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Maestrazgo: Das Land der Ordensmeister

03.05.2017 | 15:11 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Alle kennen die spanische Mittelmeerküste. Doch nur eine Stunde landeinwärts befindet sich eine fast unentdeckte, wunderbare Kulturlandschaft, der sogenannte Maestrazgo.

Malerisch. Ares del Maestrat liegt auf einem 1100 Meter hohen Kalkfelsen. / Bild: (c) Tourspain 

Was die Leute kennen, ist die Costa del Azahar, „Küste der Orangenblüten“, der touristische Begriff für 120 Kilometer balearischer Küste. Traditionell verstand man darunter die Sandstrände und Steilküsten bis Alacant (Ali­cante). Heute gilt als echte Azahar-Küste nur jene in Castellón (580.000 Einwohner), einer von drei Provinzen Valencias, dieses wiederum eines der 17 spanischen, wenn man so sagen darf, Bundesländer.

Was die Leute ebenso kennen: den Duft von Zitrusfrüchten. Das einzigartige Orangenmuseum, das Museo de la Naranja in Burriana, dokumentiert über 5.000 Orangensorten. Was die Leute besser kennen: Palmenstrände wie den einsamen von Alcossebre oder den menschenbepackten in Oropesa del Mar. Was sie von Tagesausflügen kennen: die Burgstadt Peñíscola, spektakulär auf einem Felsen in der Brandung errichtet, das sogenannte spanische Gibraltar.

(c) Tourspain Fruchtbar. Die Bäche und Flüsse in Castellón haben ihre Quellen in den Bergen. Fruchtbar. Die Bäche und Flüsse in Castellón haben ihre Quellen in den Bergen. / Bild: (c) Tourspain 

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Hinterland ohne Orangen. Was jedoch nur wenige kennen: das Hinterland der Costa del Azahar. So sad!, möchte man in Abwandlung einer Politikerphrase ausrufen. Auf den Hügeln und Bergen im Landesinneren liegt eine weitläufige, malerische Gegend. Man sieht unter dem rundköpfigen Penyagolosa, dem höchsten Berg der Region (1831 Meter), mindestens zwanzig Sorten von Grün, das Kalkstein überwächst, wunderbar angelegte Terrassen und Bäume, die wenig Wasser benötigen: Mandeln, Oliven, Johannisbrot. Der Maestrazgo, diese sozio-kulturelle Landschaft im Norden Castellóns, einst das Land der Ordensmeister, heißt nach ihnen und lappt ins nächste Bundesland (Aragón) hinüber. Seine Städtchen nisten wie die einheimischen Raubvögel wie Habichtsadler, Habichte oder Sperber auf den Erhebungen, Burgfelsen, mit Kreuzwegen und Kathedralen. Die Reconquista, also die endgültige christliche Rückeroberung Valencias nach einem halben Jahrtausend meist äußerst toleranter muslimischer Herrschaft, war um 1235 vollzogen, den Königen von Aragón fehlte es nun jedoch leider an Volk. Nur die Tempelritter waren bereit, Landstriche zu kaufen – sie wurden Organisatoren und Besiedler. Durch den Handel mit Wollprodukten erlebte der bäuerliche Maestrazgo einen milden, jedoch nachhaltigen Auf­schwung bis ins 17. Jahrhundert, als günstigere Qualitätswolle aus den USA, England und Schottland importiert wurde.

Herrlicher Schnee. Oben kann es kalt werden. „Den hohen Bergregionen Castellóns beschert der Winter herrlichen Schnee“, so beschreibt es ein Tourismusprospekt. Culla hat etwa 250 Bewohner in der Oberstadt, und die gleiche Menge in der Unterstadt. Im sozialen Zentrum, der Bar Delpoble, zeigen Bilder erstaunliche Schneemengen – durchschnittlich eine Woche im Jahr halten Minusgrade und Niederschläge Culla fest im Griff.

Vielleicht stellt die Besitzerin deshalb einen Krug heißen Kaffee und einen mit warmer Milch auf den Tisch, ehe sie die eigenwilligen Süßigkeiten des Maestrazgo auftischt: himmlische Coca Celestials, Teules (mit Mandeln), Flaons (Topfen, Zucker und Mandeln), Pastissets (oder Bonitato con Cabello de Ángel, Engelshaar) oder Ferradures (mit Marmelade und Honig) – die Rohstoffe kommen aus der allernächsten Umgebung, in höheren Regionen Olive und Mandel, in tieferen Haselnuss und Getreide.

