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Clew Bay: Die Sehnsucht nach Corragaunnagalliaghdoo

08.01.2018 | 11:15 |  von Nicole Quint (DiePresse.com)

Die Clew Bay im County Mayo ist reich an Inseln, alten Legenden und ins Wasser geworfenen Eheringen. Idealerweise setzt man sich aufs Rad oder streift zu Fuß durch den wildromantischen Westen.

Clew Bay / Bild: Imago 

Da findet man die Tankstelle mit der herrlichsten Aussicht im ganzen Land und muss sie gar nicht ansteuern, weil man auf dem schönsten Rad- und Wanderweg unterwegs ist, den Irland zu bieten hat. Der 42 Kilometer lange Great Western Greenway führt entlang einer stillgelegten Bahntrasse durch den äußersten Westen der Grünen Insel. Schon bei ihrer Eröffnung im Jahr 1895 galt die Strecke von Westport nach Achill Island als landschaftlich attraktivste Eisenbahnroute Europas. Nachdem die letzten Züge 1937 durch das Küstengebiet dampften und auch die alten Schienen längst verschwunden sind, genießen Radler, Wanderer und Landschaftsfotografen ungestört und abseits aller Straßen die Aussicht auf eine der spektakulärsten irischen Meereslandschaften – die Clew Bay.

Klein mit langem Namen

Die Bucht ist ein Erbe der letzten Eiszeit, über und über gesprenkelt mit Inseln, die durch Gletscherbewegungen geformt wurden. 365 Inseln, eine für jeden Tag, sollen es sein. Wer diese Behauptung in die Welt gesetzt hat, war wahrlich kein Meister im Inselzählen. Neben einigen namenlosen Felsen und Inselchen, auf deren Zahl man sich offiziell bisher nicht geeinigt hat, liegen 142 Inseln in der Clew Bay wie Eier in einem Korb.

Die meisten werden nicht mehr von Menschen, sondern von Robben, Sturmtauchern und Kormoranen bewohnt. Sixpenny Island, Inishbobunnan, Trawbaun oder Quinsheen wurden die Inseln getauft, und da die kleinsten Eilande kurioserweise die längsten Namen tragen, hat man sie mindestens zehn Mal umrundet, bevor einem Freaghillanluggagh und Corragaunnagalliaghdoo einigermaßen fehlerfrei über die Lippen kommen.

Nicht viel leichter fällt es, Worte für die Schönheit der Bucht zu finden, die sich wie eine Traumwelt präsentiert, wenn die Sonne einen goldfarbenen Strahlenkranz um schneeweiße Wölkchen legt und die Inseln in ein flirrendes Licht taucht. Der englische Schriftsteller William Makepeace Thackeray griff 1842 deshalb wohl gleich zum Superlativ und schwärmte: „Die schönste Aussicht, die ich je in der Welt gesehen habe.“

Imago  Clew Bay Clew Bay / Bild: Imago 

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Lust auf Spazierenstehen

Da auch 175 Jahre nach Thackerays Besuch das Clew-Bay-Mosaik aus Azurblau, Schaumkronenweiß und Wiesengrün unverändert hinreißend geblieben ist, gerät das Wandern zum Spazierenstehen. Gut, wer ohne Zeitplan unterwegs ist, denn der kommt nie zu spät und muss sich auch nicht an den zwölf Stunden orientieren, die für die komplette Tour auf dem Great Western Greenway angegeben werden.

Aufgeteilt in drei Etappen kann man in Newport einen ersten Zwischenstopp einlegen, sich von neugierigen Schwarzkopfschafen stoppen lassen und, bevor es weiter über die Corraun-Halbinsel zum Achill Sound geht, in Mulranny übernachten: einem Dorf auf einem Plateau gelegen, wo sich Connemaras tintenblaue Berge vor der leuchtenden Leinwand des Himmels abheben und man vor lauter glitzernden Sanddünen und blühenden Rhododendronwäldern gar nicht mehr weiß, wo man hinschauen soll.

Schön superlativisch

Alljährlich konkurrieren irische Gemeinden miteinander um die Titel Sauberste Stadt, Schönster Park oder Die beste Toilette des Jahres. Da ist ein Wettbewerb um die Tankstelle mit dem besten Ausblick gar nicht so abwegig, und Mulranny dürfte sich des Sieges sehr gewiss sein. Wo sonst kann man beim Tanken Delfine, Otter und Seeadler beobachten und bei einem Kaffee aus dem gegenüberliegenden Supermarkt ins Gespräch mit Einheimischen kommen? Wer ihnen aufmerksam zuhört, erfährt, dass die Clew Bay nicht bloß voller Inseln, sondern auch voller Geschichten ist.
An manche glauben die Iren mehr, an manche weniger, und an einigen Legenden möchten sie gar nicht zweifeln. Zum Beispiel an jener, dass dänische Piraten auf Inishdaugh eine große Menge Gold vergraben haben. Alle sieben Jahre soll sich eine Höhle auf der Insel öffnen und den Weg zu den Reichtümern freigeben. Bisherige Schatzsucher hatten ein schlechtes Timing, und auch der norwegische Kapitän, der auf Inishdaugh graben ließ, ging leer aus.

