Die Presse Schaufenster - page 42

Zweigelt.
Vor Kurzem hat mich jemand ge-
fragt, ob ich einen guten Zweigelt kenne. Ich
hab dann zwar ein paar meiner Favoriten ge-
nannt, gleichzeitig bin ich aber etwas zusam-
mengezuckt. Der Zweigelt - so scheint mir -
ist zumindest von uns Weinfuzzis in letzter
Zeit fast schon ignoriert worden. Kann mich
nicht erinnern, wann ich zuletzt über einen
Zweigelt gelesen habe. Victoria Gottschuly ist
das übrigens auch schon aufgefallen. Die jun-
ge Winzerin aus Höflein nimmt‘s aber gelas-
sen. „Der Zweigelt ist unsere wichtigste Reb-
sorte.“ Ein Dauerbrenner quasi. So wie der
Rubin Carnuntum. Den gibt es seit mittler-
weile 25 Jahren. Seit einigen Jahren ist nur
noch Zweigelt im Rubin Carnuntum erlaubt -
und das ist gut so. Der 2016er aus dem Hau-
se Gottschuly-Grassl ist ein klassischer „All-
rounder“, wie die Winzerin meint. Nicht zu
schwer, nicht zu viel Holz, mehr Frucht und
Spaß. Wie es sich für einen Zweigelt gehört.
Der Wein war zehn Monate im gebrauchten
Barrique. Trinkt sich schon sehr harmonisch,
und natürlich darf das klassische Kirscharoma
nicht fehlen. Passt zum Rindsbraten genauso
wie zur Pasta oder zur kalten Platte.
Weingut Gottschuly-Grassl
, Rubin Carnun-
tum 2016, 12 Euro bei
Farbkraft.
Gewürze halten nicht ewig, selbst
wenn so manche Küchenschublade landauf
landab zu Staub zerbröselten Oregano ent-
hält oder pastellfarbenen Paprika. Gerade bei
Paprikapulver ist der Unterschied zwischen
frischer und lange gelagerter Ware eklatant.
Dieses lässt das junge österreichische Bio-
Gewürzlabel Ehrenwort in Ungarn produzie-
ren. Von Mitte September bis Ende Oktober
wird geerntet. Nach einer Trocknungsphase
werden die Schoten mit
Steinmühlen vermahlen.
Über das Jahr geschieht das
Mahlen übrigens bedarfsbe-
zogen, dem roten Farbstoff
Capsanthin zuliebe.
Bio-Pa-
prikapulver,
5 Euro, bei
Denn‘s und ehrenwort.at
Im Keller
von Gerhard Hofer
Vom Greißler
Pasta auf Britalienisch
F
it wie ein Turnschuh schaut Jamie Oli-
ver in seinem Video auf Instagram
nicht gerade aus: Gewohnt gestenreich, mit
müden Augen und fleckigem Teint erklärt
„Hi guys, Jamie here“ darin, wie absolutely
amazing und exciting sein neues Lokal
Jamie’s Italian in Wien sei, in dem, stellen
Sie sich das nur vor, täglich große Schüs-
seln Pasta gekocht werden!
De facto sind es offenbar deutlich mehr
Schüsseln als erwartet. Die Pasta – in der
Karte stehen elf Varianten – ist um 18.30
vor allem eines: aus. Kürbis-Ravioli mit
Ricotta und Amaretti: aus. Schwarze Spa-
ghetti mit Tintenfisch und Muscheln: finis-
hed. Penne carbonara mit Lauch und
knuspriger Pancetta: finito. Von elf waren
am frühen Abend noch drei Versionen zu
haben. Das sichtlich ausgeklügelt einge-
richtete Lokal beim Stubentor (zuvor
waren hier kurz eine Filiale von Huths
Eatalico und, länger her und länger da, das
Harry’s Time) mag neu sein; bei einer
Kette, die nicht gerade zum ersten Mal ein
Lokal aufmacht, lässt man aber derart mas-
sive Mengenkalkulationsprobleme doch
ungern gelten. Auch wenn die Nudeln
hausgemacht sind und Jamie uns seine
freundlichsten Nasenlöcher schenkt. Die
Pasta, die es schlussendlich zum Tisch
★ Jamie
s Italian,
Dr.-Karl-Lueger-Platz 5, 1010 Wien, Tel.: 01/5121645, täglich 11.30 bis 23 Uhr
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Schaufenster.DiePresse.com/lokalkolorit
Info
schafft, ist guter Durchschnitt: Spaghetti
mit Krabben (und Schalenstückchen),
Kapern und Fenchel (17,75 Euro, sic) sowie
Penne arrabbiata mit rechtschaffener, aber
gut erträglicher Schärfe und daraufge-
streutem Pangrattato. Die Penne mit Röst-
brotbröseln sind eine Jamie-Oliver-typi-
sche Kombination (12,85). Fritto Misto ist
schön knusprig, sehr ordentlich gelingen
auch die Arancini, hierzulande selten zu
findende gebackene Risottobällchen, in
einer niederschwelligen Paradeiser-Mozza-
rella-Variante (10,80). Als riesige Portion
entpuppt sich das Kalbschnitzel Milanese,
ohne die klassischen Nudeln darunter,
dafür mit einem Ei und ein paar Trüffelho-
beln darauf (22,50). Die österreichische
Bezeichnung für ein solches Kaliber sei
dem teils aus Kalkül Englisch sprechenden
freundlichen Team hiermit nachgereicht:
Pletschn. Fehlt noch „ Jamie’s fantastisches
Fisch-Stew“, ein Sammelsurium aus Fisch-
stücken und Muscheln, Paradeissauce,
Crostini, Aioli und Fregola, der sardischen
gerösteten Kugelpasta: wie alles hier auffal-
lend verhalten gesalzen. Salzig könnten
dafür die Forderungen an Jamie Olivers
Kette ausfallen, wenn man auf dem hüb-
schen Fliesenboden unsanft landet: Der ist
really extremly rutschig.
s
Redaktion: Anna Burghardt, Fotos: Jamie’s Italian, Zsolt Batar, beigestellt
Lokal-Kolorit
von Anna Burghardt
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Schaufenster
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