Albertina-Passage, quasi ein Club im Club, haben Söhne & Partner eher klassisch eingerichtet, mit Chesterfield-Sofas, aber alles ist modern gebrochen. Vor allem durch den komplett verspiegelten Hintergrund der Bar und die voll verspiegelte Decke.

 

Vitra Design Museum (Thomas Dix, Andreas Sütterlin) Links: Gianni Arnaudo entwarf "Alio" für den Club "Flash Back" in Borgo San Dalmazzo. Rechts: Dieser Drehstuhl sollte im Nachtclub "Le Garage" in Paris stehen. Links: Gianni Arnaudo entwarf "Alio" für den Club "Flash Back" in Borgo San Dalmazzo. Rechts: Dieser Drehstuhl sollte im Nachtclub "Le Garage" in Paris stehen. / Bild: Vitra Design Museum (Thomas Dix, Andreas Sütterlin) 

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Gesamtrauschen

Die berühmtesten Nachtclubs der Welt waren immer auch Epizen tren der Popkultur. Plätze, an denen Künstler ihre Gegenentwürfe zu gängigen Konventionen ausgelebt haben. Oder Orte, an denen Architekten das Brechen von Konventionen noch etwas leichter von der Hand ging. In legendären Clubs rund um die Welt formten sich Subkulturen, für die Designer ein Experimentierfeld entwarfen. Im Dunkel der Nacht, im Stimmungslicht der Clubs, wagten sich so einige künstlerische oder gesellschaftliche Strömungen zum ersten Mal auf die Bühne. Architekten gestalteten rund um den Planeten glitzernde, fantasiereiche Mikrokosmen. Eine Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein spürt nun den Zusammenhängen von Design und Clubkultur nach. "Night Fever.

Design und Clubkultur 1960 bis heute" erschließt die Knotenpunkte des Nachtschwärmens als Reaktoren für neue gesellschaftliche Ansätze. Popkultur und Design rüttelten gemeinsam an den Normen. In den Clubs trafen sich kreative Disziplinen zum avantgardistischen, multisensorischen Gesamtrauschen: Grafik- und Produktdesign, Mode, Performance, Architektur alles zusammen prägt das Bild der Clubkultur bis heute. Legendäre Clubs sind da entstanden. Allen voran: das Studio 54 in New York, in dem auch Andy Warhol Stammgast war. Oder auch der Club Ha ienda in Manchester, gestaltet von Ben Kelly. Er gilt als Geburtsort des Rave. Sie sind Teil einer Design- und Kulturgeschichte, die die Schau "Night Fever" erzählt. Wie auch von der Phase, als Nachtleben und Architektur im Italien der späten 1960er-Jahre eine enge Beziehung eingingen. Vertreter des "Radical Design" ließen in Clubs, ausgehend vom Piper Club in Rom, quer durchs Land ihre unkonventionellen Gestaltungsansätze tanzen.

Tipp

"Night Fever. Design und Clubkultur 1960 bis heute." Eine Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Vom 17. März bis 9. September 2018, www.design-museum.de

 

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