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Sommermöbel: Das Ende des Hausarrests

26.06.2017 | 07:35 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Designer und Möbelhersteller verfrachten jetzt so viel wie möglich ins Sommerwohnzimmer – nach draußen.

Bild: Beigestellt 

Das Jahr, es polarisiert. An einem Ende, dem dunkleren, kann es gar nicht genug Decken geben, unter die man kriechen darf. Am anderen Ende der Helligkeitsskala, also eher in der Mitte des Jahres, scheint jede Decke eine zuviel zu sein. Vor allem jene, unter denen größtenteils die Möbel ihren Platz haben und in Häusern ein Stockwerk von dem anderen trennen.

Wetter und Design. Viel mehr: UV-Licht, Regen, Wind und Möbel, die ähnlich ästhetisch bleiben sollen wie zum Zeitpunkt der Anschaffung, diese Beziehung musste von der Möbelindustrie erst einmal erfunden werden. Beherzte Hersteller und begabte Tüftler haben längst die passenden Technologien und Materialien entwickelt, die das Schöne und Elegante aus dem jahrhundertelangen Hausarrest befreien.

Außenperspektive: Sommerwohnzimmer

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Vor allem das Licht, oder viel mehr die Leuchten, die es der Umgebung spenden, bekamen in den vergangenen Jahren zunehmend Auslauf auf dem ästhetisch anspruchsvollen Designterrain vor der Haustür. Egal, ob im Vorgarten, im Garten oder der Terrasse. Zulange hat das Leuchtendesign die Dinge unbeachtet im Regen stehen lassen. Doch inzwischen sind manche Hersteller bereits soweit, dass sie im eigenen Portfolio der Ikonen kramen, um sie nach draußen zu stellen. Wie es etwa auch Artemide mit seinem Klassiker „Tolomeo“ macht, die Leuchte steht auch draußen als selbstständige Ikone in jedmöglichem räumlichen Zusammenhang. Zuletzt zeigten auch jüngere Entwürfe, dass sie den Freiraum ernst nehmen: „Reeds“ etwa, auch von Artemide, fügt sich ins botanische Gartenensemble mit aktueller Technik ein: LED-Stäbe werfen Licht in den Garten und reagieren beinahe so, wie echtes Schilf reagieren würde, wenn der Wind aufkommt – mit schönen Effekten.

Außenperspektive. Auch dort, wo die Räume im Dunkeln, so ganz ohne Dach, zu zerfließen scheinen, setzt Beleuchtung die Wahrnehmungsakzente. Vor allem auch in der Rückschau auf die eigenen vier Wände, vom Garten aus gesehen. Dort können passende Wandleuchten dazu beitragen, das Zuhause, das man kaum mehr betritt vor lauter Garten, noch mehr zu schätzen. Der dänische Hersteller Louis Poulsen, auch so ein Unternehmen, das vor Klassikern im Katalog nur so strotzt, verlässt sich auch im Außenbereich auf Garanten der Ästhetik, Arne Jacobsen beispielsweise. Die „AJ 50“ etwa, für die Hauswand, bei der man sich richtiggehend auf den Sonnenuntergang freut. Denn: Die Atmosphäre kleiner dänischer Städte, das behauptet der Hersteller, sei auch die Designvorlage für viele ihrer Outdoorleuchten gewesen. Sie heben hervor und kaschieren dadurch den Rest. Eine Welt der Kontraste entsteht, die in Sommernächten eine ganz besondere Stimmung macht.

Entspannungsfaktoren. Besonders das Sitzen, entspannt noch dazu, hat vor dem Haus schon länger sein Zuhause: Die Möbelproduzenten tüfteln deshalb längst an modularen Sitzlandschaften, die sich auch draußen zu künst­lichen Wohlfühltopographien fügen. Auch vor der Tür muss man in punkto Modularität kaum mehr Abstriche machen: Aus einer Kollektion wie „Ray“ etwa, vom Hersteller B & B Italia, kann man ganze Landschaftsstriche basteln, auf denen man sich sitzend, fläzend, lümmelnd, liegend einrichtet. Die Farbtöne der Möbel sind auf die natürlichen Farbwelten unter freiem Himmel abgestimmt: Türkis gehört etwa dazu, genauso wie Blau, auch Bordeauxrot beispielsweise.

Der Hersteller Minotti bemüht sich ebenfalls zu beweisen, dass Eleganz nicht dort endet, wo frische Luft beginnt. Gerade im Freien kann der Entspannungsfaktor wie der Wohnraum selbst nach oben offen sein. Kollektionen wie „Indiana“ versuchen ausdrucksstark etwas beizutragen. Vor allem durch den Einsatz von massivem Irokoholz, das als „warm“ und leicht formbar gilt. Das lässt die Möbel möglichst natürlich in ihrer Erscheinung wirken, gestaltet zwar, von menschlicher und manufaktureller Hand, aber trotzdem mit einer Anmutung des Organisch-Zufälligen.

Die Kollektion „Caribe“ von Ames legt indes eindeutige Referenzen dorthin, wo das Wohnzimmer ohnehin das Draußen ist, nach Südamerika, nach Kolumbien. Dort flechten Handwerker recycelte Kunststoffschnüre um pulverbeschichteten Stahl. So entsteht die Möbelserie, die Sebastian Herkner aktuell um neue Produkte erweitert hat. Wie etwa einen Dining Table.

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