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Äthiopien: Schön, freundlich, nah, aber nicht ungefährlich

25.08.2017 | 18:42 |  von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Was fällt uns so spontan zu Äthiopien ein? Zum Beispiel das Hilfsprojekt des verstorbenen Schauspielstars Karlheinz Böhm, Adoptivkinder, Marathonläufer und der charismatische, im Westen hofierte Kaiser Haile Selassie.

Blutbrustpaviane leben im Simien-Mountains-Nationalpark. / Bild: Imago 

Die Reisebranche ist im Umbruch. Wohin kann man noch reisen? Vor 15 Jahren dachte niemand daran, vor dem Urlaub Reisewarnungen des Außenministeriums zu studieren. Beliebte Destinationen brechen weg, der Orient, speziell die Türkei oder Tunesien. Andererseits schreckt der Massentourismus, vor allem in Meeresnähe manche ab, sich im Winter nach Süden zu wenden, auf die Kanaren oder nach Malta zu fliegen, wo statt Insel-Romantik Bettenburgen warten. Und Afrika scheidet sowieso aus.

Wirklich? Gibt es da nicht Tansania mit seinen Safaris und Stränden, Südafrika, Botswana, Namibia oder Gorillas schauen in Uganda? Ja, aber auch hier ist die Balance zwischen Sicherheit und Massentourismus nicht so leicht zu finden – und teuer ist der Spaß auch, speziell für Familienväter oder Alleinerziehende. Äthiopien? Viel zu gefährlich. Die partielle Reisewarnung erreicht Stufe 5, 6, das bedeutet Krieg. Seit 2016 ist der Ausnahmezustand verhängt – und im April wurde in Gondar, eine der beliebtesten Städte für Touristen, bei einem Anschlag auf ein Hotel ein Mensch getötet und 19 verletzt.

Was fällt uns so spontan zu Äthiopien ein? Zum Beispiel das Hilfsprojekt des 2014 verstorbenen Schauspielstars Karlheinz Böhm, Adoptivkinder, Marathonläufer und der charismatische, im Westen hofierte Kaiser Haile Selassi.

Afrika ist näher als man glaubt

Viermal pro Woche fliegt die staatliche Ethiopian Airlines, Mitglied der Star Alliance wie die Lufthansa, in sechs Stunden (Nachtflug) direkt von Wien nach Addis Abeba. Ethiopian will sich als Schnittstelle zwischen Afrika und dem Westen profilieren, mit günstigen Tarifen. 2003 gab es in Addis Abeba noch eine Million Passagiere, nach einem weiteren Ausbau des Flughafens sollen es bis 2020 rund 25 Millionen sein. Derzeit ist die Zahl der Touristen allerdings mit 750.000 noch bescheiden. Äthiopien ist eine Destination für Liebhaber. Auf unserer Gruppenreise treffen wir Furchtlose (Amerikaner und Kanadier, die zuvor den Sudan besucht haben), Alternative und Künstler (ein Chorsänger aus Arizona mit seinen Freunden, ein altes Ehepaar aus Österreich, das zwar Business Class fliegt, aber Bagpacking macht - oder eine gehbehinderte Seniorin über 70 aus den USA, die in diesem Jahr schon viele Fernreisen gemacht hat, strahlend lächelt und meint: „Wer weiß, wie lange ich noch so weit weg fahren kann?“); die Gruppen von christlichen Nonnen und Studentinnen aus Texas nicht zu vergessen, letztere betreiben ein Sozialprojekt in Äthiopien. Das Wirtschaftswachstum des Landes beträgt auf den ersten Blick stattliche zehn Prozent, ist aber auf einem niedrigeren Niveau als zuletzt, und heuer wird es wegen der Dürrekatastrophe im Nordosten weniger sein.