 

(c) Tourspain Uralt. Das hübsche kleine Städtchen Sant Mateu liegt an der römischen Via Augusta . Uralt. Das hübsche kleine Städtchen Sant Mateu liegt an der römischen Via Augusta . / Bild: (c) Tourspain 

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Nicht weit von Culla, im Herzen von Castellón, dem Hohen Maestrat, liegt auf 800 Meter Höhe die denkwürdige Mine Victoria-Esperanza. Mit ihren vier Kilometern Stollen gehört sie wohl zu den traurigsten der Welt. Die Besucher erhalten Plastikhaarnetz und Minenhelm, dringend notwendig, wie man dem regelmäßigen trockenen Ploppen selbiger Helme an der niedrigen Decke entnimmt. Die Tunnel sind unregelmäßig ausgesprengt. In den späten Dreißigerjahren wurden im Parc Miner del Maestrat erstmals Mineralien abgebaut, vor allem Eisen- und Goethit-Oxide, schon in den Sechzigern wurde sie stillgelegt. Der Abbau erfolgte nach veralteten Methoden und ohne ausreichende Schutzvorrichtungen, die Arbeiter waren ja keine „mineros“, sondern Arbeitslose. Diese schlecht bezahlte Arbeit konnte für Starke und Unerschrockene immer noch lukrativer sein als die Landwirtschaft. Nur um ein Vielfaches riskanter. Letztlich fehlte neben der Technik das wirtschaftliche Know-how, die Mine war nie rentabel.

Schwarzes Gold. Schwarze Trüffeln gedeihen im Maestrazgo von Dezember bis März. Je nach Größe, Form und jahresspezifischer Nachfrage bringt das „schwarze Gold“ 300 bis 700 Euro pro Kilo. Meist wird es von Hunden erschnüffelt, es soll aber auch einen Herrn geben, der es mit einem Wildschwein versucht. Das Wildschwein sei ziemlich gut, heißt es.

Neben den schwarzen Trüffeln finden die Erdpilzjäger in dieser Traumlandschaft zwi­schen wilden Granatapfelbäumen und tausendjährigen, knorrigen Olivenbäumen auch die sogenannte Sommertrüffel, außen schwarz, innen weiß, schwächer im Aroma und mit Schwammerlgeschmack. Die Brumale-Trüffel ist zwar noch akzeptabel, aber wie weitere mehr als 60 lokale Sorten „einfach nicht so gut“, heißt es. Vor der internationalen Konkurrenz zittert man ein bisschen, seit aus China billige, zum Glück etwas geschmacklose Schwindeltrüffeln importiert werden, die den lokalen ähneln.

(c) Tourspain Alt. Manche der Olivenbäume rund um Sant Mateu sind 500 und mehr Jahre alt. Alt. Manche der Olivenbäume rund um Sant Mateu sind 500 und mehr Jahre alt. / Bild: (c) Tourspain 

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Eine wissenschaftlichere Suche ist jene nach Höhlenmalereien aus der Vorzeit – in der malerischen Schlucht Barraco de Valltorta haben die Vorfahren der Katalanen vor 11.000 bis 5000 Jahren ihre Jagdszenen in den Fels gezeichnet – das Museum von Valltorta arbeitet die Ergebnisse auf: Weltkulturerbe.

Eis gegen Fieber. Das weiß und beige glänzende Städtchen Ares del Maestrat liegt auf einem Kalkfelsen (1148 Meter) und ist von Katzen bevölkert. Kaum Menschen zu sehen. Eine einsame, junge Frau mit dem Namensschildchen „Isabel“ wartet in der Tourist-Info auf Kunden. Isabel ist hier aufgewachsen, und nachdem sie das einstige Ortsgefängnis vorgeführt hat – kahle Räume mit Felswänden – kommt sie zur Sache. Einst kontrollierten die Mauren von der mächtigen Burg das gesamte Umland. 1170 startete die mühselige Rückeroberung, über Jahrzehnte ein Hin und Her. Heutige Beobachter könnten glauben, die christliche Epoche ginge jetzt zu Ende, ganz ohne Mauren: In Ares del Maestrat wohnen außerhalb der Saison nur noch 50 Personen.

„Ich hatte in der Kindheit wenige Freunde, da liefen mehr so Tiere rum“, erzählt Isabel, „und ich war die letzte Schülerin von Ares.“ Natürlich besitzt sie die Schlüssel zur Barockkirche. Das Öffnen des Tors erzeugt einen Windstoß – und das Engelchen in der Kuppel bewegt sich. „Das hat mich als Kind fasziniert und erschreckt“, sagt Isabel, „es sah so aus, als würde es echt herumfliegen.“ Neben dem Stadttor: die Carrer de la Nevera (Straße der Schneespeicher). Das Schneespeichergeschäft florierte ab dem 17. Jahrhundert – im Regatxols-Eishaus, erzählt Isabel, verwandelten ihre Vorfahren Schnee in Eis. Dieses wurde an der Küste dringend benötigt, nicht nur zur Konservierung, auch als Heilmittel. Vor allem Wohlhabende leisteten sich adäquate Fieber-Behandlung und Wundkühlung.

