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Susanne Wuest: Der große Wurf

06.12.2017 | 08:58 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Aus Ötzis Lebenszeit ins Hier und Jetzt: ein Gespräch mit Susanne Wuest über primitives Machtgehabe, den Social-Media-Hype und ihren Zugang zur Schauspielerei.

Bild: (c) Yannick Schuette 

Mit einer besonders dreidimensionalen Psychologie ist die Figur, die Susanne Wuest in „Der Mann aus dem Eis“ – der Verfilmung der letzten Tage jenes Mannes, der als Gletschermumie Ötzi weltbekannt wurde – spielt, nicht ausgestattet. Das ist aber vielleicht eine ganz willkommene Abwechslung, denn schwierige Rollen hat Wuest in der Vergangenheit zuhauf gegeben. Nicht einfach war auch der Weg, den die in Berlin lebende Österreicherin gehen musste, um ihren Traum, Schauspielerin zu werden, wahr zu machen. Mit dem „Schaufenster“ unterhält sie sich über das Drehen in bekannten unbekannten Sprachen, ihre zielstrebig verfolgte Karriere, das Ausräumen von Hindernissen und darüber, wieso eine halbe Million Instagram-Follower nicht automatisch die Kinokassen klingeln lassen.

Wie waren die Dreharbeiten zu „Der Mann aus dem Eis“ – haben Sie sich erfolgreich in die Jungsteinzeit zurückversetzt? 
Die Landschaft, in der wir gedreht haben, war wirklich beeindruckend. So eine Szenerie beeinflusst immer, darum war ich mir auch sicher, dass etwas ganz Besonderes entstehen wird. Man braucht nicht viel Durchlässigkeit, um diese Umgebung so wirken zu lassen, dass sie einen inspiriert.


War das Spielen in einer auf dem Rätischen basierenden Kunstsprache schwierig?
Gar nicht. Ich habe davor einen Film mit einem Schweizer Kollegen gedreht, in dessen Heimattal man noch ein sehr archaisches Rätisch spricht. Das heißt, ich habe mich nicht nur an den Vorgaben des beratenden Sprachwissenschaftlers orientiert, sondern oft meinen Kollegen angerufen und um Rat gefragt.

Frau aus dem Eis: Susanne Wuest

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Hatten Sie zuvor schon einmal in einer Sprache gedreht, die Sie nicht beherrschen? 
Ja, auf Französisch. Ich hatte zwar in der Schule Französisch gelernt, aber das war eigentlich vernachlässigbar. Als eine Anfrage für den Film „La Lisière“ kam, habe ich vorab zwar klargemacht, dass ich nicht gut Französisch spreche, nicht im Sinne einer gelebten Sprache. Dann stand ich trotzdem beim Casting und dachte mir, oh nein, das ist die Hölle, es war ein Fehler, das überhaupt zu versuchen. Zu meiner großen Überraschung kam dann doch die Zusage, dass man sich für mich entschieden hatte. Es ist dann eine wunderschöne Arbeit geworden.

 
Sie leben in Berlin. Was hat den Weggang aus Österreich motiviert?
Nach „Antares“ von Götz Spielmann, das war 2004 meine erste Hauptrolle in einem Kinofilm, war ich zunächst darauf konzen­triert, wirklich zu arbeiten beginnen zu können. Diese erste große Filmrolle hat sich für mich wie eine Reifeprüfung angefühlt. Und doch ist danach zwei Jahre lang keine Anfrage gekommen, nicht eine einzige Einladung zu einem Casting. Und da habe ich notgedrungen verstanden, dass man sich nicht von einem einzigen Umfeld abhängig machen darf, weshalb ich begonnen habe, zu reisen und mich vielschichtiger zu orientieren. Wenn ich damals in Österreich geblieben wäre, ich wäre vermutlich verhungert. 


Das Schauspiel ist Ihre große Leidenschaft, die Sie auf eigene Faust, auch gegen den Willen Ihrer Familie, verfolgt haben?
Ich bin tatsächlich in einem Umfeld aufgewachsen, in dem so etwas wie die Schauspielerei überhaupt kein Thema war. Obwohl ich schon als Kind begonnen habe, zu spüren, dass so etwas in mir steckt, ohne dass ich es damals so hätte benennen können. Ich habe schon früh mit meiner jüngeren Schwester Szenen aus Büchern nachgespielt. Eines Tages, da war ich vielleicht fünf, sechs Jahre alt, war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal im Theater, und da habe ich mit einem Mal verstanden, dass das, was ich im Kinderzimmer mache, draußen in der Welt als Beruf existiert. Es war eine unheimliche Erleichterung für mich, quasi zum ersten Mal zu erkennen, wie der eigene Schwarm Fische aussieht. 