Geistliche lassen sich gegen eine Spende fotografieren

Unsere Journalistengruppe hat nur vier Tage, die Reise eschränkt sich auf bei Touristen beliebte Fixpunkte wie den Tana-See, den Simien-Nationalpark und die Kirchenstädte Gondar und Lalibela. Die Kunstschätze sind wunderbar und zum Unterschied etwa von Ägypten „belebt“. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche (60 Prozent der Bevölkerung sind Christen) strahlt eine starke Spiritualität aus, dass die Geistlichen willig und würdig für die Fotos posieren, gehört da durchaus dazu. Auf 20 von 37 Inseln des Tana-Sees befinden sich bis heute Klöster, die zwei, die wir besuchen, zieren prachtvolle Malereien mit biblischen Szenen im orthodoxen Stil, aber einfacher und naiver gestaltet als Ikonen. Die Kirchenkunst wirkt ausgerichtet auf Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, auratisch, bildhaft, weniger missionarisch als verspielt.

Am 19./20. Januar wird in Gondar das Timkat-Fest gefeiert, bei dem das Taufversprechen erneuert wird: Junge Männer und Frauen springen spärlich bekleidet in ein steinernes Becken, üppig geschmückte Priester begleiten die Zeremonie. In Äthiopien mischt sich vieles und einiges kommt dem Europäer sehr bekannt vor wie das Ineinandergreifen heidnischer und christlicher Bräuche oder das periodische Vergiften von Herrschern. Auch Haile Selasse soll, hoch betagt, mit Äther vergiftet worden sein, wie sein Großneffe Asfa-Wossen Asserate in seiner Biografie des Kaisers schreibt, die allerdings die Ausstrahlung dieser Legende nicht wirklich erklären kann. Vielleicht war Haile Selasse auch nur einer dieser letztlich üblen Diktatoren aus der Dritten Welt.

 

Imago Kirche am Tana-SeeKirche am Tana-See / Bild: Imago 

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Wer nicht Jungfrau ist, darf nicht heiraten

Anders als König Lalibela, der im 12. und 13. Jahrhundert angeblich 40 Jahre lang regierte, er ließ in Basaltlava eingemeißelte Kirchen bauen, eines der weniger bekannten Weltwunder und vermutlich die berühmteste Attraktion Äthiopiens, quasi ein Wahrzeichen, das in keiner internationalen Doku fehlen darf. Forscher sind neben Hilfsorganisationen ständiger Gast in Äthiopien, für dessen komplexe und geheimnisvolle Kultur ausländische Institutionen gern Geld spendieren. Die Kirche ist allerdings eine strenge moralische Instanz. Wer nicht Jungfrau (oder unberührter Mann) ist, kann nicht kirchlich heiraten. Wir besuchten eine nicht kirchliche, aber traditionelle Hochzeit, bei der das Brautpaar von Rinderhälften gemeinsam Fleisch abschnitt, das anschließend gebraten wurde (Teilen von Tisch und Bett). Theologie-Studenten in weißen Priester-Kleidern sorgten für die religiöse Begleitung, mit der großen Trommel, die in den stundenlang dauernden Messen eine wichtige meditative Wirkung entfaltet. Die Trommel ist Träger vieler Symbole, die Schnüre an ihrer Seite zum Beispiel stehen für die Zahl der Schläge, die Jesus Christus bei der Geißelung ertragen musste.

