Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

La Réunion: Der Duft von Vanille und Koriander

30.06.2017 | 15:14 |  von Katja Gartz (Die Presse - Schaufenster)

La Réunion ist eines der letzten Paradiese. Unterwegs auf einer Insel mit faszinierender Natur und einer Küche voller Geheimnisse: gefüllte Samosas, äußerst bekömmliche Schweinefüße in Café Bourbon und dem Kürbis Chouchou.

Paradiesisches Idyll La Réunion: Auf der Insel rauschen Hunderte Wasserfälle in tiefe Schluchten, gedeiht die beste Vanille der Welt und und auch sonst alles, was bunt und frisch auf den Markt in Saint-Paul kommt. / Bild: Imago 

Holzfeuer knistert, Gaskocher zischen unter gusseisernen Töpfen. Es duftet nach Huhn mit Kurkuma, Koriander und Cumin, daneben nach Fisch und diversen Gemüsen. Es ist das landestypische Gericht „Cari“, ein Ragout mit verschiedenen Zutaten. Philippe Beque läuft das Wasser im Mund zusammen. „Endlich Wochenende, Zeit für ein Picknick“, sagt er und würzt noch ein bisschen nach. Freunde und Verwandte treffen ein und bringen Rum und Saft für den typischen Punsch mit. Picknicken gehört am Wochenende zu den Lieblingsbeschäftigungen der Réunionaisen. Dann ziehen sie mit Töpfen, Pfannen und Kochutensilien an den Strand oder in die Berge und suchen sich ein schattiges Plätzchen. „Zusammen gut essen ist bei uns ganz wichtig, das gehört zu unserer Kultur“, sagt der 44-Jährige.

Nach einem Abstecher zur Lagune starten Besucher aus Deutschland und Luxemburg ihre Tour über die Insel. Mit dabei ist Jean-Paul Carminati. Der gebürtigen Franzose lebt seit 25 Jahren auf der Insel. Sie fahren Richtung Norden durch das Hafenstädtchen Saint-Gilles-les-Bains, an den picknickenden Réunionaisen vorbei und machen einen Zwischenstopp auf dem Markt von Saint-Paul. Hier liegen die köstlichen Zutaten, die den Geschmack der Insel ausmachen: Ananas, Mangos, Litschis, Palmenherzen, Chilis, Tamarinden, der schrumpelige grüne Kürbis Chouchou, Baumtomaten, Vanille und vieles mehr. Die Köche wissen, wo sie die besten Produkte finden. Ihre Lieferanten, Bauern und Fischer, kennen sie persönlich.

Vorbei an Zuckerrohrfeldern und weiten Ebenen geht es über Serpentinen in Richtung Piton des Neiges, dem höchsten Berg der Insel. „Dort unten im Talkessel Mafatte liegt das Tal der zehn Dörfer“, erklärt Jean-Paul am Aussichtspunkt. Nur knapp 1000 Menschen leben dort. Die Baumaterialien für Häuser kommen per Hubschrauber, bis zur nächsten Bushaltestelle sind es zwei Stunden einen beschwerlichen Weg herauf. Plötzlich reißt eine dicke Wolke auf und gibt den Blick ins Tal frei. „Die Insel mit ihren hohen Bergen, grünen, tiefen Schluchten und Wasserfällen lässt einen nicht mehr los“, sagt Larissa Metke aus Frankfurt, die hier schon mehrmals wandern war. Die Vulkanlandschaften, Talkessel und Hochebenen gehören heute zum Unesco-Weltnaturerbe.

