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Bildband: Als Hollywood den Glamour erfand

21.02.2013 | 16:36 |  von Barbara Petsch (Die Presse - Schaufenster)

Nicht nur am „Red Carpet“ ist stilsicheres Auftreten von Filmstars gefragt: Ein neuer Bildband beleuchtet die Inszenierung jenseits der Leinwand.

Guten Morgen, Jean Harlow, wie war die Nacht? Hat man zwischen Orchideen geweint oder gelacht? War der Himmel über Hollywood schwarz oder rot?“ So sang einst André Heller. Der Himmel über Hollywood - und auch alles andere – ist in einem neuen Buch über die Stars der US-Film-Metropole nicht rot, sondern fast durchgehend schwarz-weiß. Rita Hayworth paddelt im Schwimmreifen, Marilyn Monroe schmust mit einem Stoff-Tiger, Boris Karloff legt beim Kaffee die Füße hoch – und Jean Harlow? Das Urbild der Hollywood-Blondine ist besonders häufig vertreten. In ihrem berühmten weißen Kleid knabbert Harlow lächelnd an einem Toast - am Set zu „Reckless“ mit Regisseur Victor Fleming 1934. Sie präsentiert sich mit Golf-Set, beim Pferderennen oder sie verewigt sich  auf dem Walk of Fame. 

„Hollywood Unseen“ heißt das beim Prestel-Verlag erschienene Buch. Der Titel ist, streng genommen, Unsinn, denn es geht ums genaue Gegenteil: Ums Gesehen werden, und zwar in der richtigen Pose. Spontan ist da selten etwas, nicht einmal Stan Laurel und Oliver Hardy im Bademantel. Die öffentliche Inszenierung war Teil der Arbeit der Stars, das Regime der Studios mit klingenden Namen wie Paramount oder Warner Brothers rigide. Schauspieler und Schauspielerinnen mussten sich einverstanden erklären, „die gesamte Vertragslaufzeit ausschließlich und allein für die Produzenten und auf deren Anweisungen hin für Rollen und Fotoaufnahmen zur Verfügung zu stehen.“ Mitbestimmung gab es nicht, Krankheit wurde in den Verträgen erst gar nicht erwähnt. Wer krank wurde oder ausfiel, musste am Ende der Vertragszeit Extratage ohne Bezahlung anhängen. Fans und Fan-Magazine wollten mit Hunderttausenden Autogramm-Fotos bedient werden. Die Götter der Leinwand sollten auch wie solche aussehen – bis in die 1960iger Jahre als die frechen Paparazzi auftauchten, die perfekten Bilder zerstörten und die Idole aus ihrem Olymp herunter holten. „Hollywood Unseen“ zelebriert Glamour, ein Wort, das ursprünglich Zauberspruch, Verhexung bedeutete. Ein paar Highlights: Buster Keaton hängt mit der für ihn typischen unbewegten Miene am Ast eines Baumes, an seine Beine klammern sich seine Söhne James und Robert (1928); Vivien Leigh raucht mit strahlendem Lächeln eine Zigarette bei den Dreharbeiten zu „Vom Winde verweht“.

