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Anti-Falten: Zucker-Stück

06.09.2016 | 20:21 |  Nicole Spilker  (Die Presse - Schaufenster)

Löchrige Zähne, Hüftspeck – und auch noch das: Zucker macht Falten! Doch jetzt werden Zuckermoleküle im Kampf gegen Hautalterung eingesetzt.

Bild: (c) Beigestellt 

Vielleicht beginnen wir diese Geschichte ganz nüchtern, also wissenschaftlich: „Ein häufig erhöhter Blutzuckerspiegel kann dazu führen, dass Proteine sich mit Zuckermolekülen verbinden und miteinander verkleben“, sagt Barbara Engel vom Sensai Consumer Service. Denn leider bindet sich der Zucker nur all zu gern an die Eiweißmoleküle Kollagen und Elastin, also genau jene Bausteine, die eigentlich unsere Haut schön straff und jugendlich halten. Durch die verklebten Kollagen- und Elastinfasern kommt es zu einer Verhärtung des Gewebes – und in Folge zu Faltenbildung. Diesen Prozess bezeichnet man als Glykation. Das Produkt dieser biochemischen Reaktion heißt übrigens A.G.E. (Advanced Glycation Endproducts) – und dass hier das englische Wort für Alter auftaucht, ist vielleicht nicht nur ein dummer Zufall. Ein Großteil der Dinge, die wir heute über Glykation wissen, stammt aus der Diabetes-Forschung, die sich ebenfalls mit der Auswirkung von hohem Blutzucker auf den Organismus beschäftigt. In Hautsachen ist die Verzuckerung leider nicht der einzige Tiefschlag. Durch die A.G.E.s sind die Zellen anfälliger für Aggressoren wie UV-Licht, Umweltverschmutzung und Zigarettenrauch. Andererseits: Glykation gehört zum Lauf des Lebens. Sie passiert ständig, und zwar ausnahmslos bei uns allen. Mittlerweile kann man der Haut sogar dabei zusehen: Wenn sich Zucker mit Proteinen verbinden, wird eine Fluoreszenz freigesetzt, die Wissenschaftler mit einer Haut-Kamera erfassen können. Kindergesichter sind auf den Bildern dieser Visia-Kameras noch recht dunkel. Mit Anfang 30 zeigen sich dann aber die ersten Zeichen der Glykation, weil der Körper nicht mehr genug Ressourcen hat, um die Folgen von Sonnenschäden, oxidativem Stress und hormonellen Veränderungen einfach so wegzustecken. Mit der Pensionsreife strahlen unsere Köpfe dann schon fast wie 100-Watt-Birnen.

Kraftstoff. Was also tun? Zucker gänzlich vom Speiseplan zu streichen, ist nicht nur aus Genussgründen indiskutabel. Denn erstens werden auch gesunde Lebensmittel wie Obst oder Vollkornprodukte beim Verdauungsprozess in Glukose umgewandelt. Weil Zucker eben, zweitens, der wesentliche Kraftstoff für unsere Zellen ist. Und drittens helfen Zuckermoleküle den Zellen, unter­einander zu kommunizieren. Die Glyko-Medizin steckt zwar noch in den Kinderschuhen, verzeichnet aber bereits Erfolge mit Medikamenten, die an die dabei beteiligten zelleigenen Zucker-Rezeptoren andocken. Auch die Pharma-Industrie forscht fieberhaft nach einem Mittel, das die leidigen A.G.E.s knackt, die auch bei der Behandlung diverser Krankheiten eine gewichtige Rolle spielen. Beim Thema Falten geht es derweil noch um Schadensbegrenzung. Denn alles, was die Fibroblasten dazu stimuliert, Kollagen herzustellen, wirkt dem Hautalterungsprozess entgegen und ist damit höchst willkommen. Die japanische Kosmetikmarke Sensai etwa präsentiert aktuell eine einschlägige Dreifach-Technologie. In der „Cellular Performance Wrinkle Repair Linie“ soll ein wirkungsvoller Booster nicht nur den Abbau von verhärtetem Kollagen beschleunigen (und damit Platz für neues schaffen), sondern auch die Elastin- und Hyaluronproduktion fördern. Ein Extrakt aus Muschel-Ingwerblättern soll zugleich die Qualität der Fibroblastenzellen optimieren und die Haut aufpolstern. Zudem soll ein Inhaltsstoff aus dem Rubrechtskraut, einer traditionellen Heilpflanze, die Kollagenfasern vor Verhärtung schützen. Wahrlich kein Zuckerschlecken (für die Glykation).

