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Neil Diamond: Sanfter Meister der Melancholie

21.04.2017 | 15:01 |  Samir H. Köck (Die Presse)

Neil Diamond kommt nach Jahrzehnten wieder nach Wien. Zu seinem 50-Jahr-Bühnenjubiläum gastiert er in der Stadthalle.

Seelenvoll. Neil Diamond verstand sich auf "Beautiful Noise", wie ein Hit heißt. / Bild: Universal Music 

Schau nicht wie ein Maikäfer, wenn's blitzt!" So lautete eine scherzhafte Zurechtweisung, wenn man sich Mitte der Siebzigerjahre dem schönen Gefühl des Staunens hingab. Und es waren auch Maikäfer, die damals in der Ära der formschönen Autos auf den Windschutzscheiben der hellblauen Opel-Rekords und dunkelgrünen VW-Vaillants auf den Landstraßen zerbarsten. In den Kassettenrekordern und Autoradios liefen verlässlich die soliden Songs von Neil Diamond, einem New Yorker Songwriter, der sich damals in seinen besten Jahren befand und die Sehnsüchte des unteren Mittelstands in seinen Liedern auf den Punkt brachte. Zwischen 1966 und 1975 schuf der kleine Mann aus Coney Island, der sich seine ersten Sporen in der berühmten Songwriter-Manufaktur Brill Building verdiente, seine essenziellen Alben. Seine melodiösen, genreübergreifenden Lieder dominierten damals die internationalen Charts.

Mit Fönfrisur, Glitzerhemd und Glockenhose und Hits sonder Zahl, von "I m A Believer" bis "Sweet Caroline", von "I Am...I Said" bis "Song Sung Blue" versetzte der eigentlich nur mäßig charismatische Sänger sein überwiegend weibliches Publikum konsequent in Verzückung. Und anders als die wankelmütigen Provinz-Playboys jener Jahre erwies sich Diamond als verlässlicher Begleiter durch sonnige wie trübe Stunden. Bei Scheidungen wurde die Neil-Diamond-Kollektion ohne Widerworte der weiblichen Ehehälfte überlassen. Man merkt, es war für den männlichen Pop-Connaisseur niemals hip, Neil-Diamond-Fan zu sein. Unter jenen, die progressive Popmusik liebten, galt Diamond als Weichei. Nur einmal überraschte er, als er 1976 sein Album "Beautiful Noise" von Robbie Robertson, dem Mastermind der allseits hoch gelobten The Band, produzieren ließ. Und auch auf "The Last Waltz", dem prominent besetzten und von Martin Scorsese gefilmten Abschiedskonzert von The Band tummelte sich der als bieder geltende Diamond inmitten des Popadels von Bob Dylan über Joni Mitchell bis hin zu Neil Young.

Entstaubt. Heute ist Neil Diamond wieder ein klingender Namen. Einerseits, weil Kultregisseur Quentin Tarantino seinen Uraltsong "Girl You ll Be a Woman Soon" in "Pulp Fiction" einsetzte, anderseits, weil der zauselbärtige Musikproduzent Rick Rubin, der für seine Arbeiten mit Johnny Cash, Metallica und allerlei Hiphop-Größen bekannt ist, sich seiner 2004 annahm. Das gemeinsame Opus brachte Diamond weltweit in die vordersten Ränge der Charts. Zuallererst verordnete Rubin das Entstauben der alten Akustikgitarre. Anfänglich sträubte sich der 64-Jährige, selbst Gitarre zu spielen, schließlich gäbe es viel bessere Instrumentalisten als ihn. Doch Rubin wusste, dass es da eine Magie dieseits von Virtuosität gibt, etwas Seelenvolles, das ausschließlich der Komponist seinem Song mitgeben kann. Das Album, simpel "12 Songs" betitelt, riss den Veteranen aus seiner jahrzehntelangen Routine, konfrontierte ihn mit den Ansprüchen seiner Jugend und wurde nichts weniger als seine beste Liedersammlung seit "Beautiful Noise" von 1976. Neil Diamond skizziert private Sehnsüchte, Selbstzweifel und gesellschaftliche Hoffnungen, begleitet seine Song-Charaktere zu Wendepunkten und hat dabei die Kraft, vieles offen zu lassen. Die schwer erarbeitete Einfachheit steht den karg instrumentierten Songs ausgezeichnet.

