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Wein aus dem Caipirinha-Land

von Eva von Steinburg (Die Presse)

Weinen aus Brasilien werden komplexe Frische und exotische Fruchtnoten attestiert. Vale dos Vinhedos ist das erste brasilianische Weinanbaugebiet, das von der EU als zertifizierte Appellation anerkannt wird.

Bild: www.valedosvinhedos.com.br 

Rio de Janeiro. Brasilien exportiert großartige mineralische Weißweine wie den Chardonnay von Pizzato oder den Marselan der Casa Valduga im ledrigen Bordeauxstil mit Noten von Tabak und frischem Fleisch. Einziger Kritikpunkt: Manchmal ist die Barriquenote überdeutlich. Und war da nicht ein Hauch von Zuckerrohr? Dafür keltert das bekannteste brasilianische Weingut Miolo den „Millesime“ im Champagnerstil mit feinster Perlage – wer hätte das gedacht, Weine aus einem tropischen Land, das bisher mit dem Export von Fußballern, Kaffee und Cachaça von sich reden machte.

Es war der Millennium-Hype, mit dem alles begann: Silvester 2000 war ein Geschenk für die brasilianische Weinbranche, speziell die Schaumweinproduzenten. Nicht nur am Strand von Copacabana knallten die Sektkorken. Auch am Ufer des Amazonas oder in Siedlungen im trockenen Nordosten, wo traditionell mit Bier und Caipirinha gefeiert wird, sprudelte plötzlich brasilianischer Schaumwein in die Gläser. Selbst arme Familien und die untere Mittelschicht, die nie zuvor mit Sekt gefeiert hatte, leisteten sich zur Jahrtausendwende einheimischen „Espumante“.

Im Weinanbaugebiet Vale dos Vinhedos im tiefen Süden Brasiliens klingelten die Kassen: Das Volk von 191 Millionen sanierte durch seine Endjahreskonsumfreude so ganz nebenbei die eigenen Weingüter und Sektkellereien. Die Millenniumsgewinner heißen: Aurora, Salton, Miolo und Casa Valduga, Pizzato und Cave Geisse – alle aus dem bekanntesten Weinanbaugebiet des Landes, der Hochebene Serra Gaúcha.

Trauben aus fünf Terroirs

Brasiliens Topweingüter liegen im pittoresken Vale dos Vinhedos. Das Tal ist seit 2007 von der EU als zertifizierte Appellation anerkannt. In der an Norditalien erinnernden Hügellandschaft gibt es über 35 Weingüter, die 90 Prozent der brasilianischen Weine herstellen – mit Trauben aus den fünf brasilianischen Terroirs, die bis zu 6000 Kilometer voneinander entfernt liegen. Weinbau ist in Brasilien seit 137 Jahren Tradition. Die Macher im brasilianischen Weinbusiness stammen von italienischen Einwanderern ab – alle tragen italienische Nachnamen. 1875 kamen die Valdugas, Terragnolos und Boscatos halb verhungert aus dem Veneto in den Süden Brasiliens und bauten ihre Heimatreben an. Doch das feuchte, subtropische Klima, Schimmel und Pilze bekamen den italienischen Reben nicht. Und amerikanische Sorten ergaben minderwertigen Wein – bis Anfang der 1990er-Jahre galt Wein aus Brasilien als untrinkbar.

Der Aufschwung der Weinländer Chile und Argentinien stachelte auch Brasilien an. Konsequent steckten die brasilianischen Weinbauern den Geldsegen von 2000 in die Qualitätssteigerung ihrer Kreszenzen: Radikal tauschten sie die alten Rebstöcke aus, meist gegen französische wie Merlot, Cabernet Franc, Tannat, Chardonnay und Pinot Noir. Sie spannten die Stöcke an Drahtrahmen – und holten sich internationale Weinberatung: Danach ging es Schlag auf Schlag, seit acht Jahren wird exportiert.

Betont frische Frucht

Das subtropische Klima mit viel Regen bringt andere Rotweine hervor als Südafrika oder Australien. „Betont frische Frucht, nicht überreif, erstaunlich elegant mit feiner Säure“, so Jürgen Mathäß in der „Weinwirtschaft“. Deutsche und englische Weinkenner schätzen, dass die Brasilianer seltene Rebarten kultivieren wie Marcelan, Tannat oder Touriga Nacional. Brasil-Weine sind nicht schwer, sondern leicht, trocken und frisch. Sie enthalten wenig Alkohol und eine angenehme Säure, die mit vielen Speisen harmoniert, passen gut zum Sommer und lauen Nächten.

Man sieht nur, was man weiß – eine alte Wahrheit: Während deutsche Tester im Merlot und anderen Rotweinen oft dunkle Waldbeeren, Pilzaromen und Pflaume beschreiben, werden in brasilianischen Gastro-Tests und -Blogs Maracuja-Aromen, oft eine deutliche Ananasnote, Papaya, Kokos und ein Hauch Zuckerrohr entdeckt. Gewiss ist: Wein aus Brasilien ist besonders reich an dem gesunden Antioxidans Resveratrol. Um sich im feuchtwarmen Sommer gegen Pilze und Schimmel zu schützen, produziert die Traube diese Wundersubstanz in erhöhten Mengen.

Fazit: Als fünftgrößter Produzent der südlichen Hemisphäre gehört Brasilien inzwischen zur „cool crowd“ im Weinanbau – mit 3,3 Millionen Hektolitern Jahresproduktion, Traubensaft eingeschlossen. Das Land exportiert seine Spitzenweine vor allem nach Großbritannien, Holland, Deutschland und in die USA. Das Interesse wächst, langsam, aber stetig. Seit einigen Jahren präsentiert sich Wines of Brasil auf der ProWein-Messe in Düsseldorf. Auf der Forum Vini in München hat der Aurora Reserva Tannat, Jahrgang 2009, eine Silbermedaille gewonnen.

www.valedosvinhedos.com.br

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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