Sie sind dann schon als Jugendliche von zu Hause ausgezogen. War das notwendig, um Ihren Traum zu verwirklichen?
Es gab ein Schlüsselerlebnis nach einem positiven Vorsprechen für eine Rolle in einem Fernsehfilm, die ich bekommen hätte. Die Regisseurin hat sogar zweimal bei uns zu Hause angerufen, um meine Eltern zu überreden, doch vergeblich. Das war der Moment, als ich mir geschworen habe, bei der ersten Möglichkeit wegzugehen. Als ich 15 war, war es dann so weit. Ich habe das Gymnasium dann fertiggemacht, habe mir die Schulzeit aber selbst finanziert mit Jobs, zuerst in einem Schnellimbiss, später an Theatern.


War der Besuch einer Schauspielschule danach eine Option?
Nein, ohne finanzielle Unterstützung konnte ich mir das nicht leisten. Eine Schauspielschule ist ein Fulltime-Job, daneben hätte ich nicht arbeiten können. Die einzige Alternative, die ich gesehen habe, war zu versuchen, gleich am Theater zu arbeiten. Das war dann das Volkstheater. Ich war zunächst in der Dramaturgie für alle möglichen Assistenzjobs. Bald darauf ließ man mich vorsprechen. Und das hat auf Anhieb geklappt.


Haben Sie als Autodidaktin den Theaterbetrieb als hermetisch, gegenüber Systemfremden abgeschlossen erlebt? 
Es stimmt natürlich, dass man als Absolvent einer der großen Schauspielschulen ein ganz anderes Entree hat. Zugleich habe ich in meiner Zeit am Theater wahnsinnig viel gelernt, mit tollen Regisseuren zusammengearbeitet, von Anfang an. Da gibt es keinen Welpenschutz, im Unterschied zu dem, was sich an einer Schauspielschule abspielt. Wenn man in den Theaterbetrieb eingebunden ist, muss man funktionieren, hat aber auch gleich einen ganz klar definierten Platz. Für mich war das genau richtig in dem Moment.


Stimmt es, dass Sie sagen, Schauspielen könne man ohnehin nicht lernen?
Ja, das ist richtig. Ich glaube nicht, dass man Schauspielen an sich lernen kann, also sich hinstellen und sagen kann, ich möchte morgen Schauspieler werden. Man kann das Handwerk lernen, unterstützende Fertigkeiten, aber das Wichtigste ist, dass man die Not hat, zu spielen. Und das muss von innen heraus kommen. Außerdem braucht man in vielen Situationen sehr viel Disziplin. Und unheimlich viel Geduld, weil sich sehr vieles nicht von heute auf morgen ergibt. 


Besieht man Ihren Lebenslauf, muss man unweigerlich annehmen, Sie seien nicht nur geduldig und diszipliniert, sondern auch sehr zielstrebig. 
Wahrscheinlich bin ich das mehr, als ich selbst annehme. Mit dem Schauspielen ist es ja eigentlich so, dass es etwas ist, das ganz meines ist, das ich also nicht zielstrebig verfolgen muss, weil es ein Teil von mir ist.


Haben Sie ein Patentrezept, an neue Rollen heranzugehen?
Nein. Das ist jedes Mal wie ein Wurf, von dem ich nicht weiß, ob er gelingt. Es gibt keine Formel. Darum habe ich unlängst auch das Angebot einer Universität, dort Workshops für angehende Schauspieler abzuhalten, abgelehnt. Ich finde die Aufgabe unheimlich spannend, aber ich möchte mir nicht anmaßen, jemand anderem vorzugeben, wie er an das Schauspielen herangehen soll. 


Fehlt Ihnen die Arbeit am Theater? 
Ja, sehr. Ich habe in den vergangenen beiden Jahren sehr viel gedreht, heuer etwas weniger, weil ich gemerkt habe, dass ich besser auf meine Energie achten muss. Aber ich hätte große Lust, wieder auf einer Theaterbühne zu stehen. Nicht unbedingt als Mitglied eines Ensembles, vielleicht in einem kleineren Stadttheater. Aber sehr gern als Gast für eine Produktion, für eine halbe Spielzeit. Wer weiß, was sich ergibt. Wenn ich in eine andere Stadt komme, wo Kollegen, die ich von einem Filmdreh kenne, am Theater sind, versuche ich zumeist, mir die Produktionen anzusehen. Und da denke ich mir sehr oft: Wieder einmal auf der Bühne zu stehen, das wäre toll. 


In Berlin hat es wegen der Übernahme der Volksbühne durch Chris Dercon zuletzt große Aufregung gegeben. Wie nehmen Sie diesen Wechsel wahr? 
Ich finde Dercon an der Volksbühne spannend. Es gehört doch zum natürlichen Wechsel im Leben eines Theaters, dass etwas Neues kommen muss. Ohnehin gibt es bei Direktionswechseln immer Ups und Downs, und es gibt genug streitbare Direktoren im deutschsprachigen Theaterbetrieb. Gerade diejenigen, die sich am meisten über Dercon aufregen, sind in meinem persönlichen Umfeld übrigens diejenigen, die sich sonst weder besonders für den Kulturbetrieb interessieren noch irgendetwas mit der Volksbühne zu tun haben. 


