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„Marilyn Forever“: Monroes andere Seite

13.04.2018 | 14:33 |  Barbara Petsch und Daniela Tomasovsky (Die Presse - Schaufenster)

Marilyn Monroe war nicht nur Sexsymbol. Eine neue Oper zeigt eine erfolgreiche Frau, die schließlich an ihrer Kindheit scheiterte.

Opernstoff. Die Sopranistin Rebecca Nelsen als Marilyn. / Bild: (c) Volksoper/Johannes Ifkovits 

Marilyn Monroe, zu ihren Lebzeiten eine der typischen frühen Hollywood-Diven mit Glamour und Drama, wurde mit ihrer blonden Welle und ihrem strahlenden Zahnpasta-Lächeln – das oft nicht zu ihrer Stimmung passte – zu einem Symbol der Pop Art. Das mag skurril wirken, denn tatsächlich wollte Norma Jean Baker, 1926 am richtigen Ort, in Los Angeles, geboren, wo gerade die Filmbranche aufblühte, eine ernste Schauspielerin werden. In die Geschichte eingegangen ist sie allerdings eher als Sexsymbol und als tragische Figur, die von ihrem Ruhm überrollt wurde.

Andy Warhol widmete ihr eines seiner berühmten Siebdruck-Motive, mit der die Industrialisierung der Kunst in der „Factory“ der Vervielfältigung illustriert werden sollte – an der Warhol selber mit Millionengewinnen beteiligt war. „Marilyn Monroe, dein Tod kam wie ein weißer Zeppelin... der Atem Gottes trocknet dir den Nagellack“, sang in seiner Frühzeit André Heller, der sich auch Jean Harlow widmete: „Guten Morgen, Jean Harlow, wie war die Nacht?“ Blondes Gift nannte man solche Damen früher, da schwang auch eine gehörige Portion Neid mit.

Das Gute, das Böse. Elke Krystufek, die in ihrer Arbeit weibliche Stereotypen aus emanzipatorischer Perspektive beleuchtet, gab in ihren Monroe-Bildern Marilyns Strahlen einen Tick ins Groteske und Versehrte, als hätte die Frau einen Schlag aufs Auge bekommen, aber weiterhin lächelt sie tapfer, wie es von ihr erwartet wird. Es gibt kein Genre, in dem der Monroe-Mythos nicht verarbeitet wurde. Schock-Rocker Marilyn Manson kombinierte die Monroe mit Charles Manson, Anführer einer Hippie-Kommune, der den Mord an der Schauspielerin und Sixties-Stilikone Sharon Tate veranlasst hatte und 2017 nach einer lebenslangen Haftstrafe starb. Marilyn Manson, 1969 als Brian Hugh Warner in Ohio geboren, wollte mit seinem Künstlernamen das Gute und das Böse der amerikanischen Kultur verbinden – und zwei Begriffe, die ihn (und seine Generation) von Kindheit an prägten.

Es gibt unzählige, prachtvoll aufgemachte Fotobände mit der Monroe, am berühmtesten sind die Aufnahmen Bert Sterns kurz vor dem Tod des Stars 1962 („the last sitting“). Und es gibt unzählige Lebensbeschreibungen. Immer noch gut lesbar, wenn auch aus einer gewissen Macho-Perspektive geschrieben, ist die Biografie von Norman Mailer aus dem Jahr 1973, nah an der Figur, nah am Phänomen. Kritisiert wurde allerdings Mailers Behauptung, Monroe sei wegen ihrer Liebschaft mit Präsident John F. Kennedy von Agenten der Regierung ermordet worden. Mailer hat das damit erklärt, dass diese These den Verkauf seines Buches angekurbelt hat. Den stärksten Eindruck von Monroes wahrer Mentalität gewinnt man durch ihre eigenen Aufzeichnungen, die ebenfalls als Buch erschienen sind, und sie als warmherzige, schwankende Persönlichkeit zeigen, die ihre teils schwierige Lage klar durchschaut. Das Musical „Bombshell“ indes widmet sich Monroes Lieben und Affären.

