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Barber/Osgerby: „London ist selbst ein Land“

23.11.2016 | 13:47 |  von Elisabeth Postl (Die Presse - Schaufenster)

Die britischen Designer Edward Barber und Jay Osgerby über die Geschichte ihrer Heimat, Zauberkunst und ihre Arbeit – nach dem Brexit.

Bild: (c) Jessica Kingelfuss 

Politisch waren die beiden schon immer irgendwie: Edward Barber und Jay Osgerby, beide 1969 geboren, werden gern deutlich, wenn es um die Rechte, Verantwortlichkeiten und Sorgen der Designbranche geht. Oft nehmen die Betreiber des Designstudios Barber & Osgerby Regierung und Wirtschaft in die Pflicht, und sie gelten als sehr prominente Vertreter der Designbranche Großbritanniens. Sie werden nicht nur mit Anerkennungen bedacht – beide wurden von Königin Elizabeth zu Offizieren des Order of the British Empire ernannt –, sondern auch mit Aufträgen, die eng mit dem britischen Heimatland verknüpft sind. So gestalteten sie etwa die Fackel für die Olympischen Spiele in London oder im September den britischen Beitrag für die London Design Biennale: eine Installation, einer Wettermessstation gleichend, die für den politischen Umschwung auf der Insel stand. Als Repräsentanten des Landes fühlen sich die beiden aber ganz und gar nicht – vielmehr als Vertreter einer internationalen, globalen Zunft.

Das Ja der Briten zum Brexit, das Ja zum Verlassen der Europäischen Union also, hat die Welt erschüttert. Was bedeutet diese neue Realität für Sie persönlich?
Jay Osgerby: Wir sind tatsächlich von der Botschaft entsetzt, die dieses Abstimmungsergebnis an die Welt sendet. Und wir haben zugleich nicht das Gefühl, dass das Ergebnis unsere Nation widerspiegelt oder die Stimmung der britischen Bevölkerung. Großbritannien ist kein Land der Isolation; unsere Geschichte zeigt, dass es ein Land des Erkundes und Entdeckens ist. Es gehört auch zu Großbritannien, Menschen zu begrüßen, die ein Teil des Landes werden. England ist England, weil es in Wahrheit aus so vielen verschiedenen Nationalitäten besteht: Manche davon waren Invasoren, andere sind gekommen, um sich hier anzusiedeln und Teil unserer Kultur zu werden. Es ist ja auch spannend, beim Brexit-Votum auf die Zahlen zu schauen: London und die anderen britischen Metropolregionen wollten den Verbleib in der EU.
Edward Barber: Wenn man von außerhalb auf Großbritannien schaut, ist es wirklich ein seltsames Land: Man hat London – und den Rest.
Osgerby: London ist eigentlich selbst ein Land. Die United States of London.

(c) Beigestellt Klassiker. „Tip Ton“, ein Kippsessel für Vitra: gedacht für Schulen, beliebt zu Hause.Klassiker. „Tip Ton“, ein Kippsessel für Vitra: gedacht für Schulen, beliebt zu Hause. / Bild: (c) Beigestellt 

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Sie betreiben ein sehr internationales Studio, mit internationalen Mitarbeitern und internationalen Kunden. Wie ist die Stimmung dort?
Osgerby: Es geht bei der Abstimmung ja auch gar nicht so sehr um die tatsächlichen Daten. Es geht um die Symbolhaftigkeit, darum, wie sich die Menschen jetzt fühlen. So viele Leute in unserem Studio kommen etwa aus Europa, auch aus Übersee. Sie fühlen sich zurückgewiesen – es ist traurig. Das Erste, was wir nach dem Votum gemacht haben, war ein großes Frühstück für das ganze Studio, ein Brexit-Breakfast . . .
Barber: . . . ein Brexfast. Die Leute waren erschüttert, manche mehr, manche weniger – und einige haben gesagt: Ich habe das Gefühl, dass ich hier nicht mehr erwünscht bin, wenn ich morgens auf die Straße gehe. Das ist wirklich ein erstaunlicher Umstand. Es ist so traurig – wir haben diese Leute in unser Studio geholt, weil sie großartig sind in dem, was sie machen, und die Vorstellung, dass sie außerhalb des Studios nicht willkommen sind, ist etwas sehr Trauriges.
Osgerby: Wenn man es aus der unternehmerischen Sicht betrachtet: Wir machen ja nicht nur Design für Briten. Wir designen Dinge für globale Bürger, für jeden, oder? Also: Wie, bitte schön, sollen wir unter diesen Umständen arbeiten? Mit einem solchen Inseldenken, ohne Weitblick, ohne die besten Designer rund um den Globus? Wenn wir die Japaner, Italiener, Deutschen, Franzosen, Österreicher, Amerikaner nicht mehr in unserem Studio hätten: Wir würden uns der kulturellen Tiefe berauben. Es ist durch und durch grausam.


