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Ettore Sottsass: Meister des Knalleffekts

15.09.2017 | 08:58 |  von Peter Patterer (Die Presse - Schaufenster)

Ein Rebell, der für die Sinne kämpft, und der Beweis, dass „Anti“ auch eine Designhaltung sein kann: Ettore Sottsass.

Ettore Sottsass. Geboren in Innsbruck. Am 14. 9. 2017 wäre er 100 Jahre alt geworden. / Bild: (c) Beigestellt 

So manche Schriftsteller haben diesen Moment schon als ihren schönsten beschrieben. Wenn sich ihre Gedanken schlussendlich materialisieren. In der Sekunde, in der der Typenhebel durch das Farbband die Moleküle auf das Papier drückt, ausgelöst durch einen Tastendruck des Autors. 1969 kam eine der Ikonen unter den Schreibmaschinen in die Welt, die ersten Gedanken dazu hatte sich Ettore Sottsass schon Anfang der 1960er- Jahre gemacht.

(c) Beigestellt Rot für die Reise. Das Modell „Valentine“ entwarf Sottsass für Olivetti. Rot für die Reise. Das Modell „Valentine“ entwarf Sottsass für Olivetti. / Bild: (c) Beigestellt 

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„Valentine“ hieß das Modell, entwickelt und entworfen für Olivetti, zu einer Zeit, als die elektronischen Innovationen auch in Italien noch ihren Ursprung nehmen durften. Und von Designern sogar in Formen gegossen wurden, die Maschinen mit so etwas wie Sinnlichkeit ausstatten konnten. Vielleicht machte die ferrarirote Schreibmaschine Sottsass rückblickend berühmt, aber das Design die Schreibmaschine jedenfalls nicht sonderlich erfolgreich. 40 Jahre nach dem Produktlaunch stellte Sottsass selbst fest: „Die Intellektuellen mochten die ‚Valentine‘, der Markt mochte sie nicht.“ Als die Menschen sich anschickten, sich in der Welt der Maschinen zu verlieren — kein Wunder, manche Computer waren damals raumhoch —, gelang es Sottsas, die Maschinen menschlicher zu machen. Schon seit 1958 hatte er Computer für Olivetti gestaltet. Dem ersten, dem Modell „Elea 9003“, konnte er sogar so etwas wie Eleganz abringen wie auch einen Hauch von Lebendigkeit in einer grau-schwarzen Welt der Elektronik.

In dieser Woche wäre Ettore Sottsass ­100 Jahre geworden. Geboren wurde er 1917 in Innsbruck, als Kind einer österreichischen Mutter und eines italienischen Vaters. Radikal, philosophisch und charismatisch sind Attribute, die dem Architekten und Designer gerne zugeschrieben werden. „Rebell und Poet“, der Titel der Ausstellung, die noch bis Ende September im Schaudepot des Vitra Design Museums läuft, steht seiner Persönlichkeit auch ganz gut.

(c) Beigestellt Designlegende. Lange Haare, Schnauzbart: Ettore Sottsass im Jahr 1973. Designlegende. Lange Haare, Schnauzbart: Ettore Sottsass im Jahr 1973. / Bild: (c) Beigestellt 

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Die Objekte, Mikro- und Makroarchitekturen, die Sottsass schuf, formten nicht nur Handwerk, Maschinen und Ideen, sondern auch gesellschaftliche und politische Zustände ihrer Entstehungszeit. Eines seiner wichtigsten gestalterischen An­­­liegen: den Dingen Sinnlichkeit zu injizieren, auf dass sich da eine emotionale Beziehung zwischen Objekt und Nutzer etablieren könne: „Wenn uns etwas retten wird, dann ist es Schönheit“, sagte er.