Ein bezaubernder Film über den Star war „My Week with Marilyn“ von Simon Curtis (2011) mit Michelle Williams in der Hauptrolle; diese konnte die Ambivalenzen der Persönlichkeit zwischen Exzentrik, Schlagfertigkeit, Launen und echter Verzweiflung plastisch deutlich machen, ohne im Melodram zu versinken.

Diskrepanz zwischen Innen und Außen. Eine moderne Oper, die hinter die Oberfläche der Ikone blickt, ist in der Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen: „Marilyn Forever“ des englischen Komponisten Gavin Bryars feiert am 14. April Premiere. „Für mich als Amerikanerin ist es eine große Ehre, da mitmachen zu dürfen,“ sagt die Sopranistin Rebecca Nelsen, die in die Rolle der Marilyn schlüpft. Sie hat bei der Erarbeitung des Stücks eine sehr facettenreiche Frau kennengelernt – die sie umso mehr schätzt, je länger sie sich mit ihr beschäftigt. „Marilyn Monroe ist eine sehr komplexe Persönlichkeit.

Sie hatte eine tragische Kindheit, hatte keine Familie, kein Vermögen, nur ihr schönes Gesicht und ihr schauspielerisches Talent. Sie hat sehr hart gearbeitet für ihren Erfolg und immer wieder große Risiken auf sich genommen“, erzählt Nelsen. Etwa indem sie eine eigene Produktionsfirma (Marilyn Monroe Productions) gegründet hat – bis dahin hatte das keine Frau gewagt. „Was sie in einer patriarchalen Gesellschaft geschafft hat, ist unglaublich. Sie war ihrer Zeit weit voraus.“ Marilyn hat gelitten, gekämpft, ihre eigene Meinung vertreten. Und das nach einer Kindheit, die „aus einem normalen Menschen ein Monster machen würde“, so Nelsen. „Stattdessen hat sie sich die Liebe am Leben und die Freude am Lieben erhalten.“

Für Regisseur Christoph Zauner war es spannend, das Innenleben der Künstlerin auf die Bühne zu bringen: ihre Verzweiflung, ihre Ängste, aber auch ihren Ehrgeiz. Die Monroe wurde instrumentalisiert, habe sich aber auch instrumentalisieren lassen. „Natürlich hat sie die Männer benützt“, sagt Zauner. Von „Me-too“-Debatten (die Zauner sehr befürwortet), war man damals noch weit entfernt. „Es gibt eine Szene im Stück, die erinnert eins zu eins an die Harvey-Weinstein-Geschichte. Das ist die Szene, wo Marilyn Monroe Mister Big trifft und gezwungen wird, sich zu verkaufen.“

Vielschichtig ist auch die Musik von Gavin Bryars. „Es ist eine moderne Oper, aber sehr melodisch. Sie hat eine sehr lyrische Eigensprache. Es gibt jazzige Elemente, aber auch Kunstlied-artige Teile, gerade wenn es um Gefühle geht“, verrät Nelsen. Auch der Tod am Schluss sei „nicht als Selbstmord komponiert“, erklärt Zauner. „Eher so als struggle, also als Vergewaltigungsszene. Es war die männliche Öffentlichkeit, die Marilyn umgebracht hat. Man hat sich ergötzt an ihrem Leiden.“ Das Leiden bestand darin, dass Marilyn Monroe nie die Person sein konnte, die sie sein wollte: eine ernstzunehmende Charakter-Darstellerin. „Sie hatte Riesenerfolg, aber nie das Gefühl, dass sie das tut, was sie tun will“, sagt der Regisseur.

Tipp

„Marilyn Forever“ Oper von Gavin Bryars, Europäische Erstaufführung am 14. April in der Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz.

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