Naturburschen, Nixen, Amazonen. Das Chaos bei der Entstehung dieses Klassikers, in dem die bis dahin in den USA gänzlich unbekannte Britin Leigh die spektakuläre weibliche Hauptrolle spielte, ist natürlich unsichtbar – wurde aber in einer köstlichen Komödie verarbeitet, die ihm Volkstheater zu sehen war. Clark Gable wiederum, der unvergessliche Held in „Vom Winde verweht“, marschiert 1931 mit Pfeife und Gewehr durchs Gestrüpp. Auf einem Foto daneben sieht man Ingrid Bergman mit Pfeil und Bogen. Die Absichten der Studios waren ähnlich wie heute, Stars hatten naturverbunden, sportlich und fit zu wirken. Der Unterschied zu heute: Zigaretten waren dabei kein Hindernis. Fotos ohne „Tschick“ sind recht rar. Cary Grant und Randolph Scott zeigen beim Ballspielen ihre „Muckis“, Henry Fonda und James Stewart spielen Pingpong, Burt Lancaster und Paul Newman schwingen das Tennis-Racket. Tiere als Begleitung waren sehr beliebt: Humphrey Bogart wird von einer Dogge überragt, Ginger Rogers liegt mit nassem Münsterländer auf einem Handtuch, Lauren Bacall herzt einen Spaniel. Der berühmte Löwe, der MGM ab 1928 als Logo diente, wurde offenbar live aufgenommen. Das Tier schaut jedenfalls sehr echt aus. Kinder sind als Begleitung bei Stars immer schon beliebt gewesen: Barbara Stanwyck adoptierte einen Jungen, auf dem Foto blickt sie ihn liebevoll an. Bei einer betrunkenen Schlägerei warf Stanwycks erster Mann das Kind in den Pool. Schon in Hollywoods Glanzzeit passten Schein und Sein oft nicht zusammen.

Manche punkten auf den Fotos mit akrobatischen Kunststücken. Der frühere US-Präsident und Schauspieler Ronald Reagan wagt einen kühnen Kopfsprung in einen Swimming Pool, Elizabeth Taylor hängt kopfüber, gehalten von Montgomery Clift. Und sie turnt am Set zum Kultfilm „Giganten“ mit James Dean, ungewohnter Weise mit Brille und frei von jener einmaligen Aura des einsamen Helden, die ihn berühmt machte. Fred Astaire wirft für Bing Crosby geschmeidig seine „Long Legs“, sodass er fast abzuheben scheint. Ironie scheint in dieser Zeit eher selten gewesen zu sein, man bevorzugte geradlinigen Frohsinn. Eine kleine Ausnahme sind die Marx- Brothers, die vor den Studio-Toren mit Kisten zusammengebrochen sind, auf denen zu lesen ist: Gags für die Garderobe von Blondinen. Joan Collins, den meisten bekannt als Biest aus der TV-Serie „Der Denver Clan“, hat zu dem Buch ein launiges Vorwort geschrieben. Die 1933 in London geborene Schauspielerin wirkte ab den 1950iger Jahren in 50 Hollywood-Filmen mit. In ihrem kurzen, amüsanten Text erinnert Collins, die u. a. bei 20th Century Fox, Warner und MGM unter Vertrag war, an eine Zeit, als noch nicht Heere von Statisten am Erscheinungsbild der Stars arbeiteten, sondern man sich mit seinen besten Kleidern selbst herrichten durfte, an die notorische Prüderie der Studios, die tiefe Ausschnitte, gar Bikinis obszön fanden. Während Frankreichs Brigitte Bardot halbnackt posierte, rief ein barer Nabel in Amerika die Zensur auf den Plan.

Dämonische Garbo, burschikose Dietrich. Nicht selten gab es kühne Optikschwenks, wenn das Image der Schauspieler oder Schauspielerinnen wechselte: Greta Garbo, zunächst als Rennläuferin oder mit Badehaube im Pool abgelichtet, um Amerika den neuesten flotten Import aus Europa zu präsentieren, wurde kurz darauf als dämonische Indoor-Schönheit berühmt. So kann man sich täuschen – und getäuscht werden. Als burschikoser Vamp etablierte sich statt dessen Marlene Dietrich. „Die Göttliche“ wurde die Garbo auch genannt - solche Beinamen verweisen auf die Wurzel des Hollywood-Starkults im Bühnenschauspiel:  Göttlich nannte man auch schon Eleonora Duse (1858-1924) oder Sarah Bernhardt (1844-1923).

(c) beigestellt Bildband Hollywood Glamour erfand
Hollywood Unseen.  Filmstars hinter den Kulissen, Herausgeber: Robert Dance, Vorwort: Joan Collins, 240 S, 200 Abbildungen., Prestel/ACC, 41,10 Euro  www.randomhouse.de/prestel

 

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