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Künstlerin Martha Jungwirth: Schweifende Blicke

22.02.2012 | 11:17 |  von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Ihre Geschirrspüler-Gerippe brachten Martha Jungwirth 1977 auf die Documenta nach Kassel. Ihr Lebenswerk schuf sie aber in Zurückgezogenheit.

Die Liste österreichischer Künstlerinnen der Nachkriegsgeneration, die den großen Durchbruch geschafft haben, ist kurz. Zu Präsenz auf dem internationalen Kunstmarkt brachten es im Grunde einzig Maria Lassnig und Valie Export – und auch ihnen wurde diese Aufmerksamkeit erst spät zuteil. Nimmt es wunder? Nein, denn der Kunstbetrieb war hierzulande vom künstlerischen Neuanfang nach 1945 bis in die 1970er-Jahre dem Zeitgeist entsprechend männlich dominiert – ob das nun die Phantastischen Realisten waren, die „St. Stephan“-Maler oder die Wiener Aktionisten. Weibliche Künstlerinnen hatten es schwer, sich durchzusetzen und zu etablieren. Es verlangt heute einen umso sorgfältigeren Blick auf die jüngere Kunstgeschichte, um Positionen neu zu bewerten, die das „Betriebssystem Kunst“ außen vor gelassen hat.
Eine davon ist Martha Jungwirth, deren emotionsgeladene, sensibel durchdachte Malerei erst kürzlich den deutschen Künstlerkurator Albert Oehlen in Begeisterung versetzt hat, als er im Depot des Klosterneuburger Essl Museums ihren Bilderzyklus „Spittelauer Lände“ entdeckt hat.

Frau unter Männern. „Am Kunstbetrieb habe ich nie teilgenommen“, sagt sie. „Für mich hatte das Betriebsame immer einen unangenehmen Beigeschmack.“ Doch Ausnahmen bestätigen die Regel – in dem Sinn, dass es sensible Beobachter, Kritiker, Ausstellungsmacher gab, die sich von den Allianzen des Betriebs nicht ins Bockshorn jagen ließen. Der Kunstkritiker Alfred Schmeller etwa zählt dazu, der ihr Schaffen lange begleitet und sie 1969 geheiratet hat. Der engagierte Kärntner Kunstliebhaber Peter Mießl. Oder der Publizist und Kulturmanager Otto Breicha: Er lud Jungwirth, die sich mit einem Lehrauftrag an der Angewandten über Wasser hielt, im Mai 1968 zu der Malereiausstellung „Wirklichkeiten“ in der Wiener Secession ein. Neben fünf Männern –  Wolfgang Herzig, Kurt „Kappa“ Kocherscheidt, Peter Pongratz, Franz Ringel und Robert Zeppel-Sperl, alle in ihren Mitt- bis Endzwanzigern – war sie die einzige Frau. „Es war eine sehr schöne Ausstellung, aber eben auch nur eine Ausstellung. Wir waren sechs junge Leute, die Breicha

(c) Sammlung Essl  Porträt Franz Ringel
entdeckt hatte und vorstellte“, erinnert sie sich. „Es gab keinen Stil, sondern es waren verschiedene Wirklichkeiten.“
Zusammen mit der „Gruppe, die keine gewesen ist“, wie Otto Breicha die „Wirklichkeiten“ beschrieb, wurden Jungwirths Arbeiten in den 1970ern noch einige Male ausgestellt. „Doch der große Erfolg ist mir verwehrt geblieben. Das hatte aber auch Vorteile“, sagt sie. „So ging ich meinen eigenen Weg.“
Im Lauf der Jahrzehnte entstand Werkblock um Werkblock, bald in Aquarell, bald in Öl, bald mit Tusche, bald mit Bleistift. Die „Indesit“-Serie etwa: groß dimensionierte Zeichnungen, zu denen Jungwirth durch das Innenleben ihres Geschirrspülers angeregt wurde. „So ein Geschirrspüler sieht im Inneren ja wie ein Gerippe aus“, sagt sie. Der Zyklus, der 1975 im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts unter dem Titel „Hausfrauen-Maschinen“ parallel zu Harald Szeemanns legendärer Ausstellung „Junggesellenmaschinen“ gezeigt wurde, brachte sie in die Kasseler Documenta 6. Jungwirth: „Ich hatte zuvor im Moma Architekturzeichnungen von Mies van der Rohe gesehen, deren Strenge mich fasziniert hat. Über diesen Umweg bin ich zu den Küchen-zeichnungen gekommen.“

Intelligentes Fleckengefüge. „Ich brauche“, sagt Martha Jungwirth, „immer einen realen Ausgangspunkt, den ich verwandeln kann. Die Motive sind dabei ganz peripher, ich will ja nicht abbilden.“ Die Eindrücke setzt sie auf verschiedensten Papieren um, verwandelt sie gestisch, oft schnell und impulsiv zu Flecken, Schlieren, Linien. Ihre vielen Reisen – unter anderem nach Bali, Griechenland, Jemen, Burma, Kambodscha, in den Oman – spielen dabei eine wichtige Rolle. „Meine Kunst“, sagt Jungwirth, „ist wie ein Tagebuch, seismografisch. Das ist die Methode meiner Arbeit. Ich bin dabei ganz auf mich bezogen. Zeichnung und Malerei sind eine Bewegung, die durch mich durchgeht. Durch meine Wahrnehmung und
(c) Sammlung Essl  Spittelauer Lände
meine Gestik wird es etwas anderes. Das Bild ist ein intelligentes Fleckengefüge, nichts Festgefahrenes. Es geht um das Fluide, Durchsichtige, Offene. Dabei interessiert mich gerade nicht das Edle, sondern das Schleißige, Nicht-geschönte, Unzensierte.“
Immer wieder wird sie gefragt, was sie da eigentlich malt. Man erkenne doch gar nichts. Jungwirth: „Genau das strebe ich an. Es sind Flecken und Schlieren – eine schweifende Wahrnehmung, die auf dem Papier fixiert ist, offen für mich und den Betrachter. Ich male meine Wirklichkeit. Es ist nichts Verbindliches, nichts Zustimmungspflichtiges. Der Sammler muss genauso lernen wie der Künstler, sich zu entwickeln.“ e

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