Café Bourbon Pointu

Am nächsten Morgen bricht die Gruppe früh in den Süden auf. Am Ende einer gewundenen Straße erwartet sie Jacques Lepinay auf seiner Kaffeeplantage. Auf rund tausend Metern gedeiht hier eine der edelsten Kaffeesorten überhaupt, der Café Bourbon Pointu Grand Cru. Lepinay führt seine Gäste zu seinen 2000 Bäumen und greift sich eine reife rote spitze Frucht. „Wir haben hier beste Klimabedingungen“, sagt der Plantagenbesitzer, der zwischen November und Jänner seine Bohnen mühsam per Hand erntet. Dünge-und Insektenschutzmittel sind tabu. Während er die Besucher zurück zum Haus geleitet, stellt seine Frau die Schüsseln mit gelbem Reis, Rougail, einer scharfen Soße aus Zwiebeln, Tomaten, Ingwer und Chili, und einen großen Topf Schweinefüße in Café Bourbon auf den Tisch. Die Gäste blicken skeptisch, doch mit dem ersten Biss in das zarte, fein gewürzte Fleisch mit einer fruchtigen Note ist jeder Zweifel dahin. Zum Dessert gibt es hausgemachte Pralinen und natürlich die Spezialität des Hauses. „Der Kaffee ist mild, aber wunderbar aromatisch“, sagt der Luxemburger. Besonders beliebt ist das koffeinarme Getränk in Japan und wird dorthin laut Lepinays für rund 600 Euro pro Kilo verkauft. Zum Leben reicht seine Kaffeeleidenschaft nicht, deshalb arbeitet er hauptberuflich in der Verwaltung eines Krankenhauses an der Küste.

An kulinarischen Spitzenprodukten mangelt es auf La Réunion nicht. So wächst zwischen dem höchsten Berg in der Mitte und dem noch aktiven Vulkan Piton de la Fournaise im Südosten auch die Königin der Ananas: Queen Victoria. Betrand Beque, einer von 150 Produzenten, ist stolz auf seine stachligen Felder. Er exportiert seine Früchte nach Paris, wo sie in Feinkostläden schnell ausverkauft sind. Dennoch spielt die Ananasernte der Insel wegen der geringen Menge auf dem Weltmarkt keine Rolle.
Noch mit dem süßen fruchtigen Geschmack auf der Zunge erzählt Jean-Paul Carminati während der Fahrt zum Vulkan von der Geschichte La Réunions. Viele Jahrhunderte war die Insel unbesiedelt, bis arabische Seefahrer sie unterwegs auf der Gewürzstraße als Zwischenstation nutzen. Es folgten Portugiesen, Engländer und Holländer auf dem Weg nach Indien. Im Zuge der französischen Kolonisierung kamen Siedler auf die Insel, die für den Anbau von Zucker, Kaffee und Vanille Sklaven aus Madagaskar, Ostafrika und Indien auf die Plantagen verschleppten. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Insel nach dem Adelsgeschlecht des französischen König Ludwig XIII. Bourbon genannt. Nach dem Ende der Sklaverei 1848 wurden billige Arbeitskräfte aus Indien, Afrika und China angeworben. Die Nachkommen der einstigen Siedler und Sklaven nennt man Kreolen. Die Mischung der Ethnien und das friedliche Zusammenleben bestimmt längst die Identität aller Réunionaisen. Bis heute prägen die verschiedenen Einflüsse auch die Küche La Réunions.

600 endemische Pflanzen

Nach mehreren Namenswechseln behielt die östlich von Madagaskar und 180 Kilometer von Mauritius im indischen Ozean gelegene Insel wie schon nach der französischen Revolution ihren Namen La Réunion. Seit 1946 ist sie, gerade mal so groß wie Luxemburg, ein französisches Überseedepartement und durch die Zugehörigkeit zu Frankreich Teil der Europäischen Union.

An den alten Namen erinnert heute noch die Bourbon-Vanille. Sie kam aus Mexiko, allerdings fehlte hier die richtige Biene, um die Orchidee zu befruchten. Der entscheidende Kunstgriff gelang dem jungen Sklaven Edmund Albius. Er war wütend auf seinen Herrn und zerdrückte sämtliche Vanilleblüten mit den Fingern. Doch statt zu welken, wuchsen plötzlich Schoten aus den Schlingpflanzen, größer, dicker und ertragreicher als in andern Ländern. Seither werden die Dolden auf La Réunion nur per Hand bestäubt. Durch ihr besonderes Aroma und den hohen Anteil natürlichen Vanillins gilt die Vanille aus La Réunion als die hochwertigste. Vor dem Vulkan Piton de la Fournaise am Horizont erstreckt sich eine weiter Landschaft mit rostroter Erde. Der Schildvulkan ist einer der aktivsten der Erde und bricht mehrmals im Jahr aus. Dann heißt es bei den Réunionaisen, „der Vulkan pupst“. „In fünf Stunden kann man vom Aussichtspunkt auf den Gipfel wandern, der Ausblick von oben ist fantastisch“, sagt Jean-Paul.

