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Feigheit vor der Farbe

02.03.2017 | 10:51 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Wer unsicher ist, lässt sich diktieren. Auch Farbtrends, die andere für uns abmischen.

Farbbild. „Denim Drift“ wurde zur Trend-Raumfarbe erkoren. / Bild: (c) Beigestellt 

Farbe ist überall. „Unsere Welt ist eine farbige“, sagt Friederike Tebbe, Farbexpertin aus Berlin. „Farbe ist ein primäres Unterscheidungsmerkmal, wir sehen Farbe zuerst und unmittelbarer als Form“. Noch dazu ist Farbe ein emotional aufgeladenes Mittel der Orientierung und Inszenierung, das „unser Empfinden entlang kollektiver Erfahrungen und Sehgewohnheiten beeinflusst“. Doch Farbe ist auch unsichtbar, bis sie jemand sichtbar macht. Dafür braucht es die Gestalter. Und die Farbtöne, die auch die internationale Lifestyle-Marketing-Maschinerie für uns abmischt.
Dann schlagen sich Farbtöne nieder, wie Wasserdampf am kühlen Glas. Sie schwirren durch die Welt, als Stimmungen, leise Ahnungen eines Zeitgeists, Lifestyles oder Lebensgefühls, warten darauf, antizipiert zu werden. Damit sie endlich kondensieren können in den Textilien der Kleidung, aber auch in den Stoffen, die die Möbel überziehen, oder auf den vertikalen Oberflächen der Architektur. Die gehäufte Wahrnehmung eines Farbtons, das wäre dann der Trend.

(c) Beigestellt Wandfarbe. Selten zeigt sich Architektur so offensiv farbig.  Wandfarbe. Selten zeigt sich Architektur so offensiv farbig. / Bild: (c) Beigestellt 

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Oder auch: Ein Farbton häuft sich, weil jemand irgendwo „Trend“ gerufen hat. Entweder in New Jersey, in den USA. Oder in Sassenheim, in den Niederlanden. Denn sowohl beim Pantone Color Institute als auch beim Global Aesthetic Center von Akzo Nobel, dem größten Farbenhersteller der Welt, fahren besonders viele Experten besonders viele Antennen aus. Um die Farben, die unsichtbar um uns schwingen, einzufangen. Ein paar hübsche symbolträchtige Worte, ein paar Fotos, raus in die Welt. Die Trendfarbe ist fertig. Kurz vor Jahreswechsel. Jetzt warten die Farben nur noch darauf, dass sie ein mutiger Designer oder Architekt auch wirklich vom Farbtopf ins Interior-Konzept einfließen lässt. Der Grund, warum sich manche Farben an gewissen Orten zu bestimmten Zeiten häufiger niederschlagen, waren schon immer Autoritäten. Heute sind es Farbinstitute, früher war es in Österreich etwa Kaiser Joseph II., der diktierte. Aus ökonomischen Gründen, nicht aus ästhetischen, sollten möglichst viele Gebäude im Farbton der böhmischen Ockergruben getüncht werden.

(c) Beigestellt Rund. Die Farbpalette von Vitra gestaltete Designerin Hella Jongerius. percien imusam harum inihilit, nus simolor suntur?Rund. Die Farbpalette von Vitra gestaltete Designerin Hella Jongerius. percien imusam harum inihilit, nus simolor suntur? / Bild: (c) Beigestellt 

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Diesmal hat die selbsternannte „Colour Authority“ Pantone in New Jersey „Greenery“ gerufen (siehe Seite 26). Und Dulux, die Farben-Marke von Akzo Nobel schrie „Denim Drift“ in die Welt hinaus. Ein bisschen Meer, etwas vom Himmel, die Lieblingsjeans, so mixte sich der Farbenhersteller die Sympahtie für den Farbton für seinen Orakelspruch zusammen. Manche Farbexperten und Farbberater halten diese Trendfarben, die jährlich publiziert werden eher für Running Gags, wie etwa die Schweizerin Daniel Späth, die jährlich ihre eigenen Farbpaletten zusammenstellt. Oder auch Self-Fulfilling prophecies, die sich allein dadurch erfüllen, dass sie gemacht werden. Der Trend folgt dem Trend, den man selbst ausgerufen hat. Zumindest haben davor etliche Scouts, Kreative und sonstige Kultursensibelchens tief in sich hineingehorcht, was sie in den vergangenen Monaten so aufgenommen haben, in Filmen, in der Mode, in sonstigen kreativen, künstlerischen, kulturellen Bei­trägen.

Farbfeig. Laurie Pressmann vom Pantone Institut meint allerdings, dass die Trendfarbe „keinesfalls als Dogma oder Diktat zu verstehen sei“. Hingegen die Konnotationen, der symbolische Inhalt der Farbe seien entscheidend. „Der satte Grünton signalisiert Neuanfang und Vitalität, ein Ausgleich zur digitalisierten, schnelllebigen Welt“, heißt es. Doch schon ganz harmlose Farben sind schichtenweise aufgeladen mit Bedeutung. Ganz abgesehen von jenen Codes, die Farben ohnehin in verschiedensten kulturellen Kontexten mit sich herumtragen. Auch deshalb fürchten viele Designer, Architekten und Gestalter – selbst mit Griff zur Trendfarbe – genau die falsche Farbe zu bekennen und bekennen stattdessen ihre eigene monochrome Mutlosigkeit. Besser als sich im Dickicht der Konnotationen zu verstricken.

(c) Beigestellt Bunt. „Grün hören, gelb denken“ von Friederike Tebbe, Jovis Verlag.Bunt. „Grün hören, gelb denken“ von Friederike Tebbe, Jovis Verlag. / Bild: (c) Beigestellt 

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Die Berliner Künsterlin und Farbberaterin Friederike Tebbe versucht hingegen Gestalter zur bewussten Farbverwendung zu ermutigen. Zuletzt mit dem Buch „Grün Hören, gelb denken“, das im Jovis Verlag erschienen ist. Es ist als Anleitung zu verstehen, wie Gestalter Farben neu sehen, beurteilen und entdecken können. Oder auch die Wahrnehmung von Farben schärfen. „Es soll eine Hilfestellung sein, sich sein eigenes Bild zu machen, Beobachtungen gezielter zu verwerten und damit kompetenter gestalten zu können.“ Beim Umgang mit Farbe seien Gestalter schlichtweg verunsichert, meint Tebbe. Und ja: Farbe ist kein einfaches Medium. Je nach Kontext, Material, Oberfläche präsentiert sie sich anders. „Manche schaffen zwar instinktiv ein paar gute Lösungen, aber für komplexere Zusammenhänge ist das nicht ausreichend.“ Es fehle weniger der Mut im Umgang mit der Farbe, meint Tebbe, als die Sorgfalt.

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