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„Rosas danst ­Rosas“: Tanzen, ohne zu zählen

11.10.2017 | 10:38 |  Ditta Rudle (Die Presse - Schaufenster)

„Rosas danst Rosas“-Tänzerin Samantha van Wissen erzählt, warum Anne Teresa De Keersmaekers Kreation noch immer fasziniert.

Samantha van Wissen ging zu „Rosas“ statt zur Schule: „Ich habe so viel gelernt.“ / Bild: (c) Karolina Miernik 

Bald 35 Jahre alt und immer noch jugendfrisch ist das Ballett „Rosas danst Rosas“. Die mehrfach preisgekrönte flämische Tänzerin und Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker hat es 1983 geschaffen, es war eines der ersten für ihre Compagnie Rosas. Nicht nur Kritiker und Publikum, auch die Tänzerinnen lieben das vierteilige Ballett. Streng formal und hoch emotional, ist es zum Maßstab des postmodernen Tanzes geworden. Mehr als 350 Mal haben vier Tänzerinnen in aller Welt sich selbst getanzt. Auch in Wien. Nun sind sie wieder da, die Rosas-Mädchen: mit „Rosas danst Rosas“. Die Einfachheit des Grundmaterials, die minimalen repetitiven Bewegungen erlauben es auch Laien, ein Gefühl für dieses Stück Tanzgeschichte zu entwickeln. Samantha van Wissen, Rosas-Mädchen der dritten Stunde, trägt jeden Bewegungsablauf untilgbar im Körper und kann auch Kursteilnehmerinnen beibringen, Sequenzen aus dem Meisterwerk zu interpretieren. Hoch konzentriert sitzen die Rosas-Kopien auf ihren Stühlen, tanzen mit Händen und Armen, Kopf und Torso. Sieht ganz einfach aus. „Das täuscht“, sagt van Wissen, „auf die Details kommt es an“. Obwohl das Stück für vier Tänzerinnen gemacht ist und aus sehr weiblichen Bewegungsabläufen besteht, dürfen im Workshop auch Männer mitmachen. Die koketten Kopfbewegungen, das verträumte Aus-dem-Gesicht-Streichen der Haare mögen diesen nicht so recht gelingen.

Totale Verausgabung. Am Ende steht ein rasantes Finale, das De Keersmaeker als „eine Art Paroxysmus des Tanzes“ beschreibt. „Tanzen, tanzen, tanzen, ohne zu zählen, wieder und wieder, ein totales Verausgaben.“ Schweißtropfen fliegen durch die Luft, die Erschöpfung erfasst das Publikum. Die Tanzwut ist ansteckend. Auch Samantha van Wissen ist infiziert. „Ich war mit der Schule noch nicht fertig, als ich in Brüssel Anne Teresas Compagnie begegnet bin. Ich war sofort hingerissen und habe gewusst, da will ich hin.“ Die Schule hat sie nicht vollendet: „Das Beste, was ich tun konnte. Ich habe danach so viel gelernt.“ Als sie 1992 mit „Rosas danst Rosas“ auf Welttournee gehen durfte, war ihr klar: „Was ich tanze, das bin ich“, sagt sie. „Dieses Stück hat sich zu einer der stärksten Erfahrungen für mich entwickelt, als Tänzerin und als Person.“ Begeistert ist sie von „der Herausforderung der minimalen Bewegungen, Alltagsbewegungen, die in Schleifen wiederholt werden“, und davon, „die Interpretation komplexer Strukturen gemeinsam mit anderen zu tanzen. Ja, vor allem ist es das Vergnügen zu tanzen. Gemeinsam die Musik zu hören, zu atmen, die Energie der anderen zu spüren. Das ist wunderschön, da fühle ich mich wohl.“

Samantha van Wissen, 1970 in den Niederlanden geboren, hat an der Hochschule für Musik und Theater in Rotterdam studiert. Danach ging sie nach Brüssel und wurde 1992 in die junge Compagnie Rosas aufgenommen, durfte sofort im neuen Stück, „Ertz“, mittanzen, mit „Rosas danst Rosas“ auf Tournee gehen: „Damals, als das Stück frisch war, war das so neu und so extrem, dass das Publikum und auch die Kritiker einige Zeit benötigten, um zu begreifen, was Anna Teresa da geschaffen hatte. Es gab nicht gleich ein Wow!“ Das Neue am Tanz De Keersmaekers damals, Anfang der 1980er-Jahre, war das Gegenteil von Ballett. Sie wollte nicht in die Höhe streben, schweben, sondern sich auf die Schwerkraft verlassen, auf dem Boden, fast in den Boden hinein tanzen. So tragen die vier Tänzerinnen im letzten Akt von „Rosas danst Rosas“, wenn sie über die Bühne jagen, feste Schuhe mit dicker Sohle. Damit tanzen sie nicht senkrecht in die Höhe, sondern eher waagrecht, als würden sie von einem Luftpolster getragen, der immer wieder von der Gravitation aufgesogen wird.

Schöpferin und Interpretin. Zuletzt war van Wissen in Wien in De Keersmaekers Choreografie „Verklärte Nacht“ zu sehen. Musik: Arnold Schönberg. Hauptperson: eine Frau, schwanger von dem einen, verlobt mit einem anderen. „Ich kann diese Frau verstehen, aber ich muss meine Gefühle herunterschrauben, darf nicht zu emotional tanzen, sondern muss mich an die Musik und die Choreografie halten.“ Das sei anders, als wenn De Keersmaeker Oper inszeniert (zuletzt „Così fan tutte“ in Paris), „da bin ich als Tänzerin viel freier, darf auch Vorschläge machen. Aber in einer reinen Choreografie ist Anne Teresa die Schöpferin, ich bin die Interpretin. Ich kann aber gut akzeptieren, dass ich nur eine Ausführende bin“, sagt Samantha van Wissen. Hat sie denn Lust, selbst zu choreografieren? Die Antwort ist ein fast erstauntes Lachen: „Es gibt so ein Kribbeln. Aber ich bin gern Tänzerin, Interpretin. Ich kreiere im Moment.“

Tipp

„Rosas danst ­Rosas“. ImPulsTanz-Special im Odeon, 17. bis 27. 10., www.impulstanz.com

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