Nach der trockenen Vulkanlandschaft geht es zum Talkessel Salazie zurück in die Inselmitte. Es ist die feuchteste und grünste Gegend auf La Réunion. Ein Wasserfall nach dem anderen stürzt an den Steilwänden ins Tal. Die wuchernden herzförmigen Blätter des Kürbis Chouchou liegen wie ein Teppich auf den Hängen. Weiter oben schießen riesige Bambuspflanzen und Baumfarne in die Höhe. Klare Wasserläufe durchziehen den Urwald Bélouve, in dem rund 600 Pflanzen wachsen, die nur auf Réunion gedeihen. Die Luft ist saftig, es riecht mal frisch, mal erdig. Moose überziehen ganz Baumstämme, Palmen, wilde Fuchsien und Orchideen sprießen im grünen Dickicht. Ein verschlungener schlammiger Pfad führt zu einer kleinen Plattform, von der sich der Blick auf „Trou de Fer“, das Höllenloch, eröffnet und ein tosender Wasserfall in eine 300 Meter tiefe Schlucht rauscht.

Nach einer Wanderung durch den Urwald ist es Zeit für ein Stärkung und eine Einweisung in die kreolische Kochkunst. Wie man ein Cari zubereitet, zeigt ihnen der Koch Jacky Aroumougom in seiner Kochschule Farfar Créole in der Nähe des nördlichen Küstenstädtchens Saint-Suzanne. Sie zerkleinern ein Huhn, hacken Koriander, legen einen dünnen Teig millimetergenau zu Dreiecken für gefüllte Samosas zusammen und schauen ihrem Meister über die Schulter. Es ist Wochenende, Zeit also für ein Picknick, diesmal am Strand.

Tipps

Reisezeit: von November bis April, feucht-heiße Temperaturen. Von Mai bis Oktober, kühler und trockener, aber immer noch 23 Grad warm.

Anreise: Air Austral fliegt für etwa 1000 Euro vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle nach Saint Denis, der Hauptstadt La Réunions. austral.com

Rundreise: Beispielsweise bietet Dertour folgende Rundreise an: „La Réunion – Insel der tausend Gesichter“, 5 Übernachtungen im Doppelzimmer in zweckmäßig eingerichteten Hotels bis Hotels der Mittelklasse inklusive fünfmal Frühstück und fünfmal Abendessen.
Busrundreise pro Person ab EUR 959. dertour.at

Kreolische Kochkurse: Farfar Kréol
Atelier Culinaire, 48 chemin Camp Créole Bagatelle, 97441 Sainte Suzanne
Tel. +262 (0) 69 300 91 36

Internet: www.farfarkreol.jimdo.com  

Geöffnet: Di., Do., Sa. und So. vom 9 bis 16 Uhr. Mit gemeinsamen Mittagessen pro Person 39 Euro

Einkaufen: Märkte mit typischen Produkten und Allerlei aus Indien, China und Afrika.  Wochenmarkt in Saint-Paul, Westküste.

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde vom Fremdenverkehrsamt von La Réunion unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 1.7.2017)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr

  • Schöner Ski fahren am Arlberg

    Seitdem am Arlberg dank neuer Verbindungen und „Run of Fame“-Skirunde noch mehr los ist, besinnen sich Insider auf alte Qualitäten.
  • Namibia: Wandern im Fish River Canyon

    Unterwegs wie in einem Geologiebuch: 85 Kilometer lang windet sich die Tour durch den zweitgrößten Canyon der Welt – den Fish River Canyon. Nur der Grand Canyon ist länger.
  • Wiener Alpen: Kurz einmal vor die Haustür

    In der Buckligen Welt durchs Herbstlaub rascheln. Bei regionalem Bier und feiner Küche auftauen. Mit freiem Blick einschlafen.