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Die echte Welt hat keinen Hashtag

04.11.2015 | 12:24 |  Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Auf Instagram wollen plötzlich alle das echte Leben zeigen. Und wenn das dort gar nichts verloren hat?

 

Vor wenigen Tagen hat die 19-jährige australische Instagram-Personality Essena O'Neill also ihren Rückzug aus sämtlichen Social-Media-Kanälen, mit denen sie ihr Einkommen generiert, bekannt gegeben (siehe auch hier).

Seitdem beschäftigt sich die Instagram-affine Web-Community mit diesem vermeintlich besonders mutigen und beherzten Schritt. Ganz ihre Finger von der Tastatur kann die Teenagerin freilich nicht lassen (auch eine Sucht nach "Likes" kann offenbar nicht von einen Tag auf den anderen heruntergefahren werden), jetzt hat sie die Plattform "Let's be Game Changers" mit noch nicht klar erkennbarem Ziel ins Leben gerufen.

Die Instagram-Gemeinde liegt der Jugendlichen nun zu Füßen - man hat in ihr offenbar eine Märtyrerin ausgemacht, die freiwillig ihre hunderttausenden Follower vor den Kopf zu stoßen bereit ist, indem sie in nachbearbeiteten Bildttexten zu bereits veröffentlichten "perfekten Schnappschüssen" darauf hinweist, dass etwa das Bild von ihr im Abendkleid mit perfekter Fönfrisur auf dem Felsenkliff gar nicht spontan entstanden sei, sondern als Teil einer Fotosession. Ach?

Eine Woche #truthfulness
Wenn Instagrammen ein echter Job ist, sind dann solche Mühen nicht Teil des Deals? Wie dem auch sei: Natürlich bemühen sich jetzt auch andere Berufs-Instagrammer darum, ihren natürlichen Habitat - also diese Fotosharing-App - kurzfristig mit Wirklichkeitssinn aufzuladen und fotografieren auf einmal ihren unaufgeräumten Schrank und schlampig hingelegte Sandwiches.

Natürlich wissen sie, dass langfristig solche Bilder keine Heerscharen von Followern einbringen werden oder, wichtiger, in der Vergangenheit generiert hätten. Aber jetzt gerade ist es eben doch legitim, einmal eine Woche lang #truthful zu sein oder #therealworld zu zeigen.

Ohne schulmeistern zu wollen: Ein bisschen Medientheorie ist an der Stelle ganz heilsam, zum Beispiel könnte man bei Baudrillard kurz nachlesen, wie das so ist, mit der Simulation und der Distanz, die notwendigerweise in einer Medienwelt zwischen "signifiant" und "signifié" tritt und das "Eigentliche" vom "Inszenierten" trennt. Auf Instagram, wo es in erster Linie um das Weiterreichen von fast zur Gänze textbefreiten Bildern geht, ist die Inszenierung, das perfekt beherrschte "Simulacrum", eine conditio sine qua non.

Das Ungeschminkte ist ein Nude-Look
Doch offenbar kommt in regelmäßigen Abständen das Bedürfnis auf, das "echte Leben" oder die "ungeschönte Wahrheit" auch in einer App aufblitzen zu lassen, die es nur der Inszenierungs- und Verschönerungswut wegen gibt. Ich erinnere an den großen Erfolg der #wokeuplikethis-Bilderflut vor einem Jahr, als plötzlich Insta-Promis und echte Stars das Gefühl hatten, sie müssten sich einmal ungeschminkt auf Selfies zeigen.

Dass das "Ungeschminkte" dann meistens doch ein ziemlich gut geschminkter Nude-Look war (man wollte ja schließlich doch noch gut genug aussehen, um zahlreiche Likes zu bekommen), ist symptomatisch für das Ausmaß an #RealWorld, das den Instagram-Usern zumutbar ist.

Was nun die junge Essena betrifft, die sich neuerdings als Retterin des Internets und Game-Changerin will (und ganz nebenbei seit ihrem Breakdown-Video noch einmal um die hundertausend neue Follower verbuchen konnte): Es muss schon schwer sein, wie Essena der Generation der Millenials anzugehören und früh in der Social-Media-Webwelt zu Ruhm und Geld zu kommen.

Und eines Tages zu erkennen, dass die Wirklichkeit, in die sie hineinwuchs, dann eben doch keine ist. Die echte Welt gibt es nur ohne Hashtag.

 

Daniel Kalt ist "Schaufenster"-Chefredakteur und als @daniel_kalt auf Instagram, ganz ungeschönt.

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