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Weingemeinde: Wo ist Neckenmarkt?

13.09.2012 | 18:56 |  von Gerhard Hofer (Die Presse - Schaufenster)

Eigenes Terroir und ein "zurückhaltendes Völkchen": Die burgenländische Weingemeinde geht den Weg der kleinen Schritte aus dem Schatten der Großen.

Bild: (c) beigestellt 

Moderne Winzer stecken viel Geld in ausgefuchstes Marketing, damit alle Welt weiß, dass sie dem Modernen abhold sind. Dass ihnen Trends und Musts völlig am Acker vorbeigehen, weil sie nachhaltig, ursprünglich und traditionell sind. Protzten sie vor zwanzig Jahren noch mit computergesteuerter Kellertechnik und elektronischem Firlefanz, so entsteht die Qualität heutzutage „allein im Weingarten“. In unberührter Natur, durch akribische Selektion und Handarbeit, ohne Chemie, ohne schlechtes Gewissen. Am liebsten würden sie auch den Traktor ganz aus dem Arbeitsalltag verbannen, aus Angst, er könnte einen Regenwurm beim Mittagsschläfchen stören. Aber es gibt auch jene, die tatsächlich nicht jeden modernen Blödsinn mitgemacht haben, den sie nun kommunikationstechnisch retuschieren müssen. Davon handelt die Geschichte vom burgenländischen Weinort Neckenmarkt. Es gibt kaum einen besseren Ort in diesem Land, um hervorragenden Rotwein zu machen. Aber wer weiß das schon?

„Wir sind ein zurückhaltendes Völkchen“, sagt Stefan Wellanschitz. Als Obmann des Weinbauvereins müht er sich, den Ort bekannter zu machen. „Wo ist denn Neckenmarkt?“, ist er erst vor Kurzem bei einer Weinpräsentation gefragt worden. „In der Nähe von Horitschon und Deutschkreutz.“

Bessere Lagen.
Das tut weh. Aber wenn von Mittelburgenland und Blaufränkisch die Rede ist, assoziiert der Weinkenner in erster Linie die beiden Nachbarorte. Dort nahm der Rotweinboom in diesem Land unter anderem seinen Ausgang. In Deutschkreutz stehen „Bela Rex“ von Albert Gesellmann und „Vulcano“ von Hans Igler als Synonyme für diese Erfolgsgeschichte. In Horitschon leisteten Paul Kerschbaum und Franz Weninger Pionierarbeit. Sie alle gingen mit fliegenden Fahnen und PR-Trommeln voran. Ihr Ruhm färbte auch auf ihre Heimatorte ab.

Den Neckenmarktern wurde hingegen nachgesagt, „die Überfuhr verpasst“ zu haben. „Dabei haben wir wahrscheinlich die besseren Lagen“, sagt Stefan Wellanschitz fast ein wenig trotzig. Lange Zeit war das Weingut Wellanschitz allein auf weiter Flur, wenn es darum ging, mit den Kollegen aus den Nachbardörfern mitzuhalten. Mittlerweile etablierte sich mit den Weingütern Juliana Wieder, Tesch und Lang zumindest eine kleine Gruppe Topproduzenten.
Erste große Erfolge feierten die Brüder Stefan und Georg Wellanschitz mit dem Blaufränkisch „Well“. Einem schweren, wuchtigen Rotwein. Und natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Trauben für diesen Wein drüben in Horitschon wachsen.

Noch immer heißt es, Blaufränkisch bevorzuge lehmige Böden. „In so manchem Weinführer ist diese falsche Behauptung noch immer zu lesen“, erzählt Roland Velich. Der Winzersohn aus Großhöflein im Nordburgenland versuchte einst sein Glück als Croupier, bevor er sich doch fest dem Weinbau verschrieb. Vor elf Jahren kam er in die Gegend und startete mit Vertragswinzern des Projekt „Moric“. Spätestens seit sein „Moric Blaufränkisch Neckenmarkter Alte Reben 2006“ 95 Parker-Punkte eingeheimst hat, ist vielen klar, dass hier an der ungarischen Grenze Großes entstehen kann. „Terroir“ heißt das Zauberwort. Die Weinrieden in Neckenmarkt befinden sich auf dem südlichen Ausläufer des Ödenburger Gebirges. Hier findet man Muschelkalk, Schotter- und Schieferböden. „Das Terroir unterscheidet sich massiv von allen anderen“, sagt Velich. Zum Boden gesellt sich auch der klimatische Einfluss des Neusiedler Sees. Oben auf dem Hügel kann man ihn sehen. Ein Aussichtsturm bietet einen weiten Blick übers Land. „Und er ist zugleich Mahnmal“, sagt Winzer Anton Hundsdorfer. Bei der Aussichtswarte handelt es sich nämlich um einen der damals unzähligen ungarischen Wachtürme entlang des Eisernen Vorhangs.