Kult um die Bundeslade

In diesem Land der Christen, Muslime und Stammesangehörigen, letztere kämpfen öfter gegeneinander als die Angehörigen der sogenannten Weltreligionen, kann Esoterik nicht ausbleiben. Einer der bekanntesten Eso-Gurus, der schottische Bestseller-Autor Graham Hancock, der sich mit verschiedenen Kulturen befasst hat, hat auch ein Buch über „The Ark of the Covenant“, den Kult um die Bundeslade in Äthiopien, geschrieben. Eine These Hancocks ist, dass es einen globalen Zusammenhang aller historischen Kulturen mit einer untergegangenen Hochkultur gibt, die einer kollektiven Amnesie anheimgefallen ist. Das erinnert ein wenig an Erich von Dänikens Spekulationen über den Besuch Außerirdischer auf der Erde. Was immer man von Hancocks Ideen hält, er ist ein packender Schreiber, wie man bereits nach dem Lesen weniger Zeilen seines Buchs „The Sign and the Seal“ auf Amazon feststellen wird: Die Atmosphäre an heiligen Plätzen Äthiopiens und die Ausstrahlung der Geistlichkeit hat er blendend getroffen. Das Haus der Bundeslade, in der die Gesetzestafeln sind, auf die Gott Moses seine zehn Gebote notieren ließ, ist heute in Axum (Aksum) im äußersten Norden Äthiopiens. „Der Wächter der Bundeslade“ passt auf diese auf – sein ganzes Leben lang, er darf das Gelände nicht verlassen. Besucher dürfen weder dieses noch das Haus der Bundeslade betreten. Keine Kirche in Äthiopien kann ohne eine Kopie der Bundeslade, die Europäer aus dem Juden-und Christentum kennen, gebaut werden. Noch ein Wort zu Kaiser Lalibela: Ein Grund für die gewaltige Anstrengung der Erbauung der Felsenkirchen, bei der, einer Legende zufolge, nachts Engel den Menschen halfen, war, dass die äthiopischen Christen auf der arabischen Halbinsel und im Heiligen Land Verfolgung durch die Moslems befürchten mussten, sie konnten nicht nach Jerusalem pilgern, darum baute ihnen Lalibela ein zweites Jerusalem.

Imago Zahlreiche Kirchen wurden wie ein Monolith aus dem Felsen geschnitten. Zahlreiche Kirchen wurden wie ein Monolith aus dem Felsen geschnitten. / Bild: Imago 

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Alpine Landschaft mit Affen

Man spürt die Macht der Religion in Äthiopien. Aber es gibt auch anderes. Zum Beispiel den Simien Mountains Nationalpark mit seinen Blutbrust-Pavianen oder Dschelada, die ausschließlich im äthiopischen Hochland leben. Es mag ja sein, dass man heute ohnehin alles in Zoos oder in Universum sehen kann, aber es war einfach ein unvergessliches Erlebnis, wenige Meter von den Pavianherden entfernt zu stehen und ihnen zuzuschauen, wie sie ihre Babyaffen herumtragen, sich vergnügen, fressen und, bei Wikipedia steht, dass sie das das angeblich nicht tun, auf einen Baum kletterten. Als ein Ast abbrach, fielen fünf Paviane herunter und schrien aufgeregt, es klang, als wollte einer dem anderen die Schuld an dem Malheur zuschieben. Die Landschaft ist afrikanisch alpin. Das Land gehört den Einwohnern (wie in Neuseeland oder Australien), dass der Nationalpark begründet und jetzt auch noch ausgedehnt werden soll, behagt ihnen nicht, sie verüben Attentate.

Wir haben davon nichts bemerkt, doch vor dem Eingang zum Nationalpark sieht man viele Ranger mit Waffen, einer fuhr mit uns im Bus mit, schätzungsweise war der Mann über 80. Wenn man alle Informationen aus Äthiopien sammelt, kann man wie an viele Orte nicht mehr hinfahren. Aber wenn man sich entschließt, entdeckt man ein wunderbares Land mit schönen, freundlichen Menschen und unvergesslichen Kulturschätzen, das einen daran erinnert wie Reisen vor der Erfindung des Massentourismus war. Ob man morgens den wohllautenden Gebeten der Gläubigen lauscht oder abends eine Kaffeezeremonie verfolgt, ob man dem Fischer auf dem Tana-See zusieht, der geduldig seine Netze entfaltet oder in Addis Abbeba eine moderne Galerie besucht, ob man sich in den Süden wagt, was laut unserem Führer ungefährlich ist, Elefanten und Giraffen sieht, Äthiopien ist etwas Besonders. 14 Tage sollte man allerdings zur Verfügung haben, manche der Reisenden sind vier Wochen unterwegs. Die Frage ist, ob Äthiopien noch lange sein wird wie es ist, denn auf vielen Häusern sieht man Satellitenschüsseln und auf Flughäfen Chinesen, die mit dicken Bündeln der Landeswährung Birr wedeln, so viel Geld wie womöglich ein äthiopischer Bauer im ganzen Leben nicht verdient. Die Chinesen haben im Land keine schlechte Nachrede, denn sie bauen Straßen und Eisenbahnen, darunter eine von Addis Abeba nach der Hafenstadt Dschibuti am Golf von Aden. Allerdings gibt es auch hier Sicherheitsprobleme. Freilich: Was ist schon sicher heutzutage? Reisen ist jedenfalls noch immer zu den meisten Destinationen weniger gefährlich als in früheren Jahrhunderten. Und Äthiopien ist es auf jeden Fall wert, dass man seine Ängste überwindet.