Die Farbe hat ihn stets durch seine künstlerischen-konzeptionellen Überlegungen wie auch durch seine Entwürfe begleitet. Aber den Farb-Knalleffekt seiner Karriere lieferte er mit der „Valentine“. Reichlich laut schallte auch das Echo in der Designwelt zurück. Die gestalterische Idee beschreibt Sottsass in seinen eigenen Worten, zitiert in der ihm gewidmeten prachtvollen, neu aufgelegten Monographie des Phaidon Verlages, folgendermaßen: „Die Valentine wurde designt, um überall benutzt zu werden außer im Büro, sodass sie niemanden erinnert an monotone Arbeitsstunden, sondern eher dem Amateur-Poeten Gesellschaft leistet an stillen Sonntagen auf dem Land.“

(c) Beigestellt Mischung. „Tahiti“, der Entwurf der Tischlampe stammt aus dem Jahr 1981.  Mischung. „Tahiti“, der Entwurf der Tischlampe stammt aus dem Jahr 1981. / Bild: (c) Beigestellt 

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Schon in den Tagen, als er am Politecnico in Turin studierte, wurde ihm ein Hang zur Farbe attestiert, wie die Mitherausgeberin der Monographie Francesca Picchi in ihrem Eingangsessay „The Road to Memphis“ schreibt. Immer wieder sei die Farbe als prägendes Gestaltungsmittel seiner Arbeit durchgeblitzt. Manche, die sich mit Sottsass’ Biographie auseinandersetzen, meinten auch, der lustvolle Umgang mit der Buntheit sei in der Vorliebe für die Malerei begründet. Oder auch seinem Interesse für die indische Kultur geschuldet. Nach Indien hatte es Sottsass öfters auf Reisen verschlagen, in der Fremdheit und der Exotik der mystischen Traditionen suchte er nach Ansatzpunkten, die abendländische Gestaltung zu hinterfragen.

Vor allem in der Glaskunst fand Sottsass seine Möglichkeiten, Farbe ins gestalterische Spiel zu bringen. Seit 1947 bis zum Ende seines Lebens beschäftigte sich der Designer gern mit dem Material. Dabei entstanden Dekor-Gegenstände genauso wie Objekte, die im Maßstab und Gestus zur Skulptur gerieten. Auch für die Bewegung „Memphis“ schuf er in den 1980er-Jahren eine Reihe skulpturaler Vasen, aus Reifen, Kegeln, Röhren in leuchtenden Farben.

(c) Beigestellt Architektur. Wie gemalt: eine Studie für die Villa ­ Lora Totino. Architektur. Wie gemalt: eine Studie für die Villa ­ Lora Totino. / Bild: (c) Beigestellt 

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Memphis. Seine „Anti-Design“-Haltung, seine Sehnsucht nach Dingen, die auch soziale Relevanz in sich tragen, seine Skepsis gegenüber dem Funktionalismus, all das gipfelte in einer inzwischen legendären Nacht 1981, als sich in Sottsass’ Wohnung eine Bob Dylan-LP auf dem Plattenteller drehte: „Stuck inside of Mobile with the Memphis Blues again“ soll der Gründungslegende nach der Soundtrack gewesen sein, als Sottsass die Gruppe „Memphis“ ins Leben rief. Ein zweiter bunter Knalleffekt in seiner Karriere: Vor der Galerie in Mailand musste im September 1981 die Straße gesperrt werden.

(c) Beigestellt / Bild: (c) Beigestellt 

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Denn 2000 Menschen wollten die Ausstellung sehen, in der „Memphis“ seine Haltung in Form von Möbeln und Objekten darlegte. Landläufig rezipiert unter Stichworten wie „bunt“ und verspielt“ oder auch als Collage aus Formen und Materialien. Sottsass’ Regal „Carlton“ wurde fast emblematisch für die gesamte Memphis-Bewegung. Und spätestens damit hat sich der Gestalter im kollektiven Gedächtnis unter der Rubrik „Rebell, Poet, Sinnlichkeit“ verewigt.

Tipp

Ettore Sottsass. Von Phillipe Thome, Francesca Picchi, Emily King. Erschienen im Verlag Phaidon. Eine Neuauflage der gefeierten Monographie einer Designlegende.

Im Vitra Design Museum läuft noch bis 24. 9. die Schau „Ettore Sottsass – Rebell und Poet“.

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