Weingemeinde: Neckenmarkt

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Zurückhaltendes Völkchen. Hundsdorfer zählt zu jenen Winzern, die in jüngerer Zeit auf sich aufmerksam gemacht und zur heimischen Elite aufgeschlossen haben. Vor wenigen Monaten gelang ihm ein besonderer Coup. Bei der Kür der besten Weine des Burgenlands stellte er drei Landessieger. Es ist der erste Hattrick in der 66-jährigen Geschichte dieses Wettbewerbs. „Wenn man unter 1200 Weinen gleich dreimal der Beste ist, dann gehört auch ein wenig Glück dazu“, sagt Hundsdorfer. Er gehört auch zu dem „zurückhaltenden Völkchen“.

Die Lobeshymnen hört man meist von den Zugereisten. „Wir wollten Blaufränkisch machen und für uns war schnell klar, dass wir nach Neckenmarkt gehen müssen“, erzählt Gerhard Wohlmuth junior. Das bekannte Weingut aus der Südsteiermark hat seit 2002 ein Standbein im Burgenland. Die Wohlmuths kauften Weingärten in den besten Lagen und reüssierten schnell auch mit ihren Rotweinen. Aushängeschild ist der „Rabenkropf“, eine Cuvée aus Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon. Eigenen Keller besitzen sie keinen in Neckenmarkt. Die Verarbeitung findet unter dem Dach des Winzerkellers Neckenmarkt statt. Dass unter dem Dach der Winzergenossenschaft viel Raum für  andere, für unterschiedlichste Ideen, Konzepte und Philosophien ist, dafür sorgt Franz Heincz. Dass Neckenmarkt anders tickt, sei sein Verdienst, sagen die Neckenmarkter. Die Hälfte der Trauben, die auf den rund 500 Hektar Rebflächen des Orts wachsen, werden an die Genossenschaft geliefert. Etwa 100 Bauern leben vom Traubenverkauf.

Andernorts sind die Genossenschaften fundamental gescheitert. Sie dienten den Winzern als Mistkübel für minderwertige Qualität, die sie nicht selbst in Flaschen füllen wollten. Schlechter als der Wein war nur das Management, dessen Expertise in der Regel aus guten Beziehungen zu den regionalen Honoratioren bestand.

Nach Fläche bezahlt. In Neckenmarkt hat der Agrarsozialismus überlebt. Weil Obmann Heincz schon früh rigorose Rahmenbedingungen geschaffen hat. „Wir akzeptieren nur Volllieferanten als Mitglieder“, betont er. Wer den Winzerkeller beliefert, muss all seine Trauben abliefern. So wird verhindert, dass die guten im Töpfchen der Winzer, die schlechten im Kröpfchen der Genossenschaft landen. Die Bauern werden nicht nach Menge bezahlt, sondern nach Fläche. Und es wird exakt vereinbart, wie viele Trauben pro Hektar geerntet werden dürfen. „Liefert ein Winzer zu viel, bekommt er Abschläge“, erzählt der Obmann. Mit Qualitätskontrolle und Mengenbeschränkung produziert der Winzerkeller beachtliche Weine für das Supermarktregal. „Wir erzielen Gewinne, weil wir wie ein Privatunternehmen agieren“, sagt Heincz. Der Laden kommt mit sechs Mitarbeitern aus. „Wir zahlen anständige Gehälter, aber keine aberwitzigen Managergagen.“ Und vor allem: Die Bauern werden fair behandelt. Und so ist es geschehen, dass die meisten Bauern in Neckenmarkt gut vom Weinbau leben können, ohne dass ihr Name ein Flaschenetikett ziert.

Die Selbstverwirklichung überließen sie anderen. Heribert Bayer etwa. Er nennt sich „Négociant-Eléveur“. Das heißt, er hat weder Weingarten noch Keller, sondern lässt im Winzerhof Neckenmarkt nach seinen Vorgaben keltern und verkauft die Weine unter seinem Namen. Bevor er Wein zu Beruf und Berufung machte, arbeitete er als Manager in der Petrochemie. In Neckenmarkt entstehen seine hochgelobten Rotweine, allen voran die Cuvée „In Signo Leonis“ und der Blaufränkisch „In Signo Sagittarii“. Obwohl er nur Zaungast ist, erhält er allerbeste Qualität. Denn die Traubenproduzenten bewirtschaften zum Teil Weingärten mit 65 Jahre alten Reben. „In Neckenmarkt hat man nicht das Verbrechen begangen, alte Reben umzuhacken und durch junge zu ersetzen. Das geschah nur dort, wo die Weinbauern pro Kilo bezahlt wurden.

„Und außerdem: Der erste Rotwein von Format stammt natürlich aus Neckenmarkt“, verrät Heribert Bayer. Es sei der 1979er Blaufränkisch von Hans und Josef Tesch gewesen. Josef Tesch ist übrigens Kellermeister des Winzerkellers Neckenmarkt.

Wem also in Zeiten von Krise und Zukunftsangst ein wenig nach Sozialromantik und hervorragendem Wein ist, sollte sich nach Neckenmarkt aufmachen. Eile ist nicht geboten. „Wir gehen den Weg der kleinen Schritte“, sagt Franz Heincz. Nicht auf die Geschwindigkeit komme es an, sondern auf die Richtung. Aber wer weiß das schon? e

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