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Stille und Wasser: Traditionelle Europäische Medizin

13.04.2017 | 09:44 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse - Schaufenster)

Auszeit im Naturpark, Bäder im Heu, Kneipp’sche Lehre mit Traditioneller Europäischer Medizin und regionale Rezepturen: viele Wege zu einem Ziel – ohne weite Anreise.

Bild: (c) Beigestellt 

Beschaulich ist die Gegend rund um den Zirbitzkogel und seinen Naturpark. Die nächste größere Stadt befindet sich weit weg. Auch der Verkehr zwischen der Steiermark und Kärnten hält sich sehr in Grenzen. Still breitet sich rund um den markanten Wander- und Skitourenberg eine Hochebene mit Moor, See, Teich und Wald aus, mit kleinen Dörfern, versprengten Bauernhöfen und einem großen Stift, von dem über neun Jahrhunderte starke Impulse ausgegangen sind. Das tut es auch heute: Das Benediktinerstift St. Lambrecht ist in die Aktivitäten der „Naturpark Auszeit“, einem Programm zur Gesundheitsförderung sprich Salutogenese, involviert, in dem es den spirituellen, aber auch aktiven Part beisteuert – in Form von Gesprächen in den barocken Räumlichkeiten, Runden durch den Klostergarten, bewusster Einkehr. Pater Gerwig Romirer, Mitinitiator dieser Angebote, ist zudem mit Pilgern nach Mariazell unterwegs, 190 Kilometer, auf acht Tagesmärsche verteilt.

Am Anfang einer solchen buchbaren „Auszeit“ steht ein Fragebogen, ausgewertet wird er von den Ärztinnen Waltraud Zika und Angelika Krifter, die dieses Projekt entwickelt haben. Die Lebenssituationen, Zielgruppen und ureigentlichen Bedürfnisse sind schließlich verschieden: Sucht der eine Klarheit und Abstand im Arbeitsleben, ortet der andere mehr Bedarf an Innenschau, einen Dritten wiederum verlangt nach es nach intensiverem Kontakt mit und Kraft aus der Natur. Manchmal ist, was einem wirklich guttun, nicht auf Anhieb zu erkennen – dazu können allerdings die „begleiteten Selbstreflexionen in Einzelgesprächen oder Gruppe“ und „täglichen Naturerfahrungen“ beitragen. Man begibt sich jedenfalls in professionelle Hände von Physio- und Psychotherapeutinnen, von Landschaftsvermittlerinnen und Kräuterpädagoginnen. Voraussetzung ist die Bereitschaft, für ein paar Tage abzuschalten, vor allem digital, was nicht allzu schwer fallen dürfte: Man bewegt sich viel draußen in der Natur, sammelt Kräuter, erforscht den Wald, lernt die Zeichen der Natur zu lesen – und wird bei all dem angeregt, tiefer in sich selbst hineinzuhorchen. Für diesen kurzen Rückzug vom Alltag mit Selbsterkenntnisgewinn oder Fitness gibt es mehrere Quartiere im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen – vom Benediktinerstift über das Naturparkhotel und den Landsitz Pichlschloss bis zum Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Betrieb.

Massagegriffe mit Kernöl. In eine Therme zu fahren und drei Tage das Areal nicht zu verlassen, weil eh alles vor Ort und eh alles indoor geschieht: Dieses Konzept dürfte sich langsam selbst überholt haben, denn als abgeschiedene Insel funktioniert keine Destination auf Dauer gut. Vermehrt werden in Österreichs Thermen und Wellnessinfrastrukturen Schwerpunkte mit Bewegung und Erlebnissen outdoor gesetzt, also die Besucher auch schon einmal dazu motiviert, die Umgebung zu erkunden, aus der das heiße Thermalwasser heraussprudelt. Sei es eine ornithologische Safari im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel, wie sie in der St.-Martins-Therme angeboten wird sei es ein Trainingsprogramm in der Bewegungsarena von Stegersbach. Erfolgreich sind vor allem Konzepte, die auf Regionalität setzen, nicht bloß zwecks in Marketing und Wording, sondern substanziell vom Massagetisch und der Kosmentikbehandlung bis in die Küche, und die Aktivitäten im Freien gelebt werden. Eine der Vorreiterinnen in diesem Sinne ist Gerti Krobath, deren „Schule“ man im Quellenhotel der Heiltherme Bad Waltersdorf kennenlernt: Mit der TSM, einer Traditionellen Steirischen Medizin, ventilierte sie vor elf Jahren traditionelle heimische Methoden und Rezepturen – just in einer Zeit, als es im Wellnessbetrieb höchst angesagt war, fernöstliche oder zumindest exotische Behandlungen anzubieten; manche, wie sich bald herausstellen sollte, durchaus sinnbefreit.

