Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Amanshausers Album: Plastiksackerl ade!

26.04.2017 | 13:13 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Reisen bringt einem fremde Sitten, Gebräuche und Produkte nahe. Wieso ich andere Kulturen hasse.

Bild: (c) APA/HELMUT FOHRINGER 

Ich humple durch Bowling Green, Ohio, und schimpfe leise vor mich hin. Eine derartige Frechheit. In einem Dollar General, der charmanten Mischung zwischen Sonderpostenmarkt und Discounter, hatte man mir jüngst, ganz wie es hier üblich ist, einige Plastiksäcke aufgedrängt. Es waren mehr als meiner Ansicht nach nötig, und ich zahlte nichts dafür. Wie können diese dünnen Plastiksäcke für die Kunden gratis sein?, dachte ich. Sie müssen produziert, vom Supermarkt erworben werden. Wie rentiert sich das, wo spart dabei das Unternehmen? Gerade eben spürte ich am eigenen Leib, wo: bei der Qualität des verwendeten Materials.

Einen dieser Säcke hatte ich nämlich weiterverwendet. Ich hatte ihn „europäisch eingepackt“, das heißt, hoffnungslos überfüllt. Daheim in der Wohnung, bereits auf dem Weg zum Eiskasten, zerriss und zerbarst er mir jäh – ein Glas mit Senf stürzte heraus. Es nahm, die Gesetze der Schwerkraft auf geradezu groteske Art befolgend, im freien Fall Geschwindigkeit auf, und zerschmetterte meine rechte Zeigezehe, die nicht mehr in der Lage war, sich rasch genug zurückzuziehen. Ich stieß einen Todesschrei aus und rettete mich mit einem einbeinigen Sprung aufs Sofa, auf das ich rücklings donnerte, eine Reihe animalischer Laute von mir gebend. Als ich wieder klarer denken konnte, dachte ich zunächst amerikanisch: Wieviel war die Zehe eines 48-jährigen deutschsprachigen Autors wert? Konnte man den Dollar General klagen?

Als der Schmerz nicht nachließ, verdammte ich andere Länder, Sitten, Supermärkte, diesen elenden Beruf. Wieso war ich nicht in Österreich geblieben, in Wien, meinetwegen in Salzburg? Ich hätte in meinem Elternhaus auch heute noch Platz. In der Heimat würde es keine reißenden Plastiksäcke geben. Die österreichischen sind solide, unter Umständen umweltfreundlich, sie kosten 25 Cent.

Wieso hatte ich diesen ganzen Wahnsinn mit diesem Reisen begonnen, mit diesem Schreiben darüber, und mit diesen fremden Kulturen? „Ich hasse euch fremde Kulturen!“, schrie ich mit voller Kraft. Da ich allein war, hörte mich niemand.

Info

Vor Kurzem rief das Umweltministerium im Handel die Devise „Pfiat di Sackerl“ aus. Die UN startete unlängst die „Kampagne für saubere Meere“ – gegen Plastikmüll.

www.amanshauser.at

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr