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Schottland: Torf, Öl, Heidekraut

08.06.2017 | 06:48 |  von Niko Kommenda (Die Presse - Schaufenster)

Sei er noch so kurz: Ein Schottlandtrip landet automatisch in einer Whisky-Distillery.

Holz. Jahrelang reift der Brand in den Fässern heran, bis er zum Whisky wird. / Bild: (c) Dewar‘s 

Lebenswasser, uisge beatha, nannten die Schotten den im Holzfass gereiften Gersten­schnaps ursprünglich. Derart magische Eigenschaften werden dem Whisky heute vermutlich nicht mehr zugeschrieben – aber der jahrhundertealte Kult um das Getränk gibt dem Laien durchaus noch Rätsel auf. Das fängt schon mit der Konsumform an: Darf es ein Single Malt oder ein Blended Whisky sein? Pur, auf Eis oder als Cocktail? Und worin liegt eigentlich der Unterschied zum Whiskey mit e, eine in Irland und den USA verbreitete Schreibweise? Was sich am besten vor Ort in den schottischen Highlands klären lässt: Am Ufer des Tay, des längsten Flusses des Landes, liegt die 1898 eröffnete Aberfeldy Distillery. Ihre Erbauer, Thomas und John Alexander Dewar, machten das unscheinbare Unternehmen ihres Vaters vor rund einhundert Jahren zur Weltmarke. Heute kann man in Aberfeldy nicht nur die Whiskyproduktion im laufenden Betrieb beobachten, seit der Jahrtausendwende gibt es auch eine interaktive Ausstellung über die Geschichte der Marke Dewar‘s – von den bescheidenen Anfängen in Perthshire bis zur Übernahme durch den Spirituosenriesen Bacardi-Martini.

(c) Dewar‘s Stein. Dewar‘s Distillery begann ganz klein in Aberfeldy.  Stein. Dewar‘s Distillery begann ganz klein in Aberfeldy. / Bild: (c) Dewar‘s 

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Interessant sind allein schon die Reisememoiren Thomas Dewars in Bezug auf das Unternehmen – der jüngere der beiden Gründersöhne war der Überlieferung nach ein bestenfalls mittelmäßiger Schnapsbrenner, erschloss mit seinem ausgezeichneten Geschäftssinn aber neue Märkte rund um die Welt. Begonnen hatte Dewar seine Reise um den Globus ironischerweise, um dem schottischen Hochlandklima zu entfliehen und eine chronische Verkühlung zu kurieren – wohingegen die Besucher der Region heutzutage gerade die einzigartig frische Luft schätzen. Von der schottischen Kulturmetropole Edinburgh aus erreicht man den kleinen Ort am südlichen Rand der malerischen Highlands in gerade einmal eineinhalb Stunden. Hier bahnt sich der Tay seinen Weg quer durch unberührte Birkenwälder und über ausgedehnte Wiesen.

Eine Lanze für Blended Whiskys. In Aberfeldy lüftet sich auch das erste Geheimnis um den Whiskykonsum: Trinkt ein echter Connaisseur tatsächlich nur Single Malts, also Whiskys, deren Bestandteile alle aus ein und derselben Brennerei kommen? Aus der versammelten Expertenrunde ist ein kollektives Kopfschütteln zu vernehmen, man spricht von Snobismus und Wichtigtuerei. Schließlich gebe es durchaus Blended Whiskys – also Mischungen verschiedener Malts, manchmal verschnitten mit den Destillaten anderer Getreide – die das Kennerherz höherschlagen lassen könnten. Auch der international anerkannte Whiskyautor Neil Ridley bezeichnete dieses pauschale Verschmähen solcher Blends im Gespräch mit einem US-Magazin jüngst als „das Verhalten eines Höhlenmenschen“. Tatsächlich argumentieren die meisten Experten, dass die beiden Formen des Produkts schlicht unterschiedliche Zwecke erfüllen. Ein Single Malt betont oft einige wenige ausgewählte Geschmacksnoten, ein guter Blend hingegen bietet ein ausgeglichenes Profil auf der Basis mehrerer bewährter Sorten. Während das ein oder andere Glas Single Malt also für den Kenner das Bedürfnis nach einem ganz besonderen Aroma stillt, empfiehlt sich für andere Anlässe, etwa eine Cocktailrunde, eine gut gereifte Mischung. „Sie würden ja auf eine Strandparty auch nicht im Tweedanzug gehen, oder etwa doch?“, meint Ridley.

(c) Stefan Bogner/Curves  Straße. Die kleinen Straßen quer durch die Highlands motivieren zum Cruisen. Straße. Die kleinen Straßen quer durch die Highlands motivieren zum Cruisen. / Bild: (c) Stefan Bogner/Curves  

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Mehr Brennereien, weniger Bewohner. Zurück nach Aberfeldy: Nach der Besichtigung von hölzernen Maischebottichen und kupfernen Brennblasen können die Besucher sich selbst als Mischmeister versuchen und aus den verschiedenen Grundaromen – etwa süßen, fruchtigen oder rauchigen Single Malts – ihren persönlichen Blend anrühren. Es wird empfohlen, mit Letzterem sparsam umzugehen. Während Perthshire sich dank seiner zentralen Lage und wunderschönen Landschaften für einen Kurzausflug anbietet, wird es hartgesottene Liebhaber des Scotch wohl weiter in Richtung Norden Schottlands ziehen. Dort nimmt die Bevölkerungsdichte stetig ab, die Zahl der Schnapsbrennereien steigt aber an. In Speyside, dem Einzugsgebiet des drittlängsten Flusses von Schottland, wehrt man sich seit Jahrhunderten gegen den Einfluss der Engländer auf die Lokalkultur. Das spiegelt sich in den unaussprechlich-wohlklingenden gälischen Namen für Gewässer, Ortschaften und natürlich Destillerien.