Ares de Maestrat steht aber auch für eine der tragischsten Vorfälle im Vorfeld des Weltkriegs: Im Mai 1938, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, gab General Franco der deutschen Luftwaffe die Gelegenheit, vier willkürlich ausgesuchte Orte im Maestrazgo zu Testzwecken zu bombardieren – neben Ares noch Albocàsser, Benassal und Villar de Canes. Dieses unbekannte Guernica forderte, ohne irgendeiner Seite auch nur einen minimalen strategischen Vorteil zu bringen, 38 Tote. Die verdatterten Bergbewohner verstanden nie, warum eigentlich.

(c) Tourspain Cool. Morella hat mittelalterliche Schneespeicher und eine lebendige Innenstadt. Cool. Morella hat mittelalterliche Schneespeicher und eine lebendige Innenstadt. / Bild: (c) Tourspain 

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Iguanodone und Kalk. Morella, wie Ares ein Burgstädtchen in Trockensteinarchitektur, liegt etwas tiefer. Die Substanz des Kastells (1072 Meter, erbaut von 950 bis 960 unter Abd al-Rahman III.), wurde in den Guerras Carlistas im 19. Jahrhundert einigermaßen zerstört. Die gute Aussicht konnte aber keiner kaputtmachen.

Morella hat nicht nur eine lebendige Innenstadt. Auf dem Rundwanderweg entfaltet der Burgberg entlang eines Pinienwalds seine Hinterseite. „És obligatori recollir els excrements“, machen Schilder die Hundebesitzer in glasklarem Katalanisch aufmerksam. Im mittelalterlichen Schneespeicher hat sich heute ein berlineskes Kulturzentrum mit Bar eingerichtet, dahinter schweift der Blick über die Kalksteinterrassen zu einem Aquädukt, das tausend Jahre lang das Wasser von den Quellen im nächsten Tal herbeiführte. Bei Morella kämpfte am 14. August 1084 auch El Cid, der Reconquista-Held Rodrigo Díaz de Vivar – allerdings, was die Spanier immer gern verschweigen, auf der Seite des maurischen Königs al-Mutamin, also gegen die Christen. Hinter dem Portal de la Nevera gelangt man zum überraschendsten Museum der Stadt, dem Temps de Dinosaures, das neben Versteinerungen aus einer Zeit, als um die Felsen noch Meereswellen wogten, enorme Knochen von Dinosauriern zeigt. Am Eingang wartet ein Plastiksaurier: „Fotografieren Sie nur den Iguanodon“, steht daneben, „die anderen Teile des Museums unterliegen einem Fotoverbot.“ Zehn Meter lang und drei Meter hoch waren Iguanodone, sie wogen an die fünf Tonnen, und da bei Morella ihre weltweit größten Knochen gefunden wurden, hofft die Wissenschaft, einer eigenen Spezies auf der Spur zu sein.

Tipp

Anreise. Wien – Alicante (Eurowings).

Unterkunft: Auf der Hinfahrt von Valencia: Martin el Humano, Fray Bonifacio Ferrer 7, Segorbe (Castellón), hotelmartinelhumano.es;
im Maestrazgo: Hotel Cardenal Ram, angenehme Zimmer mit Charme, Costera de la Suner, 1, Morella, hotelcardenalram.com; oder Masía Atalaya, Casa Rural, Atzeneta del Maestrat, kleine Studios am Land, hundefreundlich, Buchungen u. a. über Airbnb, masiaatalaya.com

Restaurant: Restaurante La Carrasca, ein Landgasthof neben einer 500-jährigen Eiche. Dona Catalina kocht gern Mittelaltergerichte, zum Beispiel Kaninchen (angerichtet mit Mandeln, Knoblauch, Essig und Brot) in einem Eintopf, mit Schnecken. Großartig! http://lacarrascadeculla.com

Taberna d'Ares, Pub & Bar, anständiges Essen, Calle Horno 17, Ares del Maestrat.
Restaurante Casa Roque, ausgezeichnet, Cuesta San Juan, 1, Ecke Calle Segura Barreda, Morella, casaroque.com.

Museo de la Naranja, Orangenmuseum an der Küste, Calle Mayor 10, Borriana-Burriana.

Compliancehinweis: Der Autor war Gast des spanischen Fremdenverkehrsamts Wien und des Castellón Tourist Board.

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