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Tomas Zierhofer-Kin: Dionysien für jedermann

18.04.2017 | 15:53 |  Interview: Barbara Petsch (Die Presse - Schaufenster)

Sein Hobby ist Kochen. Auch bei den Festwochen will der neue Intendant Tomas Zierhofer-Kin für Sinnlichkeit sorgen.

Ein intellektueller Musikfreak: Tomas Zierhofer-Kin hofft, dass die Festwochen weltanschaulich verändernd wirken. / Bild: Christine Pichler 

Die Wiener Festwochen "waren schon in den 1960er- und 1970er-Jahren ziemlich progressiv", stellt der neue Intendant Tomas Zierhofer-Kin fest. Für ihn hat die Liebe zur Kunst als Kind begonnen und in der Schule: Lehrer machten den 1968 geborenen Salzburger mit "Kafka, Hermann Broch, James Joyce" bekannt, erzählt er. "Die Festwochen sollen statt hochgeistig dionysischer werden", verspricht Zierhofer, der Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstmanagement studiert hat. "Fest" ist das Keywort, es wirbt in mehreren Sprachen wie Arabisch oder Mandarin und soll signalisieren: "Wir sind nicht nur beim Theater oder bei der Oper, sondern überall! Cross-over und in den Bezirken." Das Hochkulturfestival soll Breitenwirkung entfalten, etwa mit dem Schulprojekt: "Wie kann ich Widerstand in der Gesellschaft definieren?". Denn: "Rassismus und Ausgrenzung sind leider wieder gesellschaftsfähig geworden", so Zierhofer.

Vom Donaufestival, einem kleinen, feinen Avantgarde-Performance-Musikfestival auf dem Land zur Riesenmaschine Wiener Festwochen zu wechseln fürchten Sie sich nicht?

Tomas Zierhofer-Kin: Ich nehme mich nicht so wichtig. Aber natürlich ist es eine Verschiebung von Aufmerksamkeit, ein größerer Scheinwerfer. Das Donaufestival ist ein Camp auf dem Land, man konnte sich für einige Tage aus den üblichen Verflechtungen herausziehen und gewisse Communities aus der ganzen Welt anlocken.Bei den Festwochen muss man sich überlegen, wie platziere ich dieses Festival in einer großen Stadt mit gewichtiger Infrastruktur.

Sie wollen heuer ein paar Klassikfans auf die Palme bringen. Jonathan Meese zerlegt Wagners "Parsifal" und Musik von der Elfenbeinküste mischt sich in Mozarts "Entführung".

Ich fände eine Verdoppelung des Programms der Wiener Staatsoper oder des Burgtheaters unsinnig.

Gehen Sie in die Staatsoper?

Selten. Ich habe große Skepsis, ob diese Form von Musiktheater heute noch relevant ist.

Die Staatsoper ist voll, kaum Tickets zu bekommen.

Sicher sind diese Produktionen auf höchstem Niveau, aber ich will keine Kopien liefern. "Les Robots ne connaissent pas le Blues oder die Entführung aus dem Serail" ist eine Mischung aus der Mozart-Oper, neuen Textelementen und Musik im Stil des Coup decal einer Form von Clubmusik, die an der Elfenbeinküste entstanden und dort sehr wichtig ist. In der Wiener Version spielt die Camerata Salzburg. Wir möchten einen Diskurs über europäische Hegemonie anstoßen. Was bedeuten Liebe und Eifersucht in verschiedenen Kulturen? Denken wir darüber nach. Das Fremde ist toll im Exotismus und für den Fremdenverkehr, aber nicht, wenn Menschen kommen, die anders ticken und bei uns leben wollen.

Bei der Hochkultur in Wien hat man das Gefühl, dass nicht viele Menschen von anderen Communities kommen.

Wir werden sie ganz gezielt ansprechen. Die Festwochen gelten als hochgeistiges Kunstfestival, wir wollen das Dionysische in den Vordergrund rücken. Wenn ich zu den Festwochen gehe, kenne ich die meisten Leute, eine wunderbare Gemeinschaft, aber obwohl ich nicht mehr jung bin, bin ich oft einer der Jüngsten. Und selbst den Theateraffinen haben die Festwochen zu viel mit Theater zu tun.

Sie kommen von der Musik. Wollten Sie Sänger werden?

Zwischendurch. Ich habe eine Mezzosopranstimme, die nicht falsettiert, so ein bisschen wie Jochen Kowalski. Ich habe im Studium Isoldes Liebestod gesungen. Lied hat mich sehr interessiert. Ich fand es spannend, diese Minidramen zu erzählen. Aber das Publikum war mir zu langweilig. Diese Leute in komischen Anzügen, die da brav drinnen sitzen, das fand ich unsexy. Ich war ja damals sehr jung. Ich habe schon mit 19 mein erstes Festival gemacht. Und die elektronische Musik hat mich dann einfach mehr fasziniert.

Kommen Sie aus einer künstlerischen Familie?

Gar nicht. Aber mein Großvater war ein Opern-Freak, meine Mutter kennt die gesamte Opernliteratur. Wir sind, seit ich zehn war, sehr oft ins Theater, in die Oper oder in Ausstellungen gegangen. Mein Vater war bei den Casinos Austria beschäftigt.

Und gehen Sie manchmal an den Roulettetisch?

Niemals. Als Angehöriger durfte man nicht spielen. Bei uns zu Hause gab es nicht einmal ein Kartenspiel. Mein Vater hat gesehen, wie viele Menschen spielsüchtig sind und welche Dramen sie erleben, fast schlimmer als Alkoholiker.

Spielen Sie noch Klavier?

Ich hatte einen Stutzflügel, aber der hat nicht in meine Wohnung gepasst. Wir sind damit im Altbau auf der Treppe stecken geblieben, ich musste ihn verkaufen. Jetzt tut es mir leid. Wenn ich ein Klavier sehe und keine Profis in der Nähe sind, drücke ich gleich die Tasten. Vielleicht kaufe ich mir wieder ein Klavier, wenigstens ein Keyboard.

Was hat Sie früh im Theater begeistert?

La Fura dels Baus! Und ein dreiteiliges Aids-Stück des 1995 verstorbenen iranisch-amerikanischen Künstlers Reza Abdoh in der damaligen Panzerhalle in München. Es gab Schilder, dass weder Veranstalter noch Performer für Schäden an Kleidung, Körper und Psyche haften. Es ging ziemlich zu, ich war sehr aufgewühlt. Gegen Schluss stürmte das Ensemble im grellen Licht auf uns zu und plötzlich wurde es dunkel. Ich dachte, ich muss sofort fliehen, aber kurz vor dem Publikum blieben die Künstler stehen. Eine irre Choreografie war das.

Gibt es etwas, wovor Sie heute Angst haben?

Ja, vor dem Irrationalismus gewalttätiger Massen. Ich muss öfter an Stefan Zweig denken, der einmal gemeint hat, der Nationalsozialismus sei nicht von heute auf morgen entstanden.

Tipp

Festwochen. Mit Jude Law, Romeo Castellucci, Performeum, Hamam, Frisiersalon, Traiskirchen-Musical, Hyperreality-Clubkultur 12. 5. 18. 6.

 

("Kultur Magazin", Print-Ausgabe, 14.4.2017)

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