Ölfeuer statt Torf. Die 1891 in Betrieb genommene Craigellachie Distillery im gleichnamigen Tausend-Seelen-Dorf verkörpert die Individualität der Produzenten in der Region wie kaum eine andere Brennerei. Für die Herstellung ihres berühmten Single Malts verwenden die Destillateure hier zum Rösten der Gerste anders als die meisten Betriebe keinen Torf, sondern ein Ölfeuer. Das verschafft dem Korn einen vollmundig-schweren Geschmack. Außerdem wird der Whisky nach der Destillation in einem altertümlichen „worm tub“ – einem geschlängelten Rohrsystem im Wasserbad – abgekühlt, was für eine subtile und ausdrücklich erwünschte Schwefelnote sorgt.

Der gälische Name Craigellachie bedeutet so viel wie „felsige Klippe“ und bezeichnet jene Stelle, an welcher der Fiddich und der Spey zusammenfließen. Entlang des zweiteren Flusses verläuft auch einer der idyllischsten Wanderwege Schottlands, der ausdauernde Sportler vorbei an Scharen von weidenden Schafen und alten Eisenbahngleisen bis an die Küste der Nordsee führt. Wendet man sich vom Ortszentrum Craigellachies hingegen nach Süden, erblickt man die schneebedeckten Gipfel der majestätischen Cairngorms, die einen weit­läufigen Nationalpark (samt Schnapsbrennerei) beherbergen. Weniger ambitionierte Ausflügler und Whisky­interessierte zieht es vielleicht eher zur nahegelegenen Speyside Cooperage, der größten Fassbinderei in der Region. Im mühsam von Hand produzierten Eichenfass verbringt ein guter Scotch immerhin mindestens zwölf Jahre, um seinen einzigartigen Charakter zu formen.

(c) Dewar‘s Dampf. In der Brennblase wird die Maische  erhitzt.Dampf. In der Brennblase wird die Maische erhitzt. / Bild: (c) Dewar‘s 

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Flüssiger Sonnenschein. Nach Einbruch der Dunkelheit versammeln sich die Verkoster schließlich im Copper Dog, dem rustikalen Pub im Untergeschoß des luxuriösen Craigellachie Hotel. Gesprächsthema Nummer eins ist wieder einmal, wie denn der „flüssige Sonnenschein“ – so nannte George Bernard Shaw den Whisky einst – am besten getrunken wird. Der Barkeeper empfiehlt den noch Unentschlossenen die Spezialität des Hauses, den Old Fashioned, in dem 16-jähriger Scotch mit Eis, Zucker und verschiedenen Bitters abgerundet wird. Wer hingegen ein unverfälschtes Geschmackserlebnis bevorzugt, hat die Auswahl zwischen Dutzenden Malts aus allen Ecken des Landes. Versammelt am holzbefeuerten Kamin werden sich aber letztendlich alle in der Gruppe einig: Den einen, wahren Weg beim Whisky gibt es nicht. Jamie MacDonald, selbst mehrfach prämierter Barkeeper, hat Rat für Laien wie passionierte Trinker: „Haben Sie keine Angst, sich mit anderen auszutauschen – aber glauben Sie niemals, beim Whiskytrinken geht es ums Angeben, um das Snobhafte. Trinken Sie ganz einfach das, wonach es Sie gelüstet.“

Die Reise wurde von Dewar‘s unterstützt.

Tipp

Kurvengeist. Autofrei, menschenleer und zum Teil aus dem Helikopter geschossen: Stefan Bogners großartig fotografierte Straßenbilderserie (siehe großes Bild oben) gibt es jetzt auch von Schottland. Eigentlich naheliegend: Durch das Land kreuzen schmale Straßen, vorbei an Tausenden Schafen, unheimlichen Lochs, torfigen Hügeln, Schlössern und Ruinen, Pubs und Whisky-Destillerien. Bogners „Curves“-Band führt durch die Cairngorms, in Richtung Isle of Skye, zur Nordküste.
Stefan Bogner: „Curves. Schottland“ im Delius Klasing Verlag, 15 Euro, www.delius-klasing.de

Definitionssache. Schreibt man das Lebenswasser nun mit e oder ohne e? Der Kaledonier hält sich an Whisky – oder sagt gleich Scotch, so wie auch zu diesem Erzeugnis aus der Destillerie von Dewar‘s in Aberfeldy. www.bacardilimited.com, www.livetrue.dewars.com

Übernachten. Mains of Taymouth Country Estate:
lichtdurchflutete Luxusappartements für Selbstversorger. Sowohl der idyllische Loch Tay als auch der hauseigene Golfplatz befinden sich in Gehweite; www.taymouth.co.uk

The Craigellachie Hotel:
Heimelige Unterkunft im viktorianischen Stil, umgeben von Speysides zahllosen Brennereien. Das Pub im Untergeschoß serviert lokale Köstlichkeiten und eine Auswahl würziger Cocktails; www.craigellachiehotel.co.uk

Anschauen. Edinburgh ist zur Hälfte eine Metropole, zur Hälfte ein Provinzstädtchen. Jedenfalls ein hervorragender Ausgangspunkt für eine Expedition in die Highlands. Doch auch ein längerer Verbleib lohnt sich – die pittoreske Altstadt bezaubert, das ausgezeichnete Sommerwetter überrascht. Jedes Jahr im August verwandelt das Fringe-Festival die örtlichen Pubs in Theater-, Musik- und Kabarettbühnen. www.visitscotland.com,
www.edinburgh.org,
www.visitbritain.com

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