Man sollte also abwarten, was an Neuem entsteht?
Auf jeden Fall. Denn es muss im Kulturbetrieb Momente geben, in denen etwas komplett zerbrochen wird, damit daraus wieder etwas Wertvolles, Neues entstehen kann. Wenn dem nicht so ist, wird sich das System bei nächster Gelegenheit wahrscheinlich selbst regulieren. Dass Martin Kušej ab 2019 dem Burgtheater vorstehen wird, finde ich übrigens auch eine sehr positive Entwicklung. 


Es gehört heute zum Berufsbild von Schauspielern, dass sie sich in sozialen Medien wie Instagram adäquat präsentieren. Fällt Ihnen das leicht? 
Ich habe Instagram erst zu nutzen begonnen, als in einem Vertrag stand, dass ich es begleitend zu einem Film nutzen muss. Das war mein Einstieg, in der Folge habe ich mir damit aber nie schwergetan. Im Gegenteil, ich finde dieses Instrument sogar toll – solang man ein Gespür dafür hat, was man erzählen will und wie. Dabei traue ich mich übrigens, zu behaupten: Würde ich morgen ein Kind bekommen, würde ich es hinkriegen, dass das niemand merkt, ohne dass ich von der Bildfläche verschwinden muss.


Weil man sich mit Katzenfotos über den Rest des Lebens hinwegschwindeln kann? 
Katzenfotos sind immer eine gute Option, das stimmt. Aber, ein wenig ernster gesprochen: Wenn Instagram-Reichweite und Ähnliches zu Faktoren in Castings werden, dann ist das meiner Meinung nach geisteskrank. Und ich hoffe auch, dass all das zu einer Blase gehört, die platzen wird. Denn es stimmt in Wirklichkeit ja nicht, was für ein Eindruck da vermittelt wird, und zwar weder im Kulturbetrieb noch zum Beispiel in der Mode. Denn wenn jemand eine Million Follower hat, und 90 Prozent davon sind 13-jährige Mädchen, dann glaube ich kaum, dass diese Teenager sich tatsächlich die Luxusprodukte kaufen können, die da beworben werden. 


Und 500.000 Follower einer Schauspielerin bedeuten nicht automatisch eine halbe Million Kinobesucher? 
Sicherlich nicht. Und machen wir uns auch nichts vor: Wenn der Film nicht gut ist, dann helfen alle Instagram-Follower nicht, um ihn zu einem Erfolg zu machen. An der Qualität des eigentlichen Produkts führt kein Weg vorbei. Und umgekehrt wird jeder gute Film seine Zuseher finden, ungeachtet dessen, wie groß die Insta­gram-Fangemeinde aller versammelten Darsteller ist.


Ausgelöst durch die Enthüllungen um Harvey Weinstein wurden zuletzt ähnliche Anschuldigungen von vielen Schauspielerinnen erhoben, sodass der Eindruck entstehen könnte, in der Filmbranche hätten Frauen besonders mit Machtmissbrauch und Übergriffen zu kämpfen. Können Sie das aus Ihrer eigenen Karriere nachvollziehen? 
Es geht ja nicht nur um die Filmbranche. Zuletzt wurden im österreichischen Skisport ähnliche Anschuldigungen verlautbart, und wenn ich parallel dazu wahllos auf Artikel stoße, denen zufolge in sämtlichen Branchen solche Vorwürfe laut werden, dann entsteht daraus ein Bild, von dem ich nur hoffen kann, dass es unserer Gesellschaft nicht gerecht wird. Ich wünsche mir, dass diese Entwicklungen die Menschen dazu anhalten, sich verstärkt die Tragweite ihrer Handlungen zu überlegen. Es kann jedenfalls nicht daran scheitern, dass man nicht in der Lage ist, einzuschätzen, was der andere will und was nicht. Das Problem ist ja auch nicht auf das berufliche Umfeld beschränkt. Ich habe mehrfach erlebt, dass ein Mann in der U-Bahn neben mir zu masturbieren begonnen hat.  Diese Art von – gelinde gesagt — unangebrachtem Dominanzverhalten ist, das möchte ich betonen, keine rein männliche Pro­­blematik. Das habe ich auch schon von Frauen erlebt.


Auf einer anderen Ebene geht es um Kräftemessen und Arten, Kräfteverhältnisse zu bestimmen? 
In der Hinsicht sind wir vielleicht von Ötzi und der Gesellschaft, in der er gelebt hat, gar nicht so weit weggerückt, wie wir glauben. Unter der polierten Oberfläche unserer Zeit sind die Vorgänge wohl  ähnlich wie damals, und wir sehen uns wahrscheinlich als viel höher entwickelt an, als wir eigentlich sind. Die Triebfedern des Handels sind in mancher Hinsicht sehr primitiv geblieben.

Tipp

„Der Mann aus dem Eis“. Susanne Wuest spielt an der Seite von Jürgen Vogel im Drama rund um das Schicksal des späteren Ötzi, jetzt im Kino.

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