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Portugal: Korkeichen, Kirchen und Kabeljau

09.06.2017 | 18:34 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Kulturland, Baudenkmäler und überall Versuche, moderner, schicker zu werden. Ein armes Land? Jedenfalls eines im Umbruch, mit großen Unterschieden zwischen Alt und Jung, Resignation und Vorwärtsstreben.

Korkernte in Portugal / Bild: Reuters 

Das Erste, was bei dieser nicht allzu lang zurückliegenden Reise auffällt, ist lautes Hupen. Untypisch für Portugiesen. Die Taxichauffeure blockieren den Flughafen von Lissabon, protestieren gegen die US-Firma Uber, die über Handyapps das lokale Gewerbe mit niedrigen Tarifen aushebelt. Der Taxifahrer ist ein interessanter Mensch, selbstständig, Botschafter seiner Heimat, aber nicht unbedingt stolz auf diese, sondern sehr oft kritisch eingestellt. Lang dauert die Blockade nicht, es gibt kein sichtbares Aufbegehren der Chauffeure, und die Schlangen lösen sich bald auf.

1998 wurde dem portugiesischen Kommunisten José Saramago der Literaturnobelpreis verliehen. Die Melancholie seiner Kollegen, des Psychiaters António Lobo Antunes oder des großen, einsamen Teilzeitbüroangestellten Fernando Pessoa, ist Saramago fremd. Seine Bücher sind durchglüht von Zorn und Sendungsbewusstsein für Gesellschaftsveränderung. Kein Wunder, Saramagos Eltern waren Landarbeiter von Großgrundbesitzern. In seinem Roman „Hoffnung im Alentejo“ beschrieb Saramago seine Kindheit, den unbeschreiblich harten Alltag der Bevölkerung und die unfassbare Arroganz der Patrone.

Aber auch vom wunderschönen Portugal wird darin bildstark erzählt: Von seinen Korkeichen, Oliven-, Orangen- und Mandelbäumen. Wie sieht es heute im Alentejo aus? Wie überall in Europa gibt es gesichtslose Städte mit schnell hochgezogenen Apartmenthäusern, Supermärkten, Schnellstraßen – und einem trickreichen elektronischen Autobahnmautsystem. Wer sich damit nicht beschäftigt oder es nicht durchschaut, muss mit hohen Strafen rechnen.

Visit Portugal Der Alentejo nimmt ein Drittel von Portugal ein und gehört zu den Zielen von Reisenden, die tiefer in die Seele des Landes eindringen wollen als bei einem Badeurlaub an der Algarve oder einem kurzen Citytrip nach Lissabon.Der Alentejo nimmt ein Drittel von Portugal ein und gehört zu den Zielen von Reisenden, die tiefer in die Seele des Landes eindringen wollen als bei einem Badeurlaub an der Algarve oder einem kurzen Citytrip nach Lissabon. / Bild: Visit Portugal 

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Ruhiger Fluss

Alentejo ist eine große Region, von den Burgen an der Grenze kann man auf den ehemaligen Angstgegner Portugals, Spanien, schauen, im Süden geht es in die zur Hochsaison überlaufene Algarve, es gibt Berge und Strände, viel Grün und alpin anmutende Ausblicke auf den Tejo-Fluss. Vor allem ein Platz am Fluss ist großartig, direkt am Wasser, wo man im Sommer baden kann und es sicher kühler ist als am Strand. Und der Strom wirkt auch viel weniger gefährlich als das Meer, das in Portugal auch in der warmen Jahreszeit stürmisch und eiskalt bleibt.

Vom Örtchen Valada do Ribatejo legt am nächsten Tag unser Boot ab. Störche, Reiher, Pferde sieht man an den Ufern, auf der anderen Seite besuchen wir ein verwunschenes Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und alte Frauen in schwarzen Kleidern unter einem Baum tratschen. Die winzigen Häuschen wurden von Fischern bewohnt, ein schmales, langes Boot liegt am Ufer, manche Kinder wurden früher in diesen Nachen geboren.

Im Alentejo kann man auch Reiterurlaub machen oder Ausflüge mit Pferden, wie sie etwa die Familie Abecasis, die ein Landgut mit Herrenhaus erworben hat, anbietet. Das Gestüt ist allerdings auch auf die Züchtung von nervenstarken Pferden für den Stierkampf spezialisiert. Die portugiesische Pferderasse Lusitano ist mit den Andalusier- und Berber-Pferden verwandt und gilt als mutig, treu und menschenfreundlich.

