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Dienst am Fuß des Himalaja

11.10.2017 | 15:26 |  von René Jo. Laglstorfer (Die Presse)

Der 23-jährige Simon Rella leistete statt Bundesheer oder Zivildienst einen Auslandsdienst in Nordindien ab und lernte dabei viel über sich selbst.

Simon Rella auf dem Nachhauseweg von der Einsatzstelle Nishtha zu seinem einfachen Lehm- zimmer bei einer indischen Bauernfamilie. / Bild: (C) Rejola-press.com 

Die Berge des Himalaja erinnern mich an winterliche Kirchgänge: Kalte, starre Wände; man hört nur noch das Flussrauschen und hat das Gefühl, als dürfe man nur noch flüstern. Das hat etwas Sakrales“, sagt Simon Rella. Immer dann, wenn sein Gastbruder Arvind Nachtdienst hat, muss der österreichische Auslandsdiener im nordindischen Provinzdorf Rakkar allein zu Abend essen. Arvinds Ehefrau Anu und seine Mutter Kaanta Devi sitzen an der offenen Feuerstelle auf dem Boden ihrer Lehmküche neben Simon und warten schweigend, bis der Auslandsdiener vom Linseneintopf Dal und den frisch gebackenen Naanbroten gegessen hat. „Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass zunächst die Männer essen und dann die Frauen“, sagt der Niederösterreicher – so will es am Fuß des Himalaja die uralte Tradition, die am Land nach wie vor gelebt wird. Einmal fragte Simon die Frauen auf Hindi, ob sie denn wüssten, woher dieser archaische Brauch kommt? – „Nein, weißt du es denn?“, bekam der 23-Jährige zu hören.

Schon während der Schulzeit sah sich Simon nach Alternativen zur Wehrpflicht um und stieß auf den Auslandsdienst. „Das Bundesheer war einfach keine Option für mich. Ich habe mir angeschaut, wo ich als Auslandsdiener überall hingehen kann und war sofort Feuer und Flamme.“ Seit der Gründung des Auslandsdienstes vor genau 25 Jahren haben mehr als 2200 junge Österreicher statt Bundesheer oder Zivildienst einen Ersatzdienst außerhalb von Österreich geleistet. Dennoch fristet der Auslandsdienst eher ein Schattendasein und ist in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Dabei ist das Angebot groß: Mehr als ein Dutzend Entsendeorganisationen bieten weit über 100 Einsatzstellen auf allen fünf Kontinenten zur Auswahl an.

Gedenk-, Sozial-, Friedensdiener

Simon hat sich für den Verein Österreichischer Auslandsdienst entschieden, der als einzige Trägerorganisation sowohl Gedenk-, Sozial- als auch Friedensdiener entsendet. „Mich hat das Abenteuer gereizt. Gedenkdienst in einem westlichen Land finde ich nicht so spannend wie Sozialdienst in einem Schwellenland wie Indien“, sagt Simon. Außerdem habe ihn der dörfliche Charme seiner Einsatzstelle „Nishtha“ angezogen.

Gegründet wurde das „Rurale Gesundheits-, Bildungs- und Umweltzentrum Nishtha“ 1998 von der österreichischen Ärztin Barbara Nath-Wiser. Die 68-jährige Linzerin lebt seit rund 40 Jahren in Indien und bemüht sich mit ihrer Organisation, die Lebensbedingungen der Menschen im Tal zu verbessern, das nur rund 16 Kilometer vom Dalai-Lama-Exil Dharamsala entfernt liegt. In Rakkar, Heimatdorf ihres verstorbenen Mannes Krishan Nath Baba, hat sie für die überwiegend arme Landbevölkerung ein Krankenhaus, ein Gemeindezentrum, ein Umweltbüro sowie verschiedene Bildungs- und Landwirtschaftsprojekte ins Leben gerufen. Rund 5000 registrierte Patienten aus den umliegenden 20 Dörfern versorgt Nath-Wiser: „Wir beschäftigen inzwischen 22 Mitarbeiter – das ist auch eine große Verpflichtung.“

Entstanden ist die Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Auslandsdienst als Nath-Wisers Sohn Shankar sich entscheiden musste, wie er seine Wehrpflicht gestalten möchte. „Mein Sohn wollte nicht zum Bundesheer. Oft hatte er Heimweh nach seinem Geburtsort Rakkar in Indien. Schließlich haben wir es geschafft, dass Nishtha als Auslandsdienst-Einsatzstelle anerkannt wird, was gar nicht so einfach war“, sagt Nath-Wiser. Seit der Bewilligung im Jahr 2003 – damals noch durch das Innenministerium – haben 13 wehrdienstpflichtige Österreicher statt Bundesheer oder Zivildienst einen Sozialdienst bei Nishtha abgeleistet. Einer von ihnen, der Vorarlberger Simon Baur, ist selbst fast zehn Jahre nach seinem Auslandsdienst immer noch eine Legende im Tal: „Der Höhepunkt des jährlichen Kirtages im Tal ist, wenn die Männer miteinander ringen. Niemand im Dorf hatte gewusst, dass Simon Baur schon in der Schule Ringer war. Als er sah, dass sich die indischen Männer herumbalgten, bekam er wieder Lust. Aber in seiner Gewichtsklasse gab es niemanden, weil er schmächtig und dünn war. Die Männer lachten und stellten ihm einen von ihnen gegenüber, der wesentlich dicker war. Das ganze Nishtha-Team feuerte ihn mit Simon-Rufen an. Am Ende hat er den wesentlich schwereren Gegner ziemlich fertig gemacht und gewonnen“, sagt Nishtha-Gründerin Nath-Wiser und lacht. An diese Episode erinnern sich die Menschen bis heute im Dorf. Allein wegen desselben Vornamens fragten einige Talbewohner Baurs Nachfolger Simon Rella, ob auch er das Ringen beherrsche. „Er ist der mit Abstand legendärste Auslandsdiener hier“, sagt Simon.