Die ursprüngliche Obstbäurin, Masseurin und Kräuterexpertin wollte dem allen etwas Authentisches entgegensetzen, da doch mit dem steirischen Kernöl, dem Apfel, der Hochmoor-Erde und den Kräutern vor der Haustür derart effektive Mittel seit jeher zur Verfügung standen. Sie musste nur das verschüttete alte Wissen über deren Verarbeitungen und Anwendungen wieder heben. Freilich unter modernen Vorzeichen: Die von ihr entwickelte Magische Acht-Kürbisöl-Massage ist mittlerweile mit dem European Health & Spa Award ausgezeichnet worden. Auch eine Massage mit Speckstein und Honigkräuteröl oder mit Apfel (zur Entschlackung) findet Anklang im Thermenressort. Die TSM basiert auf der Signaturlehre und der Kenntnis alter Heilmittel und -methoden. Steirische Kräuter werden zu Tinkturen verarbeitet, in Bad Waltersdorf landen sie in Massageölen und -stempeln, Kosmetik und Speisen. Und wenn man wissen will, wie man Malve, Melisse oder Königskerze aufbereitet und einsetzt, kann man an einem der Workshops von Gerti Krobath und Gerti Haas teilnehmen.

(c) Robert Sommerauer Kraftstoff. Steirisches Kernöl kann mehr als bloß Salat aufmischen.(c) Robert Sommerauer Kraftstoff. Steirisches Kernöl kann mehr als bloß Salat aufmischen.

Kneipp’sche Lehre als Grundlage. Zu einem gewichtigen Kürzel in Sachen Gesundheitsvorsorge und Kur hat sich die Traditionelle Europäische Medizin entwickelt: Die TEM fußt auf vielen naturheilkundlichen und volksmedizinischen Erkenntnissen, etwa jenen von Sebastian Kneipp, Hildegard von Bingen, Paracelsus oder Hippokrates. Spezialisiert darauf haben sich die Marienschwestern vom Karmel, die in Bad Kreuzen ein eigenes Zentrum für TEM betreiben, nebst zwei weiteren Kneipp-Kurhäusern in Aspach und Bad Mühllacken (alle in Oberösterreich). Auch dort füllt man einen Fragebogen der anderen Art aus, bejaht oder verneint Selbstaussagen zur Psyche und Physis wie „Mir mangelt es an Geduld und Ausdauer“ oder „Ich schlafe gern und lang“ oder „Meine Verdauung funktioniert bestens“. Dies, um den Archetyp festzustellen, beziehungsweise eine Neigung in die eine oder andere Richtung – denn den reinen Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker oder Melancholiker analog zu Hippokrates gibt es wohl nicht. In jedem Menschen mischen sich die vier Temperamente mit ihren entsprechenden Eigenschaften. Freilich fließen noch weitere körperliche Befunde in den Kurfahrplan ein: Diagnosen von Iris und Zunge, Haut und Haltung, es wird ein längeres Gespräch geführt, und letztlich hängt es auch von den Erwartungen des Kurgasts ab.

Dieser erhält schließlich einen umfassenden Plan für spezielle Anwendungen, Ernährung und Bewegung, der ihn im besten Fall über den Aufenthalt hinaus durch den Alltag begleitet. So lang, bis die Gewohnheiten wieder einreißen und er wiederkommt. TEM-Gäste in Bad Kreuzen sind Stammgäste. Sie verbringen die Tage mit vielen Kneipp’schen Wasseranwendungen, mit Wickeln, Güssen und Massagen. Sie machen bei der Gesundheitsgymnastik namens Wyda mit, die angeblich schon die Druiden praktizierten. Die Ernährung wird individuell auf jeden abgestellt. Und der theoretische Unterbau dazu vermittelt: etwa jener der Säftelehre (Humoralpathologie), derzufolge die Zustände heiß, kalt, feucht und trocken nicht bloß die Körpersäfte, sondern auch unser Befinden und Verhalten bestimmen. Krank mache das Ungleichgewicht der Säfte, eine Beobachtung, aus der man angeblich schon im alten Ägypten Schlüsse zog. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, greift die TEM auf Erprobtes aus unserem Kulturkreis zurück: Aderlass, Schröpfen, Klostermedizin, Heilpflanzen.

(c) Suedtirol Marketing, Italy (IDM Südtirol/Stefano Scatà) Wunderwaffe. Die Wirkung von alpinen Kräutern entfaltet sich im Heubad, in Tee, Tinktur und Massageöl.  (c) Suedtirol Marketing, Italy (IDM Südtirol/Stefano Scatà) Wunderwaffe. Die Wirkung von alpinen Kräutern entfaltet sich im Heubad, in Tee, Tinktur und Massageöl.