Einer aber machte in der Clew Bay ein gutes Geschäft: Zum Spottpreis von 1700 Pfund erwarb John Lennon 1967 die Insel Dorinish. Er selbst lebte nie dort, erlaubte jedoch seinem Freund Sid Rawle, auch der König der Hippies genannt, dort eine Kommune zu gründen. Zwei Jahre trotzten die 30 Leute den Atlantikstürmen, mussten Dorinish aber 1973 verlassen, nachdem ein Großbrand ihre Zelte zerstört hatte. Heute finden nur noch hartgesottene Beatles-Fans gelegentlich den Weg auf die unbewohnte Insel.

Piratenqueen als Vorbild

Berühmter als Inishdaugh und Dorinish und größer als alle Inseln der Bucht zusammen ist Clare Island, das Reich und die letzte Ruhestätte der legendären Piratenkönigin Granuaille O'Malley. Die Geschichte dieser furchtlosen Frau ist im Land der Geschichtenerzähler so oft erzählt worden, dass viele fast glauben, sie wären selbst dabei gewesen, als die kämpferische Seefahrerin im 16. Jahrhundert eine große Schiffsflotte befehligte und sogar der englischen Königin, Elisabeth I., die Stirn bot.
Nachfahren der O'Malley gibt es bis zum heutigen Tag, und auch die Betreiber der Fähre zwischen Roonagh und Clare Island gehören zum Clan. Die Überfahrt dauert nur zehn Minuten, aber sie verlangen einem mitunter auch bei schönem Wetter einen matrosentauglichen Magen ab.

Mit an Bord befinden sich neben den üblichen Fischern und Bordercollies auch immer öfter unglücklich verheiratete Frauen. Inspiriert von der emanzipierten Piratenqueen, die sich ihrer Männer auch gern mit derben Methoden entledigt hat, erklimmen die angereisten Frauen die steilen Klippen der Insel, um von dort oben ihre Eheringe in den Atlantik zu werfen. Eine symbolische Geste der Befreiung. Wären sie gemeinsam mit ihren Männern angereist, hätte die Romantik der Clew Bay ihre Beziehung bestimmt gerettet, behaupten sie auf Clare Island. Wenn sie sich da einmal nicht täuschen.

Single-Weekend

Die Clew Bay kann für die Besucher nämlich zu einer fixen Idee werden. Wenn Hunderte kleine Inseln in der Abenddämmerung wie eine Flotte aus steinernen Schiffen in der Bucht ankern und der Atlantik wie flüssiges Blei schimmert, ist die Versuchung groß, Gewohnheiten einen Tritt zu geben und sich in ein neues Leben auf Beetle Island, Muckinish oder Corragaunnagalliaghdoo vorzustellen. Für den Fall, dass die Partnerschaft diese Probe nicht besteht, kann man sich idealerweise gleich zum Single-Weekend anmelden, das zwei Mal im Jahr auf Clare Island stattfindet.
Sollten aber doch die Liebe und die Vernunft siegen, und sollte man gemeinsam nach Hause zurückkehren, tröstet einen wenigstens ein altes gälisches Sprichwort: „An ait a bhfuil do chroi is ann a thabharfas do chosa thu.“ Was so viel heißt wie: „Deine Füße bringen dich dahin, wo dein Herz ist.“ Und zwar immer wieder über den Great Western Greenway zur Clew Bay.

Tipps auf einen Blick

Anreise: Von Wien zum Ireland West
Airport Knock mit Zwischenstopp in London oder Dublin mit British Airways und/oder Aer Lingus.
www.aerlingus.com. Zahlreiche Reiseveranstalter und Fluggesellschaften bieten günstige Fly-and-drive-Angebote an.

Unterkunft: Mulranny Hotel in Westport: John Lennon und Yoko Ono waren 1968 dort Gäste. Als kleine Hommage an den Beatle wurde das Zimmer mit Fotos des Paares geschmückt und John-Lennon-Suite getauft. Besonders schön sind die Räume und Apartments mit Blick auf die Bucht. www.mulrannyparkhotel.ie

Das Western Greenway B&B in Newport bietet gemütliche Zimmer mit Berg- und Gartenblick sowie einen Fahrradverleih. www.westerngreenwaybnb.com

Das familiengeführte Clew Bay Hotel liegt im Zentrum von Westport. www.clewbayhotel.com

Radeln: Great Western Greenway, einer der schönsten Radwege auf der Insel:
Er führt 42 Kilometer von Achill bis Westport. Gemütlich absolvierbar in einzelnen Etappen: Achill–Mulranny, Mulranny–Newport und Newport–Westport. Infos zu Fahrradverleihern und

Streckenkarten: www.greenway.ie

Fähren nach Clare Island: www.omalleyferries.com, www.clareislandferry.com

Single Weekend auf Clare Island

Bootstouren: Nach Walen und Delfinen Ausschau halten, angeln oder die Inseln der Clew Bay erkunden kann man auf den Touren von Mayo Boat Charters. www.mayoboatcharters.com

Ausflüge rundherum: Der Ballycroy National Park liegt 15 km nördlich von Mulranny mit einem besonderen Regenmoorhabitat. www.ballycroynationalpark.ie

Das verlassene Dorf bei Slievemore auf Achill Island: über 80 Steinhausruinen und Reste von Erdäpfeläckern, die nach der großen Hungersnot aufgegeben wurden. www.achilltourism.com

Information: www.ireland.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 5.1.2018)

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