Feuer mit Feuer. Aber es kommt noch besser: Im Kampf gegen die Glykation wird Feuer nun mit Feuer bekämpft: Polysaccharide, also mehrkettige Zuckerverbindungen, sind momentan der heißeste Trend auf dem Markt der Eitelkeiten. Sie kommen zum Beispiel im Anti-Ageing-Allrounder Alge vor und können Feuchtigkeit bis zu 24 Stunden in der Haut speichern. Die Marke Annemarie Börlind arbeitet mit diesem Prinzip, etwa für das „Beauty Pearls Anti-Pollution und Regeneration Serum“: „Braunalgen verfügen über ein extremes Feuchtspeichervermögen und bieten einen mehrfachen Nutzen. Sie dienen sowohl als Konsistenzgeber, bilden gleichzeitig einen feuchtigkeitsbildenden Film und haben überdies anti-oxidative Eigenschaften“, erklärt Guylaine Le Loarer, die Forschungsleiterin. Auch das Schönheitsgeheimnis von Biotherms neuestem Produkt „Blue Therapy – Cream-in-Oil“ stammt aus den Weltmeeren, genauer gesagt aus einem Mikro-Plankton. Nach achtjähriger Forschung entdeckte man einen sulfatierten Zucker, der in menschlichen Zellen vorkommt (und dessen Anteil dort mit der Zeit abnimmt), aber eben auch aus Meeres-Mikroorganismen gewonnen werden kann. „Von allen Polysacchariden sind die aus marinem Milieu die einzigen, die Sulfat-Funktionen übernehmen können und eine Struktur besitzen, die den Sulfat-Polysacchariden des Menschen nahe kommen“, erklärt Anne Potter, Leiterin der Physik-Abteilung der L’Oréal Forschung. Ergebnis des hochkomplexen biomimetischen Verfahrens? Die Haut soll sofort glatter wirken, ihre Barrierefunktion gestärkt werden. L’Oréal Paris verwendet in „Revitalift Laser X3 Double Care“ neben peelendem Vitamin CG auch den Wunderwirkstoff Pro-Xylane. Das aus der Rotbuche gewonnene Zuckerderivat soll tief in die Hautschichten eindringen und dort den Aufbau von Collagen und Elastin-Fasern fördert. „Der Inhaltsstoff verbessert zudem die Verzahnung zwischen Epidermis und Dermis, eine Grenzschicht in der Haut, die für den Nährstofftransport in die oberen Schichten wichtig ist“, so Dr. Ludger Neumann, Wissenschaftlicher Direktor von L’Oréal Deutschland. Auf den gleichen Wirkstoff setzt SkinCeuticals bei der Creme „A.G.E. Interrupter“. Hier soll außerdem ein Blaubeer-Extrakt dabei helfen, die A.G.E.-Bildung zu verlangsamen und die Haut von innen aufzupolstern.

Nun betrifft Glykation aber nicht nur das Gesicht. So hat Clarins die Körpercreme „Lift-Fermeté Crème Riche“ mit Haferauszügen entwickelt. Diese pflanzlichen Zucker sollen eine außergewöhnlich straffende Wirkung besitzen. Süße Spitzenreiter unter allen einschlägigen Produkten sind allerdings die Hydrogel-Augen-Patches aus der „Progressif Néomorphose“-Serie von Carita. Gleich drei Zuckerarten werden hier mit Hyaluronsäure kombiniert. Diese ist übrigens letztlich, wen wundert’s, auch nicht mehr als: eine Zuckerverbindung.

Produktinfo

Produkte im Bild, von l. nach r.: Progressif Néomorphose Eye Patches von Carita um 60  €.- Lift-Fermeté Crème Riche von Clarins um 57  €. - Revitalift Laser X3 Double Care von L’Oréal Paris 22  €. - Cellular Performance Wrinkle Repair Crème von Sensai, 50 ml um 114 €. - Blue Therapy Cream-in-Oil von Biotherm, 50 ml um 56 €. - AGE Interrupter von Skinceuticals um 152  €. - Beauty Pearls Anti Pollution von Annemarie Börlind, 40 €.

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