Sie sind allerdings vor allem als Vertreter britischen Designs international sehr bekannt.
Osgerby: Wir repräsentieren Großbritannien nicht. Wir sehen uns als Designer für jedermann. Wir sind nicht so anders.
Barber: Es ist Zufall, dass unser Studio in London beheimatet ist – weil wir selbst hier studiert haben und Englisch sprechen. Aber sonst sind wir wahrlich ein internationales Studio – die Leute, die wir anstellen, die Orte, an die wir reisen, die Unternehmen, für die wir arbeiten. Wir arbeiten nicht wirklich mit britischen Firmen zusammen – nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil es einfach nicht so viele davon gibt.
Osgerby: Es stimmt schon, es gibt ein paar Projekte von uns, die sich stärker mit nationaler Identität befassen. Die Fackel für die Olympischen Spiele in London gehört dazu, die Arbeit für die London Design Biennale ebenso. Tatsächlich bot sich für uns durch die Biennale das erste Mal die Möglichkeit, politisch über Design zu sprechen, weil sie nach dem Brexit-Votum stattfand – unser Design befasste sich mit dieser Glut, mit diesem Sturm, der sich da zusammengebraut hatte.

(c) Beigestellt Erleuchtung. Barber & Osgerby entwarfen die Fackel für Olympia in London 2012.Erleuchtung. Barber & Osgerby entwarfen die Fackel für Olympia in London 2012. / Bild: (c) Beigestellt 

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Mochten Sie es, so politisch zu arbeiten?
Osgerby: Ja, es war wirklich gut. Ich vermute, wir sollten häufiger so arbeiten. Ich finde es wirklich schön, einmal zu einem anderen Thema als Ästhetik oder Funktionalität seine Meinung zu sagen. Wir haben eine absolut internationale Vision davon, wie Menschen arbeiten. Auf unsere eigenen, täglichen Leben hat das Internationale solch großen Einfluss, das gilt auch für unser Team. Ich finde es gut, dass wir unsere Stimme benutzen und sagen, wie groß eben dieser Einfluss ist. Noch dazu haben wir eine öffentliche Plattform, die wir dafür ein kleines Stück weit verwenden können. Wir beide sind wirklich sauer wegen des Brexit. Wir Briten wirken wie Idioten. Es ist so peinlich! Was ich daran außerdem hasse, ist: Der Brexit fällt mit dem humanitären Desaster im Nahen Osten zusammen, für das hauptsächlich der Westen zuständig ist. Es ist im Moment wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um in der Gesellschaft über Dinge wie den Brexit zu sprechen. Es ist eigentlich an der Zeit, dass wir über Humanität sprechen, nicht über Grenzzäune. Es macht mir Angst, aber dieses Inseldenken erinnert mich an den Beginn des 20. Jahrhunderts.


Kann Design denn etwas an diesen düsteren Ausblicken ändern?
Osgerby: Das ist eine große Frage. Vielleicht. Es wäre jedenfalls eine schöne Vorstellung. Aber ich bin mir dabei nicht sicher.
Barber: Ich glaube, Design kann die politische Stimmung in einem Land nicht ändern. Tatsächlich kann Design aber Probleme lindern. Wenn man sich etwa Proteste in Flüchtlingscamps ansieht und die Bedingungen, in denen die Menschen dort leben – die Aufstände sind dann nicht geplant und organisiert, sondern eine Reaktion auf desaströse Umstände. Leute müssen Designer als etwas Nützliches ansehen . . .


. . . ein Werkzeug, das auch in solchen Situationen helfen kann?
Barber: Im Moment werden Designer als etwas angesehen, was zusätzliche Strahlkraft, zusätzlichen Glanz verleiht.
Osgerby: Als einen Luxus.
Barber: Design wird als Verpackung gesehen, um mehr Profit zu erwirtschaften. Menschen sehen den Nutzen von gutem, richtigem Design gar nicht mehr. Es beginnt erst langsam – auch in den großen Firmen –, dass Designer schon früh an Projekten mitarbeiten. Normalerweise ist es so, dass die Ingenieure ein Projekt entwickeln, und dann zum Schluss holt man die Designer dazu, damit die es schön aussehen lassen: „Jungs, ihr zaubert da jetzt etwas, macht es hübsch und so!“ Es ist absolut lächerlich.
Osgerby: Andererseits ist es auch so: Menschen sind unglücklich, weil sie ehrlich nach Sachen streben, die sich jedermann wünscht – aber die sie sich einfach nicht leisten können. Sie können den Lebensstil, von dem man ihnen sagt, dass sie ihn brauchen, um glücklicher zu sein, nicht führen. Ich nehme an, dass es ein Teil unseres Jobs ist, dafür zu sorgen, dass gutes Design zu einem vernünftigen Preis für jene verfügbar ist, die gute Gegenstände für immer behalten wollen und sie nicht einfach wieder wegwerfen. Und wir müssen die Leute auch bilden: ihnen verstehen zu helfen, was ein guter Gegenstand überhaupt ist.


Das klingt ein bisschen nach einer Kritik des Konsumsystems.
Osgerby: Der Konsum ist definitiv schon zu weit vorgedrungen. Die Menschen hören tagtäglich im Fernsehen, was sie nicht alles brauchen, um viel glücklicher zu sein – und dass es ein Mangel sei, wenn sie diese eine Sache nicht besäßen. Was Blödsinn ist. Aber die Menschen glauben es.

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