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Amsterdam: Himmelsschaukel für zwei

09.12.2017 | 11:53 |  Carolyn Martin (Die Presse)

Die Hauptstadt ist witzig und heiter, kreativ und offen für Neues. Amsterdam macht gute Laune.

A'dam Lookout nennt sich das höchste öffentliche Gebäude Amsterdams, das eine Himmelsschaukel besitzt. / Bild: Instagram/@adamlookout 

Write your story!“, rufen die getippten Buchstaben auf dem eingespannten Papierbogen der historischen Schreibmaschine. „Schreib deine Geschichte!“ motivieren alte Druckpressen, Tintenfässer und Tausende Meter Papier auf Rollen. Ein neues Stadthotel nennt sich kurz und knapp INK und bestärkt frisch-fröhlich seine Gäste, das Wort zu ergreifen und Amsterdam in ganze Sätzen zu fassen. Und das mit glasweise Kugelschreibern in den Zimmern und dicken Papierarchiven im Restaurant, die bereits auf die Geschichten warten. Dabei folgt das Haus nur seiner historischen Bestimmung: In den vormals drei Kanalhäusern im vibrierenden Zentrum Amsterdams war die Redaktion der berühmten, 1845 gegründeten holländischen Tageszeitung „De Tijd“ angesiedelt. Hier wurden Storys geboren, geschrieben und gedruckt. Heute folgt das vereinte Haus diesem Konzept bis in die Zimmer hinein, bis in den Photographers' Room oder die Editor in Chief Suite.

Ein Tipp vom Freund aka Manager

Das INK bringt seine Gäste auf Touren: Selten findet ein Gast den Stadtplan aufgemalt an seiner Zimmerwand – Künstler Jan Rothuizen hat die Hotspots der City auch kreideweiß beschrieben und mit witzigen Kommentaren versehen. Wenn man derart aufgefordert wird, eine Geschichte zu schreiben – das stiftet an. Her mit dem Stift! Wo anfangen? Da hat Rob Linnenbank, der sich mit seiner Visitenkarte nicht als Guest Relation Manager vorstellt, sondern als „the perfect friend“, einen Tipp: den A'dam Lookout.

Also den Nieuwezijds Voorburgwal am Kanal entlang, vorbei an der Centraal Station (Amsterdamer Hauptbahnhof), dann mit der Buiksloterwegfähre die meistfrequentierte Fährstrecke der Stadt nehmen und dreihundert Meter über das Wasser düsen. Der erste Eindruck: Amsterdam ist flach wie eine Scheibe Gouda. Nein, so platt kann die Geschichte nicht sein. Und siehe da, den Blick schön himmelwärts, kommt schnell das neue Wahrzeichen der City in den Blick: A'dam Lookout, mit fast einhundert Metern das höchste öffentlich zugängliche Gebäude der Hauptstadt. Früher das Headquarter von Shell Technology, kamen bei einem Ideenwettbewerb vier holländische Jungs aus der Musikszene auf den Geschmack und überzeugten die Jury mit ihrem Unterhaltungskonzept für den Tower. Der Pop knallt schon während der Liftfahrt hinein: Mit spacigem Lichtspiel befördert ein fahrbarer Raum Gäste auf das Sky Deck.

Stadt in großen Lettern

Wer noch höher hinaufwill, klettert in die Himmelsschaukel für zwei, die noch einmal etliche Meter hochzieht. Fliegen über Amsterdam. Darunter liegen 21 Etagen, und jede schreibt ein anderes Kapitel: Das Moon-Restaurant sieht sich als Drehscheibe, der exklusive Member Club A'dam & Co sieht sich bereits in der 18. Etage als sehr abgehoben, Büros und Bars zeigen sich gestylt. Ein Loft wartet auf Popstars wie Adele und wird dann mit 10.000 Euro pro Nacht zur Kasse bitten. Und vom Sky-Deck-Herren-WC hat man neben potenziell wichtigen Geschäften zugleich Ausblick auf das darunterliegende Amsterdam – das als Namensschild mit übermannshohen Buchstaben vor dem Towereingang in den Himmel ragt.

Amsterdam – denselben zwei Meter hohen Schriftzug findet man vor dem Rijksmuseum auf dem Museumplein. Amsterdam als copy & paste – warum nicht? Die holländische Hauptstadt stiftet definitiv zu guter Laune an, seine Gäste, Groß wie Klein, turnen auf den städtischen Buchstaben herum, und der prominente Schriftzug reist mit tausendfachen Selfies in die Welt. Dabei immer mit im Blick: das Nationalmuseum. Amsterdam – das ist auf jeden Fall Kunst. Auf dem Museumplein gibt es alles, Alte Meister und Junge Wilde. Allein ins Van-Gogh-Museum, der größten Sammlung des berühmten niederländischen Malers in einem Eyecatcher-Bau mit neuer Vollglaskonstruktion als Entree, strömen jährlich 1,5 Millionen Besucher.