Mozart. Kleinodien wie "Captain of a Shipwreck", What s It Gonna Be" und "Man of God" gehören zum Besten, das dieser Mann jemals geschaffen hat. "12 Songs" ist das, was man einen Slowburner nennt, ein Album, das, wenn man sich liebevoll mit ihm beschäftigt, immer neue Reize entriegelt. Und besonders schön: Es nährt die Hoffnung, dass im Alter die eigene Jugend ein Comeback feiern kann. Diamond jedenfalls war so angetan von dieser Frischzellenkur, dass er ein paar Jahre später ein weiteres Mal mit Rick Rubin ins Studio ging. Das 2008 veröffentlichte "Home Before Dark" wurde gar Neil Diamonds erstes Nummer-eins-Album in den USA. Zudem erreichte es noch die Top-Platzierung in Großbritannien und Neuseeland. Trotz dieser epischen Erfolge in jüngerer Zeit verlässt sich Diamond bei seinen aktuellen Tourneen auf das Hitarsenal, das er sich in der Zeit von 1966 bis 1982 geschaffen hat.
Leicht fiel es ihm nicht, wie er dem britischen "Telegraph" sagte: "Jedes Lied hat seinen eigenen Charakter, da hilft es nichts, wenn man Erfahrung hat. Du musst dich bei jeder Komposition neu bewähren."

Auf die Frage, ob er dennoch eine gewisse Freude an der Tätigkeit empfinde, reagiert er richtiggehend barsch. "Nein, ich hasse es. Muss aber zugeben, dass mir zu Beginn auch niemand versprochen hat, dass es einfach werden wird. Mich plagt beim Komponieren mein Perfektionismus. Aber was soll s. Ich mach das schon so lang und wüsste ohnehin nicht, wie ich anders Geld verdienen könnte." Die Liste seiner kleineren und größeren Hits ist lang. Von "I Am...I Said" bis zu "Longfellow Serenade", von "Sweet Caroline" bis "Heartlight" sie alle gelten längst als Klassiker. Auch "Song Sung Blue", einer seiner Hits von 1972. Für diese schöne Melodie hat er sich bei Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 bedient. Die seligmachende Wirkung dieses Manifests für eine bewusst gelebte Melancholie geht von Diamonds delikatem Gesang aus. "Song sung blue, weeping like a willow...but you can sing it with a cry in your voice and before you know it get to feeling good."

Die heilende Kraft der Musik war ihm, der Arzt werden wollte, früh bewusst. Heute noch wandert er zuweilen sinnierend durch die Korridore der Erasmus Hall High School in Brooklyn, in deren Chor er in den Fünzigerjahren gemeinsam mit Barbra Streisand sang. Paradoxerweise denkt dieser hypererfolgreiche Sänger, dessen Konzerte auch in den mageren Jahren stets ausverkauft waren, mit Bedauern an die prägenden Jugendjahre. "Wäre ich gescheit gewesen, wäre ich auf der medizinischen Fakultät gelandet oder hätte Biologie studiert und ein Mittel gegen Krebs erfunden. Aber ich bin wohl besser darin, Dinge zu erfühlen als Dinge zu verstehen."

Tipp

Neil Diamond 50 The 50th Anniversary Collection , 3-CD-Box mit seinen fünfzig größten Hits, Capitol/Universal. Wien-Konzert am 19. 9.

 

("Kultur Magazin", Print-Ausgabe, 14.4.2017)

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