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Amanshausers Album: 13. „Radieschenisierung“

24.05.2017 | 22:24 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Wie sehen Gemüse und Obst nach der Radieschenisierung der Supermarktprodukte aus?

Ausgewachsen: Die perfekte japanische Erdbeere ist ein gefragtes, teures Gut und geht auch in den Export nach Hongkong, Taiwan und Singapur. / Bild: (c) EPA/Everett Kennedy Brown 

Ich klassischer Beilagenesser studiere überall in der Welt die Obst- und Gemüsesorten. Zahlreiche Variationen kannte ich schon, aber groß war mein Erstaunen doch, als ich im Jahr 2008 in Luxemburg (Stadt) violette Karotten sah, gelbe Tomaten und Baumspinat. Neun Jahre später boomen solche Gewächse auf den Märkten, ja, Großhändler haben sich auf neue „alte“ Sorten spezialisiert – denn hatten wir nicht alle die Schnauze voll von Hollandtomaten? Nach dem Ruin der Cocktailtomate (radikaler Geschmacksverlust, „Radieschenisierung“), ortete die Marktforschung der  Überflussgesellschaft Bedarf nach diversifizierten Bedarfsgemüsen.

Jeden September findet in Berlin-Brandenburgs größter Kürbisausstellung die Riesengemüse-Wiegemeisterschaft statt – Amateure bringen ihr Gemüse zur Waage, die letztjährigen Kategorien-Sieger waren eine Karotte mit 2,5 Kilo, ein Kohlrabi mit 7,6 Kilo und gar ein Zucchino mit 32,5 Kilo. Für das Elefantengemüse Kürbis veranstalten solche Foodies beziehungsweise Growies sogar Europa- und Weltmeisterschaften. Monsterkürbisanbau ist quasi eine Disziplin wie Sumoringen: die Jahreswertungen gewinnen Halbtonner, ein belgischer Züchter hält (September 2016) mit 1190,5 Kilo den Weltrekord.

In Japan, dem Land der Geschenke, wo Früchte oft Luxusgüter wie Wein oder Kaviar sind, züchtet man elitärer. Die Firma Ichigo Co aus Niigata stellt eine unter LED-Licht gezogene versandtaugliche, süße Erdbeere in Eiergröße her, nur online bestellbar, 1000 Yen (ca. 8 Euro) pro Stück, erhältlich in Pralinen-Sechserpackungen. Und je größere Erdbeeren im Ichigo-Glashaus gelingen, umso höher schraubt sich der Preis. Unwillkürlich denkt man an die irrationale „Tulpenmanie“ – beliebtes Studienobjekt in der Makroökonomie – als im frühen 17. Jahrhundert einzelne Tulpenzwiebeln als Spekulationsobjekte Edelmetallpreise erzielten, bevor 1637 in Alkmaar der Kurssturz folgte. Für Ichigo wäre eine Erdbeermanie der Jackpot. Die Erdbeerblase wird hoffentlich platzen, bevor eine Halbtonner-Erdbeere („pumpkin strawberry“) den Markt erdrückt.

www.amanshauser.at

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