Noch neuer ist das Modern Contemporary (Moco), der nächste Nachbar des futuristischen Van-Gogh-Glasbaus. Das Museum für moderne Kunst wurde von den Galeriebesitzern Lionel und Kim Logchies aus dem Amsterdamer Spiegelkwartier gegründet, die mit Künstlern wie Jeff Koons und Damien Hirst zusammenarbeiten. Doch, Überraschung: Sie hängen die großen Rockstars of Art – in die altbacken wirkende Villa Alsberg von 1905. Das neue Contemporary im Old-Fashion-Look. Diesen Humor erlaubt man sich nur in Amsterdam. Die famose Täuschung gelingt: Innen im Moco steht man näher als in den meisten Galerien Auge und Auge mit einem Dalí oder Warhol. Die aktuelle Schau ist Roy Liechtensteins Pop-Werk gewidmet, Street Art von Banksy ist immer präsent.

„Amsterdam ist herrlich heiter“, wird notiert. Händchenhaltend geht es durch das pittoreske Grachtenviertel De9Straatjes. Häuser lehnen sich aneinander, beugen sich vor oder halten sich windschief. Als Vorgärten stellen die Holländer bunt zusammengewürfelte Blumentöpfe vor die Tür. Hausboote sind noch bunter bepflanzt. Auf der Keizersgracht tuckern Boote aller Art vorüber, die Leute darauf tragen Street-Wear wie Businesskluft. Eine entspannte Stadt, man hört, im Vondelpark dürfe man sogar in der Öffentlichkeit Sex haben, solange dieser am Abend und in der Nacht stattfinde.

Kunst aus der Hängematte

Also offen sein für Neues, und da ist es schon: The Public House – of Art. Hier erwischt es die Schreiberin ganz und gar: die großen, lachenden Augen von N'Gozi, einem vor Farbe strotzenden Fotoporträt der holländischen Künstlerin Preta Wolzak, ausgestellt im neuen Kunsthaus in der Nieuwe Spiegelstraat. Der Höhepunkt einer Geschichte ist doch immer das Verlieben.

„This is not a gallery“ steht hier geschrieben, vielmehr geht es um Kunst, die bewegt, schockiert oder einfach nur gut zum Sofa passt. „Und für alle Leute leistbar ist“, sagt Store Manager Alessandro Tomasi. Die von einem Kuratorium ausgesuchten Werke gibt es in vier festen Formaten und Preiskategorien, die bereits ab 100 Euro starten. Hier sind Kreative am Werk, die zum Betrachten der Bilder in eine riesige Hängematte zwischen den Stockwerken laden. Das innovative Konzept ist auf der Visitenkarte nachzulesen, „Shit title, nice painting“ lautet einer der Sprüche.

Blinzelnd zurück auf die Spiegelstraat. Ungeachtet des Wetters sausen Fahrräder vorbei, die Fahrer kerzengrade auf dem Sattel. Ich notiere: „Amsterdamer sind fit und schlank, gleich welchen Alters.“ Die Logik mutmaßt, die Radfahrerhauptstadt sei also gesünder als viele andere Städte. Geht es nach dem Amsterdam Economic Board, das zu urbanen Herausforderungen der Zukunft forscht, dürfen im Jahr 2025 alle Einwohner der Großregion zwei Jahre zu ihrer Lebensspanne hinzufügen, denn jeglicher Stadtverkehr soll bis dahin emissionsfrei sein.

Die Stadt setzt auf Innovation. Von der EU wurde sie schon zur European Capital of Innovation gekürt. Auch bei den Digital-Start-up-Gründungen ist Amsterdam auf Platz zwei nach London vorgerückt. Etliche davon sitzen im Jordaan, einem Quartier zwischen Brouwersgracht und Prinsengracht. Das hippe studentische Viertel zumindest für Amsterdams berühmtesten Apple Pie zu besuchen, dazu raten sogar die distinguierten Les Clefs d'Or Conciërges des ehrwürdigen Sofitel Legend Grand Hotel. Dieses Haus präsentiert das historische Erbe von Amsterdam. Der ehemalige Konvent für die Prinzen von Oranien wurde zum Rathaus von Amsterdam, war Sitz der Königlichen Admiralität der Niederlande und Hochzeitsort von Königin Beatrix. Für den Tagesausklang empfehlen die berühmten Conciërges einfach ein Amsterdamer Bier, etwa im Pijp-Viertel am Albert Cuyp Market. Dazu die berühmten Dutch Bitterballs, die köstlichen Fleischkroketten. Und dann schreibt man die Geschichte auf.