Bauen, kochen, pflanzen

Aber auch andere blieben in Erinnerung. Jeder Sozialdiener habe in den vergangenen 15 Jahren eine andere Expertise mit nach Rakkar gebracht und eigene Projekte entwickelt. Der Wiener Gaban Büllingen baute am Sportplatz eine riesige Kletterskulptur für Kinder, die an ein Raumschiff erinnert und deshalb auch so genannt wird. Stephan Schacherl brachte ein abgeschlossenes Medizinstudium mit nach Indien – „das war für unser Krankenhaus besonders fein“, erinnert sich Nath-Wiser. Und mit Martin Scherfler kam ein studierter Soziologe und ausgebildeter Koch nach Rakkar. „Mit ihm haben wir mit den Schulausspeisungen begonnen.“ Dabei verteilt Nishtha jeden Tag Obst und proteinreiche Nahrungsmittel an 120 Schüler der Volksschule Sidhbari. Aus den Aufzeichnungen der Klinik geht hervor, dass immer noch viele Kinder im Tal an Ernährungsmängel leiden, was wiederum ihre Konzentration und ihre Abwehrkräfte schwächt.

Auch Simon hat bei Nishtha seine Rolle gefunden. Nach dem Physik-Studium in Wien wollte er in Indien neue Denkmuster kennenlernen. „Beim Gärtnern mit den ganzen Mikroorganismen, die miteinander verzahnt sind, begegne ich einem ganzheitlichen Ansatz, wie er auch Teil von asiatischen Denkweisen ist. Diese holistische Einstellung ist auch die Philosophie von Nishtha mit ihrer alternativen Medizin“, sagt Simon. Für ihn ist es eine Überraschung gewesen, in Rakkar auf so viele Dinge zu stoßen, die gut zu ihm passen. „Ich wusste vor meinem Sozialdienst nicht, dass es eine Leidenschaft von mir ist, etwas anzubauen und zu ernten – das ist ein ganz eigenes Gefühl.“ Besonders die Forschungsarbeit für den Garten mache ihm Spaß: „Es ist einfach geil, mit einem Mikroskop zu arbeiten. Das sind Dinge, die erwartet man sich in Indien nicht.“

Etwa 100 Beete mit rund 50 Pflanzenarten zählt „Simons Garten“, darunter Senf, Reis, Erdbeeren, Zwiebeln, Zitronen, Bananen und vieles mehr. „Wir arbeiten viel mit Mikrobiologie und analysieren beispielsweise, welche Bakterien es im Boden gibt und wie sie sich auf das Gewächs auswirken“, sagt Simon. Langfristiges Ziel ist es, die örtlichen Bauern unabhängig von Kunstdüngern zu machen, weil diese teuer und gesundheitsschädigend sind. Zu den schönsten Erfahrungen für Simon zählten der Besuch eines Dalai-Lama-Vortrags im nahen Dharamsala, wo es mit dem Tibetischen Umweltbüro eine weitere Auslandsdienst-Einsatzstelle gibt, sowie die Begegnung mit dem örtlichen Steinmetz. „Er hat immer traurig ausgeschaut und hat mir leid getan, weil er den ganzen Tag nur Steine klopft. Nach ein paar Wochen haben wir auf Hindi einige Worte ausgetauscht – ich habe viel von ihm gelernt. Später hat er mich zum Essen eingeladen zu seiner Familie. Diese Beziehung aufzubauen war wunderschön“, sagt Simon, der mit seinem neuen Freund auch in die Berge wanderte, um Schieferstein für Dächer abzubauen. „Früher habe ich Freundschaften aufgebaut mit Studenten und gleichgesinnten Menschen. Der Steinmetz ist sehr viel älter als ich und ein ganz einfacher Mensch. Aber irgendwie verstehen wir uns trotzdem gut.“

Müll fressende Kühe

Nach dem Auslandsdienst möchte Simon aufschreiben, was er alles erlebt hat, um das Ganze zu verarbeiten und bei Vorträgen seine Erfahrungen weiterzugeben, „vielleicht in Richtung Reisekabarett“. Manche Erlebnisse in Indien seien einfach zu absurd, um wahr zu sein – zum Beispiel die Müll fressenden Kühe, die überall herumlaufen oder die indischen Männer, die als Freundschaftszeichen Händchen halten. „Oder man schüttelt einem Inder die Hand und wird für fünf Minuten nicht mehr losgelassen und natürlich das ständige Fotografiertwerden, als sei man ein westlicher Filmstar“, schmunzelt Simon, den es ein bisschen ärgert, dass freilaufende Kühe dem indischen Straßenverkehr immer noch geschickter ausweichen als er selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2017)

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