Nicht ohne Konsultation des Tropeninstituts reisen

Einiges muss man wissen: Unbedingt das Tropeninstitut konsultieren. Die Armut ist groß, es wird empfohlen, vor allem Kindern kein Geld zu geben, weil sie nicht die Schule gehen, wenn Betteln ein Einkommen bringt. Aber gehen Sie überhaupt in die Schule? Man hat kaum das Herz, diese freundlichen Leute zurückzuweisen, vielleicht sollten sie uns satte Europäer an etwas erinnern? Dass Geben seliger als Nehmen ist? Im Hochland kann es kalt sein. Gute Schuhe, Wanderschuhe sind ein Muss, Wanderstöcke ebenfalls nützlich. Wasser aus der Leitung soll man nicht trinken. Das Essen ist ungefährlich. Äthiopier tunken Palatschinken ähnliche Fladen in Dals und Gemüse-Gerichte: Injera heißt das. An Fleisch gibt es Huhn, Ziege, Lamm, Rind, auch westliches Essen und englisches Frühstück. Allerdings, wozu fährt man weg, wenn man isst, was man daheim auch bekommt? Die Gewürze wirken indisch. Die bekannteste Mischung heißt Wat, sie besteht aus Pfeffersorten.

Äthiopische Küche, die Äthiopier mögen, ist ziemlich scharf. Äthiopier trinken nicht viel Alkohol, sie bevorzugen Kaffee, auf dem Land bekommen die Senioren den ersten Aufguß, Senioren und Eltern den nächsten und sogar Kinder trinken Kaffee den dritten Aufguß. Obwohl Alkohol teilweise verpönt ist (Trinken in Kirchen ist strengstens verboten), gibt es sehr gutes Bier und sehr guten Wein (Acacia). Leicht geschürzt sollte man sich nicht zeigen, an heiligen Stätten sowieso nicht. Äthiopier sind ziemlich konservativ, sie sehen sich als Gastgeber ihres Landes und wollen respektiert werden, Ballermann-Manieren kommen sehr schlecht an und mit abfälligen Bemerkungen sollte man sich zurückhalten, man spricht nicht einfach aus, was einem einfällt. Höflichkeit, Gehorsam sind wichtige Tugenden und alte Leute haben Autorität gegenüber der die Jugend.

Welterbestätten

Anreise: Viermal pro Woche fliegt die staatliche Ethiopian Airlines direkt Wien– Addis Abeba, www.ethiopianairlines.com.

Rundreisen bei Grand Holidays Ethiopia, www.grandholidaysethiopia.com.

Tipp: Unser Guide hieß Getnet Muiugeta, er ist 24 Jahre alt, spricht perfekt deutsch und englisch, hat überall im Land Kontakte und verspricht, seine Gäste auch mit Einheimischen bekannt zu machen. getnetethiopia@gmail.com.

Die Reise wurde von Ethiopian Airlines und Grand Holiday Ethiopia unterstützt.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2017)

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