AMSTERDAM LESEN

Leben am Wasser: „Hausboote. Alles zu den schwimmenden Domizilen und 20 wasserdichte Wohnprojekte im Porträt“, von Udo Hafer und Torsten Mönch, Delius Klasing, 30,80 Euro.

www.delius-klasing.de

Die richtige Fortbewegung in Holland:

„Richtig sitzen – locker Rad fahren. Welches Rad

zu welchem Fahrer passt“, von Juliane Neuß,

Delius Klasing, 17,40 Euro.

www.delius-klasing.de

A'dam macht Schlagzeilen – für mehr als 48 Stunden

Opener. Hier beginnt die Amsterdam-Story: Für die beste Übersicht geht's auf den A'dam Lookout, mit rund 100 Metern das höchste öffentliche Gebäude der City und der einzige City-Tower mit 360-Grad-Rundumblick. 22 Etagen mit Sky Deck, drehendem Restaurant, Hotel, Büros und Event-Loft. Highlight: die Sky-Schaukel. Overhoeksplein 5, www.adamlookout.com


Kunstseite. Mit dem Modern Contemporary ist Amsterdam kunstreicher geworden. Das Moco, Museum für Modern Art, auf dem Museumplein schräg gegenüber dem Rijksmuseum, zeigt exklusive Gegenwartskunst aus Privatsammlungen. Honthorststraat 20, www. mocomuseum.com


Redaktion. Die „Tijd“ wurde zu einem der aufsehenerregendsten Hotels in Amsterdam: Das INK steht für erfrischendes Design mit Schreibmaschinen, Lettern, Papier. In dem Viersternhaus der MGallery-Hotels, ausgezeichnet mit dem European Interior Award, wählt man unter sechs Zimmertypen und findet Badezimmer wie eine Bar gestaltet und Wände als kommentierte Stadtpläne. Wer einmal Zeitungschef spielen will, bucht die Editor in Chief Suite. Nieuwezijds Voorburgwal 67, www.mgallery.com


Titelstory.
Pressroom wurde für sein Design und für seine Küche gleichermaßen in hohen Tönen gelobt, ist Restaurant, Bar und Lounge. Kreative lieben das: zwischen Tintenfässern und Druckpapierrollen speisen – nahe dem Königspalast. Chef Tijtze van der Dam, ein echter Friese, kocht spritzig: Thunfischtatar mit Macademia, geschmortes Lamm mit Grandmother's Sauce. Nieuwezijds Voorburgwal 67, www. pressroom.amsterdam
Auf das Cover der Partyszene hat es dieser Cocktail gebracht: INKredible. 30 ml Gin, je 15 ml Grapefruit und Limette, 10 ml Sirup und 25 ml Eiweiß rühren. Mit 60 ml Holundertonic aufgießen, auf Eis shaken, mit ein paar Tropfen Tinte (blauer Bols) veredeln.

Im Ressort Wissenschaft
angesiedelt ist das Nemo Science Museum, das aussieht wie ein Ozeanriese. Das größte Science Center Hollands bietet Wissenschaft und Technologie zum Angreifen. Riechen, hören, fühlen, sehen, wie die Welt funktioniert. Ziel: Der Besuch macht klüger. Zielgruppe: Wissbegierige. Zieht alle an: Am Oberdeck des Ozeanriesen liegt die größte Picknickterrasse der Stadt. Oosterdok2, www.nemosciencemuseum.nl

Den Pulitzer gewinnt
das gleichnamige Hotel: 2016 wurde der Stadtteil aus 25 ineinanderübergehenden, 400 Jahre alten Kanalhäusern zu einem eleganten Fünf-Stern-Hotel vereint. Mitten im Unesco-Weltkulturerbe setzt es auf Vintage-Möbel und großes Erbe. Themensuiten mit eigenen Eingängen auf der Kanalseite laden als Showcases mit Kunstobjekten zum Schlafen. Hier machen Bücher einen Riesenbogen um den Gast und Trompeten hängen an der Wand. Edel: Pulitzer's Klassikboot von 1909 am Kanal. Fahrradflickzeug im Zimmer. Keizersgracht224, www.pulitzeramsterdam.com

Die Gourmetkritik bereichert das Jansz, das am Keizersgracht die historischen Räume mit Objekten des Kupferhändlers Volkert Jansz auffrischt. Internationale Klassik mit Amsterdamer Easy-Going-Cuisine. Reestraat 8, www.janszamsterdam.com


Die Chronik
vergangener Zeiten schreiben die 9 Straatjes, ein zauberhaftes Viertel mit Häusern aus dem 17. Jahrhundert mitten im Grachtengürtel. Bummeln durch die Hartenstraat, die Reestraat in die Berenstraat mit Läden und Galerien. www.de9straatjes.nl


Auf der Immobilienseite
feiert das Grand Hotel Amsterdams Auftritt zum Abschluss: Das Sofitel Legend The Grand Amsterdam schrieb holländische Geschichte. Vom Konvent für die Prinzen von Oranien im 15. Jahrhundert, Hauptsitz der Holländischen Admiralität bis zum ehrwürdigen Rathaus – das Grand Hotel punktet mit großen Namen und Titeln. Wichtiger Konferenzort mit 19 Banketträumen, darunter The Council Chamber, der Hochzeitssaal von Königin Beatrix der Niederlande. An zwei Kanälen bietet das ehrwürdige Haus 177Zimmer und Suiten, Butlerservice, das Michelin-Star-Restaurant Bridges, eine Vinothek, ein Spa und die Bar The Flying Dutchman. Oudezijds Voorburgwal 197, www.thegrand.nl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2017)

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