Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

San Francisco: Das Kipferl an der Westküste

30.11.2017 | 11:02 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

San Francisco, liberalste Stadt der USA, sagt gegen den Zeitgeist „Always Welcome“ und steht für Toleranz und Vielfalt.

Verkörperung. Straßen, bekannt aus Film und Fernsehen. / Bild: (c) Scott Chernis Photograph 

Kurzes Gespräch mit Max Hollein, Wiener, Jahrgang 1969, Leiter der Fine Arts Museums of San Francisco. Heute hat das Museum Schließtag, was sich nicht auf die Arbeit der Ausstellungsmacher auswirkt. Tee, Kaffee und einige Mehlspeisen stehen bereit, unter anderem ein wunderbares Kipferl. Doch der Tisch im Sitzungssaal, in dem die Begegnung stattfindet, ist so groß und weiß, und da möchte keiner der anwesenden Journalisten bröseln. Hollein selbst verschwendet keinen Blick an das Buffet. Er spricht von den beiden Institutionen, die er „bespielt“, das Gebäude der Legion of Honor mit Klassikern und das de Young Museum mit größeren konzeptuellen Themen. Knappe zwei Jahre lebt Hollein schon in Kalifornien, er identifiziert sich, er ist schon ein echter Westküstler geworden. Obwohl nicht alle seine Kollegen verstanden, wieso er hierher ging. „Es gibt keine liberalere Haltung als in dieser Stadt, sie ist das Epizentrum einer anderen intellektuellen Sicht – entfernter von Washington und Trump als hier kann man ja gar nicht sein.“ Da sind wir schon mitten in der Politik.

(c) Henrik Kam/courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco Verdichtung. Der  Lincoln Park, die Golden Gate Bridge – und die stark besiedelte  Bay Area.Verdichtung. Der Lincoln Park, die Golden Gate Bridge – und die stark besiedelte Bay Area. / Bild: (c) Henrik Kam/courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco 

+ Bild vergrößern

Als er zum 50. Jahrestag die Ausstellung „The Summer of Love Experience: Art, Fashion, and Rock & Roll“ programmierte – rekordbrechend mit 260.000 Besuchern – wurde sie von vielen als Gegenkonzept zum aktuellen politisch-moralischen Desaster des Landes verstanden, obwohl das Konzept schon viel älter war. „Eine Menge von dem, was wir hier machen, wird momentan politisch aufgefasst.“ Hollein ist beileibe kein Revolutionär. Er spricht lieber von der „Verantwortung“, die er verspürt, von der Verbundenheit der Menschen in der Bay Area mit der Institution, von der unglaublich hohen Mitgliederzahl. „Man ist geografisch sehr weit von allem entfernt“, räumt er ein, „aber San Francisco ist von exorbitantem Wohlstand geprägt und ein Ort, auf den viele blicken. Man erwartet von hier auch vieles.“ Programme solcher Flagship-Museen lassen die Kulturwelt nicht kalt. Unlängst wurde bekannt, dass die nächste große Themenausstellung im de Young „The Fashion of Islam“ heißen wird. „Am nächsten Tag gab es Berichte in der ,New York Times‘ und bei Breitbart News.“

Sogar Airbnb zahlt. San Francisco, 864.000 Einwohner auf 43 Hügeln, 34.000 Hotelzimmer und knapp 25 Millionen Besucher jährlich. Rundherum die Greater Bay, 7,65 Millionen Menschen. Die großen wirtschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart werden hier erdacht und konzipiert. Silicon Valley, Sammelbegriff für die Computer- und IT-Industriestandorte, erstreckt sich über den ganzen Süden der Bay Area, eine halbe Million Beschäftigte in 7000 Firmen. Die „Techies“ machen einen Jahresumsatz von bis zu 200 Milliarden Dollar. Nicht nur Google, Apple und Facebook haben von hier aus die Welt mit Innovationen überschwemmt, auch GAP, Tesla oder Airbnb.