Schlicht, aber echt

Castelo de Vide, die nächste Station, wird überragt von einer imposanten Festungsanlage. Von der Burg wandert man gemütlich durch die malerische Altstadt abwärts und kann dabei einen Besuch im Jüdischen Museum machen – oder die prachtvolle Kirche Nuestra Señora de Alegría besichtigen, verziert mit Azulejos, kunstvoll bemalten Fliesen aus dem 17. Jahrhundert. Alegría, die Freude im Namen dieser Kirche, kommt von einem Feuer, das die Gottesmutter der Legende nach mit ihrem Kleid erstickte. Den Schlüssel zur Kirche muss man allerdings von der Gemeinde holen.

Von Castelo de Vide geht es ins nahegelegene Marvão. Die dortige Pousada de Santa Maria ist ein liebevoll und luxuriös restauriertes Altertum, von dem man einen schönen Blick weit ins Land hat, edle Weine und gutes Essen genießen kann. Die portugiesische Küche ist ziemlich rustikal, es gibt viel Schweinefleisch und Gemüse, Kroketten aus Kabeljau oder andere Gerichte mit diesem gefährdeten Meeresbewohner, der auch zu Stockfisch (Bacalhau) verarbeitet wird. Die Portugiesen bemühen sich inzwischen, ihre Küche zu veredeln, der Unterschied zwischen dem mehr schlichten, aber sehr guten Restaurant mit Hotel, Casa do Parque in Castelo de Vide, und dem Nobelrestaurant Dom Joaquim in Évora ist beträchtlich.

Imago wurde 1986 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommenwurde 1986 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen / Bild: Imago 

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Frech könnte man behaupten, dass in Portugal das Risiko beim Speisen „einzufahren“ mitunter geringer ist als im feinen Frankreich, womit selbstverständlich nichts gegen die grandiose französische Küche gesagt sein soll. Aber: Die portugiesische Küche ist oft schlicht, doch erschwinglich und besteht vor allem auf dem Lande meist aus erstklassigen bis soliden Zutaten, bei denen man das Gefühl hat, sie kommen von irgendwo um die Ecke und nicht aus weit entfernten Glashäusern. So richtig durchgesetzt hat sich das gesunde Leben nach mitteleuropäischem oder angelsächsischem Vorbild in Portugal noch nicht, der Salat ist zwar auch im Winter frisch, kommt aber gern in Miniportionen auf der gleichen Platte wie das Fleisch. Und Tee trinken die Portugiesen, trotz einer gewissen Affinität zu den Engländern und umgekehrt (Madeira!) angeblich nur, wenn es ihnen nicht gut geht. Kaffee ist die Hauptsache, natürlich Wein (Mateus-Rosé) und der nationale Kräuterlikör Licor Beirão.

Das historische Zentrum der Stadt Évora, die prunkvoller, aber auch touristischer ist als Marvão, wurde 1986 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Der Ort ist Sitz des Erzbistums und einer staatlichen Universität, gehört aber auch zur „Rede de Judiarias“, einem Verbund von Orten in Portugal, in denen es historische jüdische Gemeinden gab oder gibt. Évora wird Freunde von Kathedralen, Museen – und Megalithen erfreuen. Der Cromlech von Almendres ist die größte Megalithenanlage Portugals. Im kleinen Ort Galegos betreibt der jungenhafte Charmeur António Picado Nunes ein Olivenölmuseum. Solche gibt es viele, doch Picado Nunes hat eine interessante Geschichte, er ist Eventmanager, das war ihm offenbar zu prosaisch, er übernahm die kleine Olivenölfabrik seines Großvaters, wo er nun stolz Touristen die weiten Wege der Produktion des kostbaren Lebenselixiers, das im Süden sogar Babys kosten dürfen, erläutert. Gibt man Antonio Picado Nunes auf YouTube ein, sieht man einen Clip über sein Anwesen und hört dazu Fado-Musik, eine für portugiesische Verhältnisse geradezu unerhörte Marketingmaßnahme. Denn so nett die Portugiesen zu Reisenden sind, sie wirken oft weniger straight aufs Business aus als in anderen südlichen Touristenhochburgen. Das macht Portugal so sympathisch.

Instagram (oceanariodelisboa) OceánarioOceánario / Bild: Instagram (oceanariodelisboa) 

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Attraktiv verwittern

Fado und Saudade machen noch immer einen Teil der Mentalität aus. Obwohl sich das Land gegenüber den 1970er-Jahren stark verändert hat. Man kann die Brüche zwischen älteren Leuten und vorwärtsstrebender Jugend, Resignation und Unternehmungslust fast mit Händen greifen. Die letzte Wirtschaftskrise hat Portugal schlimm gebeutelt, doch schon früher galt das Land als Armenhaus Europas, so nennt man heute die Republik Moldau. Portugal, von dem hauptsächlich düstere Wirtschaftsnachrichten zu uns dringen, wirkt in Wahrheit im Vergleich zu früher geradezu herausgeputzt, schmuck, modernisiert. Und doch spürt man eine gewisse Gelassenheit, hier geben noch die Natur und alte Bausubstanz, vor allem Kirchen, den Ton an, nicht die Hektik von heute. Das erlebt man sogar in Lissabon.