Das Heu von ganz oben. So manches hilfreiche Kraut wächst nicht im Klostergarten, sondern gleich wild vor der Haustür. Und je höher sich diese Haustür öffnet, desto gehaltvoller scheint auch die Kraft der Pflanze. So stammt das Heu, das in den traditionellen Bädern in Südtirol zur Anwendung kommt, von sehr weit oben, beispielsweise auf der Seiser Alm von rund 2000 Metern. Dort ist der Boden nicht gedüngt und sind die Almmatten von vielen verschiedenen Alpenkräutern durchsetzt. Wer einmal im Heu am Berg übernachtet hat, hat den Effekt erlebt: Man wacht regenerierter als sonst auf – bei weniger Schlaf. Bereits im 19. Jahrhundert wussten die Bauern in Völs dieses Wissen zu kapitalisieren: Sie boten ihre mit frischem Heu angefüllten Stadel den Sommerfrischlern zum Bad an. Oder eher als Schwitzkasten: Denn die Spaltpilze im Heu bringen dieses zum Gären. Bei 40 bis 60 Grad Erwärmung lösen sich darin die ätherischen Öle von Frauenmantel, Schafgarbe, Arnika und Enzian heraus.

Weil es moderatere Möglichkeiten für den Gast geben sollte, entwickelte der Blumauer Arzt Josef Clara (1872–1923) das Völser Heubad. Es ist nach wie vor die Basis der Anwendungen, die man heute vor Ort genießen kann, etwa im romantischen Hotel Turm oder im Hotel Heubad Völs, das eine lange Expertise darin hat: Maria Kompatscher hat dort eine moderne Form der Anwendung entwickelt. Das Heu wird in einer Wanne bei konstanten 45 Grad eine Stunde lang vor der Anwendung im heißen Wasser eingeweicht, dann der Kurgast in die Wanne abgesenkt und mit Heu bedeckt. So schwitzt er, aber nur ein bisschen. Um nachhaltig Wirkung zu entfalten, empfehlen sich Heubäder, denen eine Massage folgen sollte, sechsmal die Woche. Das entspricht einer Urlaubswoche, wann auch immer. Früher kamen die Kurgäste nur im Sommer, wenn das Heu noch frisch war und man sich mit der Wiederaufbereitung schwertat. Doch heute badet man rund ums Jahr – im fetten Gras. 

Tipps

01 „Naturpark Auszeit“. Regeneration in der Natur und Stille ist hier das Thema, Angebote reichen vom Stress- und Entspannungsmanegement für Führungskräfte bis zur Pilgerwanderung. Involviert sind Ärztinnen, Psychologinnen, Outdoorpädagoginnen sowie Pater Gerwig vom Benediktinerstift St. Lambrecht. Einbezogen wird die ganze Region des Naturparks Zirbitzkogel-Grebenzen. www.naturpark-auszeit.at

02 TSM. Will heißen: Traditionelle Steirische Medizin – diese wird im Quellenhof der Heiltherme Bad Waltersdorf in verschiedenen Bereichen wie körperkonzentrierten Coachings angewandt. Altes Kräuterwissen und traditionelle Methoden wurden wieder aufgegriffen. Kürbiskernöl, Äpfel, Heilerde und Kräuter stammen aus der Steiermark.
www.heiltherme.at

03 TEM. Vor einigen Jahren errichteten die Marienschwestern vom Karmel das
1. Zentrum für Traditionelle Europäische Medizin in ihrem Kneipp-Traditionshaus Bad Kreuzen. Die Kurhäuser in Aspach und Bad Mühllacken arbeiten ebenfalls auf Basis der Kneipp-Lehre, die Schwerpunkte liegen dort auf „Time-out statt Burn-out“ beziehungsweise Fasten.
www.tem-zentrum.at

04 Völser Heubad. Am Fuße der Seiser- alm in Südtirol haben Heubäder schon eine sehr lange Tradtion. Heute gibt es nur mehr wenige Betriebe, die allerdings eine lange Erfahrung mitbringen, allen voran das Hotel Heubad Völs. Auch ein exklusiver Ort, um im Heu zu baden: das Romantikhotel Turm. www.hotelheubad.com, www.hotelturm.it

05 Weitere Grünkraft-Anwendungen. Die Geheimnisse der Wildkräuter lüften, anwenden und zubereiten, die Wirkung des Waldes kennenlernen: Marion Feuchter, Kräuterpädagogin in der Erlebnisregion Eisenerz, www.mafe.at
Alm-Yoga beim Almwellness Pierer: Meditation und Yoga im Naturpark Almenland, www.hotel-pierer.at, www.steiermark.com/gruenkraft

06 Südtirol-Balance. Aktivprogramme von April bis Juni mit zahlreichen Experten. Grundthema ist „Slow Culture“, Veranstaltungen rund um gesunde Bewegung und Genuss, Rückzugsorte der Entspannung: Kräuterwissen, Kneippen, Sonnenaufgangswanderungen,
www.suedtirol.info/balance

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