San Francisco war gleichzeitig die erste Stadt, in der Airbnb Abgaben zahlen musste – sein privates und halbprivates Angebot wird als Ergänzung zu den Hotels empfunden, denn Stadtgrund ist so teuer, dass sich Neubauten als Hotels nicht rechnen. Kein Wunder, dass Franchiser wie „We Buy Ugly Houses“ (Cash für Not- und Schnellverkäufe) sehnsüchtig werben – tolle Gewinnspannen winken. Für 100 Quadratmeter zahlt man im Stadtgebiet heute Mieten rund um 7000 Euro, sodass Gutverdienende oft nur in Wohngemeinschaften unterkommen, Privatzimmer mit „private bathroom“. Momentan erhöhen sich die Preise im Szeneviertel Hayes Valley, in Mission Creek, Dogpatch – aber auch im Sunset District in Ocean Beach mit seiner Surfer-Community. Der Immo-Markt ist schwer überhitzt, San Francisco für Familien fast unerschwinglich. Zyniker aus dem Silicon Valley raten von Eigentumserwerb ab, man müsse das nächste Erdbeben abwarten. Jenes weltberühmte von 1906 kostete 3000 Menschenleben, 1989 beim Loma-Prieta-Beben gab es 62 Opfer. Seismologen und andere Kassandren sagen Kalifornien seit Jahrzehnten „The Big One“ voraus.

(c) Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco Kunstwille. Das de Young Memorial Museum, Teil der Fine Arts Museums, wurde von Herzog & de Meuron geplant.Kunstwille. Das de Young Memorial Museum, Teil der Fine Arts Museums, wurde von Herzog & de Meuron geplant. / Bild: (c) Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco 

+ Bild vergrößern

Man blickt jedoch ungern allzu genau hin. San Francisco Bay boomt und pulsiert, fast jeder Mensch kennt eines der Wahrzeichen: die hügelbefahrenden Cable Cars, 1947 fast abgeschafft und nur durch die Privatinitiative der Bürgerin Friedel Klussmann (1896–1986) gerettet, die eine Volksbefragung erzwang; die Golden Gate Bridge aus 1937, einst längste Hängebrücke der Welt und in Rostschutzfarbe („international orange“) belassen; die Sandsteininsel Alcatraz, das legendäre Hochsicherheitsgefängnis (1934–1963), heute Knastmuseum, aus dem die Flucht wegen der eisigen Strömung in Richtung Pazifik (fast) unmöglich war. Nicht zu vergessen die malerische Lombard Street mit ihren Haarnadelkurven, „the crookedest street in the world“ (1922) mit 27-prozentigem Gefälle und einer Höchstgeschwindigkeit von fünf Meilen, also acht km/h, man stellt sich hier unwillkürlich Autoverfolgungsjagden vor.

On the Road und Chinatown. Die Stadt der Liebe, die Stadt mit Blumen im Haar, ist noch immer ein Hafen für Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Auf sehr amerikanische Art: „Als ich klein war, habe ich eine Sache gelernt“, sagt der schwarze Busfahrer, „schieß niemals im Leben auf jemanden, denn er könnte aufstehen und zurückkommen.“

Nahe Fisherman’s Wharf, wo sich die Kalifornischen Seelöwen und Touristen sonnen, herrscht in den Cafés des italienischen Viertels North Beach friedliche Stimmung. Die Buchhandlung „City Lights Books“ mit eigenem Verlag wurde vom Beat-Poeten Lawrence Ferlinghetti (1919) gegründet. Heute gibt der legendäre Mann keine Interviews mehr, zu alt. Sein Vermächtnis? Jung wie eh und je! Einen halben Block entfernt zeichnet das Beat Museum die Geschichte seiner Generation nach. Neben der Schreibmaschine von Allen Ginsberg, der Cordjacke von Jack Kerouac und diversen Devotionalien liegt in der Vitrine eine Ausgabe des „National Enquirer“, auf deren Cover Barbra Streisand bekennt: „I was happier as a Beatnik!“ Eine handsignierte Ausgabe des Romans „Doctor Sax“, signiert von Kerouac, kostet 5995 Dollar.

