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Tina Leisch: „Alles easy – das stimmt nicht“

13.06.2017 | 18:09 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Regisseurin Tina Leisch agiert gern ungewöhnlich nah an realen Ereignissen – wie mit ihrem Traiskirchen-Musical, das soeben Premiere hatte.

Regisseurin Tina Leisch macht seit den Neunzigern in Wien politisches Theater. / Bild: (c) Michele Pauty  

Traiskirchen – als Musical? Das, was vergangene Woche im Rahmen der Wiener Festwochen Premiere hatte, klingt zunächst nach einer recht skurrilen Idee. Doch Tina Leisch kann sie erklären. Es sei ein Musical geworden, „weil wir diese Klischees vermeiden wollten, mit denen immer über Flucht gesprochen wird“, sagt die Regisseurin. Sie habe weg wollen von „diesen Erzählkonventionen, mit denen man über Flucht redet“, wo, streng kodifiziert, wahlweise über „diese armen Flüchtlinge“ gesprochen werde oder über Horden, die uns überrennen. Daher gibt es diesmal „Tanz, Gesang und blöde Witze“.

Es ist das jüngste Beispiel dafür, wie sehr Leisch bereit ist, in ihrer Arbeit nah an reales Geschehen zu gehen. Sie selbst, erzählt die gebürtige Deutsche, sei „schon immer“, seit sie mit zwölf eine Rosa-Luxemburg-Biografie für Kinder bekam, politisch gewesen. Schon davor habe sie Brecht-Gedichte gemocht. „Es ist auch für Kinder nicht zu übersehen, dass die Welt nicht so bleiben kann, wie sie ist.“ Mit 14 war sie zum ersten Mal im Schloss von Hermann Nitsch, weil der Vater eines Freundes in einer Galerie arbeitete. Mit 17 nahm sie ihr Fahrrad und radelte nach Wien, die Stadt, die ihr schon aus der Lektüre von Bachmann oder Musil so vertraut war.

„Das, was man sonst nicht darf“

Mit 24 ging sie nach El Salvador, in den Bürgerkrieg, lernte dort Theater als politisches Instrument kennen und schätzen. Zurück in Wien setzte sie es ein: 1994 gründete sie mit anderen linken Aktivisten das Volxtheater Favoriten. Bei der „Durchschwimmung des Donaukanals“ schwammen „Flüchtlinge“ aus dem 2. Bezirk durch das Wasser, um in der Inneren Stadt Asyl zu finden. „Sterben am Ring“ ließ eine imaginäre Bombe in der Menschenmenge explodieren, während 1996 die Draken am Nationalfeiertag über den Ring flogen. Sie hat in Schulen, im Gefängnis und in der Psychiatrie Theater gemacht, um an sozialen Brennpunkten Themen zu verhandeln.

Als im Juni 2015 die ersten Meldungen über die schlechte Versorgungslage in Traiskirchen kamen, fuhr sie hin, organisierte mit anderen Künstlern eine Marathon-Mahnwache vor der Staatsoper. Der entstandene Name „Die Schweigende Mehrheit“ beziehe sich dabei auf die These, dass es eine schweigende Mehrheit an Menschen gebe, „die helfen, wenn sie Menschen in Not sehen, ganz unabhängig von ihrer politischen Einstellung“. Und Theater sei ein gutes Mittel, um gesellschaftliche Konflikte auf die Bühne zu bringen, sie dort auch mit Wut und Sarkasmus auf die Spitze zu treiben – „das, was man im politischen Diskurs nicht darf.“

Die Idee hinter dem Musical sei gewesen, die Situation in Traiskirchen als einen Moment herzunehmen, an dem sich Fragestellungen kristallisieren, „die weit über die Fluchtfrage hinaus gehen, nämlich: Mit welchem Raster nehme ich die Welt wahr und warum? Wie ordne ich ein Ereignis in mein Weltbild ein? Und was kann das ins Schwanken bringen?“ Das Problem sei ja, dass Menschen ab einem gewissen Alter dazu tendieren, „nicht mehr zuzulassen, dass sie neue Erfahrungen machen, die eine vorgefasste Meinung in Unordnung bringen.“

Anders als bei „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ hat sie diesmal bewusst auf Flüchtlinge als Laiendarsteller verzichtet. Vielmehr wurden „Künstler aus der ganzen Welt gecastet, die selbst zu zwei Dritteln Fluchterfahrung haben“, alle hätten Traiskirchen irgendwann als Station erlebt. Viel Material hat sie schon 2015 gesammelt, als sie mit künstlerischen Aktivisten vor Ort war, dazu kommen erlebte Geschichten des Ensembles und Berichte von Leuten, die im Lager gearbeitet haben und die von Überforderung, mangelnder Ausbildung und Übersetzungsproblemen erzählt hätten. Leisch hat freilich ihre eigenen Erfahrungen zum Thema, war mit einem Flüchtling verheiratet, hat eine Pflegetochter mit Fluchterfahrung und seit den Neunzigern mit Traiskirchen zu tun, „ich kenne den Ort ganz gut“. Am Ende marschieren im Musical nun Linke und Rechte, Christen und Muslime mit ihren jeweiligen geistigen Brillen vor dem Lagertor auf.

Wichtig, glaubt Leisch, sei vor allem eines: „Zu sagen, ja, es gibt interkulturelle Konflikte, wenn Menschen aus muslimischen Ländern kommen.“ Viele Menschen seien vor anderen Hintergründen aufgewachsen, mit anderen Normen, Regeln, Wertebildern, „und die sind spannend zu verhandeln. Zu sagen, alles easy, wir sind alle Menschen – das stimmt nicht.“

Zur Person

Tina Leisch wurde 1964 in München geboren und bezeichnt sich als als „Film-, Text- und Theaterarbeiterin“. „Traiskirchen. Das Musical“ hatte am vergangenen Freitag im Rahmen der Wiener Festwochen Premiere. 33 Schauspieler und sieben Musiker entwerfen dabei Szenen vor dem Traiskirchner Lagertor. Termine: 15. und 17. Juni, Volkstheater Wien; 21. Juni Stadttheater Wiener Neustadt; 2. Juli Festspiele Stockerau; 27. September Stadttheater Wels.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2017)

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