Um das historische, attraktiv vor sich hin witternde Stadtzentrum, in dem gewiss nicht immer schön leben, aber fein herumgehen ist, entstand eine neue Stadt. Man erkundet sie, wenn man wenig Zeit hat, am besten mit dem Hop-on-hop-off-Bus, der Besucher etwa zum 1884 eröffneten Zoo (mit Seilbahn) bringt, zum Wahrzeichen Torre de Belém, Ausguck gegen Eindringlinge, Seeräuber, fremde Mächte und Gefängnis, zum reich ausgestatteten Marinemuseum oder zum neuen Oceánario, errichtet zur Expo 1998. Auf der Tour merkt man, wie sehr Portugal versucht, den modernen Zeiten wie seiner großen Geschichte als Seefahrernation gerecht zu werden.

Zum Auto haben die Portugiesen anscheinend ein freundliches Verhältnis, auch wenn sie in Lissabon ständig im Stau stecken und eine Baustelle nach der anderen überwinden müssen. Dabei hat das Land ein ausgezeichnetes Netz öffentlicher Verkehrsmittel, wesentlich besser als Spanien. Die Bahn bringt einen in die alten Sommerfrische-Orte Cascais oder Estoril, aber auch in die Berge nach Sintra mit seinem noblen 19.-Jahrhundert-Kurort-Flair, seinen Herrenhäusern und dem eindrucksvollen Castelo dos Mouros. Auf dem Weg kann man einen Abstecher zum Cabo da Roca machen, zu den wilden Wellentürmen der Praia da Adraga oder in den bezaubernden botanischen Garten von Monserrate, in dem man allein einen ganzen Tag verbringen kann. Bahn und Bus bringen einen teilweise auch nachts wieder zurück nach Lissabon, bequemer ist es vielleicht mit dem Auto, allerdings muss man sich auf den steilen, gewundenen Bergstraßen vorsehen.

Zurück in Lissabon erwartet einen am Fuß der Altstadt, gleich beim Bahnhof, der Mercado da Ribeira mit Langusten, Scampi und anderen Meerestieren, frisch zubereitet. Der alte Markt ist zwar noch da, aber es gibt einen neuen mit Restaurants und Geschäften. Auch hier sieht man, wie sich das alte Portugal mit dem neuen trifft, und die spezielle Mentalität der Portugiesen, eine Mischung aus Toleranz und Lebenslust, erleichtert vielleicht das Zusammenleben. Die lauernde Atmosphäre vieler, inzwischen auch europäischer Großstädte scheint hier zu fehlen.

STILLE TAGE IM ALENTEJO

Übernachten: Alamal River Club liegt schön am Tejo, kinderfreundlich, eineinhalb Stunden von Lissabon und zwei Stunden von Porto entfernt. www.alamalriverclub.com

Cabeças do Reguengo, sehr schönes Hotel mit Swimmingpool im Landhausstil mit einfacher, aber guter Küche. cabecasdoreguengo.com/Pousadas sind in Portugal häufig in schönen historischen Gebäuden untergebracht, in Schlössern, Klöstern, Burgen oder Palästen, man bucht sie am besten über www.pousadas.pt.

Unterwegs auf dem Tejo: River Tagus Cruises, Tagus ist der spanische Name des Tejo. Bei Lissabon mündet der Tejo ins Meer. Ollem, Turismo Fluvial und River Tagus Cruises bieten Ausflüge, Flussfahrten um und in Lissabon an, www.ollem-turismo.com, www.taguscruises.com.

Essen und Trinken: Restaurant Caso do Parque in Castelo de Vide, www.casadoparque.net, Restaurant Dom Joaquim in Évora.

Reiten: Reiterferien, Ausflüge: reiten-weltweit.de bzw. bei der Familie Abecasis: www.coudelariahenriqueabecasis.com

Besichtigen: Ein prächtiges Städtchen mit Burg neben dem anderen, die Entfernungen zwischen den einzelnen Orten sind oft nicht weit, man kann mehrere an einem Tag machen. Im Artikel nicht erwähnt, aber auch sehr schön ist Belver, Kastell und Museum, Letzteres in interessantem modernen Design. In den meisten Dörfern, Städten finden sich hilfreiche lokale Touristikbüros, die aber nicht immer offen sind. Geduld, Paciencia, ist in Portugal noch immer eine Königsdisziplin, und keinesfalls sollte man unwirsch oder laut werden.

Info: www.visitportugal.com, www.visitalentejo.pt

Compliance-Hinweis: Die Reisen wurden von Visit Portugal sowie von Martinhal Resorts unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2017)

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