(c) Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco Geistesgeschichte. 17. Jahrhundert im Legion of Honor. Derzeit läuft dort eine Klimt-/Rodin-Schau.Geistesgeschichte. 17. Jahrhundert im Legion of Honor. Derzeit läuft dort eine Klimt-/Rodin-Schau. / Bild: (c) Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco 

+ Bild vergrößern

Murals in der Mission. Einen Block weiter quirlt bereits Chinatown mit seinen dunklen Alleys. In der Ross Alley werden seit 1962 händisch Glückskekse erzeugt. Ursprünglich eine japanische Tradition, wurde sie, als Japaner nach dem Krieg vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, von Chinesen übernommen. Aus den Hinterhöfen San Franciscos verbreitete sich das „fortune tea cookie“ (das „tea“ verschwand später) mit dem papierenen Sinnspruch über die Welt und gelangte in den 1990er-Jahren sogar nach China. Heute werden weltweit drei Milliarden Glückskekse pro Jahr vertrieben.

Tane Chan, die Wok-Lady, hält hingegen „The Wok Shop“ seit 45 Jahren am Laufen. Sie verkauft Küchenutensilien, ihr Schwerpunkt ist jedoch der Wok, ein hängender Pfannenwald lässt ihr Geschäft wie eine riesige Küche aussehen. „If you don’t use it, you lose it“, ist die Devise, doch im Prinzip, schwört sie, sei ein Wok unzerstörbar, und er müsse überdies nicht teuer sein. Die Wok-Lady verkauft auch online, betreut Kunden per E-Mail mit Kochtipps und beliefert Lokale in Chinatown mit ihrer Hardware.

Vergleichsweise selten kommen Besucher in die Mission, den mexikanischen Gentrifizierungsbezirk, der langsam so teuer wird, dass die Latinos den Wohnraum verlieren. Plakate in den Schaufenstern verweisen auf Demonstrationen: „No! The Trump/Pence regime must go!“ Andere, nihilistischer: „No one ever really dies“, auf Warhol-Art Dutzende Male vervielfältigt. In San Francisco ist alles möglich, und auch jeder willkommen, egal, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung er hat – nicht zufällig lanciert die Tourismusbehörde eine Kampagne mit dem Motto „Always Welcome“.

(c)  rick/flickr CC BY 2.0 Verdrängung. Murals erzählen auch die Geschichte der  Gentrifizierung. Verdrängung. Murals erzählen auch die Geschichte der Gentrifizierung. / Bild: (c) rick/flickr CC BY 2.0 

+ Bild vergrößern

Einige der Wandgemälde, Murals, erzählen die Geschichte der Verdrängung der Bevölkerung durch neue, reiche Nachbarn. Die Hauswände werden in Übereinkunft zwischen Eigentümern und Künstlern seit 1973 bemalt und vom Verein „Precita Eyes Mural Arts“ verwaltet. In der berühmten Balmy Alley reiht sich Gemälde an Gemälde, Besuchergruppen werden von der Veteranin Patricia Rose durch das Freilichtmuseum geführt. Rose ist von ihrer Sache erfüllt und bleibt immer ruhig und sanftstimmig, außer jemand wagt eine falsche Benennung: „Nein! Das sind keine Graffiti! Es sind Murals!“

Max Hollein in seinen Fine-Arts-Museen plant wohl keine Show der Latino-Murals von San Francisco, aber wer weiß. In seinem ruhigen, vertrauensbildenden Stil bilanziert er: „Was Amerika ist, wird gerade wieder neu verhandelt.“ Seine Pläne bündelt er so: „Die ganze Narration muss noch holistischer werden.“ Dann entlässt er die Besucher mit einnehmendem Lächeln in die Teotihuacán-Ausstellung, nicht ohne zu kommentieren, dass niemand die High-Carb-Mehlspeisen angerührt habe. Er bringt die Journalisten zum Ausgang. Wahrscheinlich geht er dann direkt in das Sitzungszimmer zurück und holt sich das Kipferl selbst.

Der Autor war Gast von San Francisco Travel und WOW Air.

Tipps

Anreise: Die neue isländische Airline WOW Air fliegt nach San Francisco (und andere US-Ziele) über Reykjavík ab Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Salzburg; eine freundliche, angenehm klassenlose Airline, www.wow-air.de

Unterkunft: Pier 2620 Hotel, Fisherman‘s Wharf, 2620 Jones Street,
www.pier2620hotel.com

Museen: Fine Arts Museums of San Francisco, de Young, Legion of Honor; Golden Gate Park, 50 Hagiwara Tea Garden Drive, www.famsf.com

The Beat Museum: alles über die Bewegungen Beat Generation und Hippie­tum in der US-Literatur; 540 Broadway, North Beach, www.kerouac.com

Precita Eyes Mural Arts & Visitors Center entstand 1997 aus einem Projekt, das stark „community-ba­sed“ war, und veranstaltet die „Mission Trail Mural Walks“. Sa/So 13.30 Uhr (Treffpunkt vor der Zen­trale), weitere Touren bei Patricia Rose; 2981 24th Street Höhe Harrison, Mission, www.precitaeyes.org

Museum of the African Diaspora, 685 Mission Street, www.moadsf.org

Geschäfte: City Lights Bookstore, 261 Columbus Avenue, North Beach, www.citylights.com

Golden Gate Fortune Cookies Co, chinesische Glückskeksfabrik; 56 Ross Alley, Jackson Street.
The Wok Shop, Spezialistin für Küchenutensilien und Woks, auf der Website Tipps zur „Wokology”; 218 Grant Avenue, Chinatown, wokshop.stores.yahoo.net

Lokale: Sam´s Grill & Seafood Restaurant, Est. 1867, fünftältestes Restaurant im Land, gegründet vom Iren M. B. Moraghan, bis in die 1930er ein Aus- ternsaloon (lokale Zucht) auf dem California Market mit Schildkrötensuppe als Spezialität, heute wegen Verschmutzung der Bay undenkbar. 1922 kaufte Sam Zenovich den Laden und eröffnete „Samuel Zenovich Restaurant“. Seit 1946 am heutigen Ort, wird das Sam´s nun vom Exkellner Peter Quartaroli geführt. Seafood in idealem Frischegrad, u. a. „Heart of Romaine with Avocado and Shellfish“. Statt Gastraum Separees mit Schiebewänden für Geheimverhandlungen; 374 Bush Street.

China Live San Francisco, moderner Asiate in Chinatown mit westlichen Weinen und Spezialitätenshop; 644 Broadway,
www.chinalivesf.com

Californios, Küchenchef Val M. Cantu, mexikanisch-texanische Wurzeln, ausgebildeter Ökonom, fand bei einem Prag-Aufenthalt das Essen so übel, dass er zu kochen begann. Gehört seit zehn Jahren zu den Top-Chefs der Westküste. Betreibt eines der bekanntesten High-End-Lokale in SF, puristisch, Neuerfindung mexikanischer Küche auf kalifornische Art; 3315 22nd Street (South van Ness), www.californiossf.com

D´maize Restaurant, Pupusas aus El Salvador, 2778 24th Street,
www.dmaize.com

Boudin Bakery, Bakers Hall, Fisherman´s Wharf, www.boudinbakery.com

Caffè Trieste, 601 Vallejo St, zwischen Grant und Columbus Avenue, North Beach, www.caffetrieste.com

Food-Exkursionen durch Mission mit Murals-Besichtigungen: Edible Excursions, http://edibleexcursions.net

Info: San Francisco Travel, Website: www.sanfrancisco.travel/de

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr

    • Amanshausers Album: Wunderwerk

      36 - „Einmal im Leben durch Wuppertal schweben.“ Wie ein guter Tourismus-Slogan wirkt.
    • Sambia: Gut gebrüllt

      In Sambia, wo die Tourismusindustrie erst am Anfang steht, sind Safaris in zwei großen Nationalparks noch veritable Abenteuer. Zum Beispiel, wenn man in der Nacht den Löwen begegnet.