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Wohntrends: Alles cosy, oder was?

05.10.2017 | 11:50 |  von Elke Jauk-Offner (Die Presse - Schaufenster)

Von Hygge bis Lagom: Wohntrends implizieren nicht nur einen Einrichtungsstil, sondern gleich ein ganzes Lebensgefühl.

Minimalismus. Klare Linien stehen für klassisches schwedisches Design. / Bild: (c) Callwey 

Ist der Trend von heute morgen schon wieder Schnee von gestern? Stadtplaner und Sofa-Produzenten, Bürgermeister und Architekten, Urban Designer und Küchenhersteller wollen wissen, wie wir in Zukunft wohnen werden. In dieser Frage liegt eine „versteckte opportunistische Sehnsucht“, heißt es in „50 Insights – Zukunft des Wohnens“, der Trendstudie des Zukunftsinstituts. „Wir sehnen uns irgendwie nach den Zeiten der Massenkultur zurück, als es noch ,Familie Mustermann‘ gab, die soziale Norm, den Standard. Die Normativität, die Gleichheit der Lebensverhältnisse machte Berechenbarkeit möglich“, konstatiert Trendforscher Matthias Horx.

Smartphone und Co. haben den Radius des Erlebens längst erweitert, die Menschen sind moderne Nomaden geworden, das Zuhause zur Plattform. Gleichzeitig besteht ein großes Bedürfnis nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Möbel sollen einfacher transportierbar, flexibler und multifunktionaler sein, um sich an Lebensphasen und Nutzer anpassen zu können. Der Kontext, in dem sich Einrichtungsgegenstände befinden, gewinnt an Bedeutung. Es geht um ein „hyperlokales Gesamtkonzept“, analysiert Studien-Mitautorin Christiana Varga: „Die Frage, die sich Möbelproduzenten stellen sollten, lautet: Welchen Lebensstil möchte ich mit meinem Design unterstützen?“

(c) Beigestellt Linnea Dunne. ­Autorin von ­„Lagom“, wurde in Schweden geboren und lebt mit ihrer ­Familie in London.Linnea Dunne. ­Autorin von ­„Lagom“, wurde in Schweden geboren und lebt mit ihrer ­Familie in London. / Bild: (c) Beigestellt 

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Fade-out. Wohnbloggerin Melanie Kuglitsch (Wiener Wohnsinn) sieht Trends kommen und gehen. „Hier wird schon auch gezielt mit Marketingmaßnahmen gesteuert, Trendmessen leisten viel Vorarbeit.“ Interior-Planerin Eugenie Arlt sieht Marketing und Zeitgeist mit der klassischen Henne-Ei-Frage ineinandergreifen: „Schafft das Bedürfnis den Markt oder der Markt das Bedürfnis?“ Das Ablaufdatum von Wohntrends beziffert Kuglitsch mit Rhythmen von ein paar Jahren, sie schleichen langsam aus, werden sukzessive überlagert. Das habe man beispielsweise am Thema Marmor, Kupfer und Messing gesehen. Der All-over-Look reduzierte sich schlussendlich auf einzelne Accessoires. „Je extremer ein Trend in den eigenen vier Wänden umgesetzt wird, desto schneller sieht man sich daran satt“, sagt Kuglitsch.

Das in der Zukunftsstudie debattierte „achtsame Zuhause“ hat Ruhezonen und befreit sich von Dingen, die nicht mehr nützlich oder besonders schön sind. Es geht nicht darum, Wände zu entfernen, um große freie Flächen in der Wohnung zu schaffen, sondern getrennte Bereiche und Strukturen, flexibel nutzbare Arbeits- und Lebenszonen, beispielsweise für den Rückzug und das Homeoffice. Das temporäre Arbeiten von zu Hause wird zur Selbstverständlichkeit. „Selbstgebautes, Selbsterneuertes, Vererbtes und von Reisen Mitgebrachtes – Möbel und Accessoires werden in Zukunft verstärkt akribisch ausgesucht und zu einer individuellen Komposition zusammengeführt“, so Varga. Und schon ist man mittendrin im hyggeligen Leben.

„Hygge ist das neue Cocooning“, urteilt Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern. Bequem und gemütlich ist es, ein dänisches Lebensgefühl, das glücklich macht und das man beispielsweise beim Aufs-Sofa-Kuscheln in handgestrickten Socken mit Blick auf das Kaminfeuer empfindet oder beim gemeinsamen Kochen mit Freunden. Es geht aber nicht um ein Schneckenhaus, das man sich errichtet, wie beim Cocooning der 1990er-Jahre, vielmehr gibt es ein starkes Bedürfnis nach Verbundenheit und Kommunikation. Kurzum: Kerzen, Kaffee und Kuchen – aber ohne Konfrontationen. Die gelernte Restauratorin und Interiordesignerin Marion Hellweg, die ein Wohnbuch zum Thema Hygge verfasst hat, blickt durchs Schlüsselloch in dänische Wohnzimmer: Do it yourself, Slow Food, Blumen-Deko, skandinavische Designmöbel, Naturmaterialien gehören zum Wesen des Trends.

(c) Wiener Wohnsinn Bekenntnis zur Farbe. Eine bunte Wand macht Freude -  zu viel Farbe bringt Unruhe in den Raum.  Bekenntnis zur Farbe. Eine bunte Wand macht Freude - zu viel Farbe bringt Unruhe in den Raum. / Bild: (c) Wiener Wohnsinn 

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Für Horx-Strathern ist Hygge mehr als ein Reizthema für Medien, „es ist ein Zeichen für den Zeitgeist und daher ein Indikator für das Bedürfnis und den Wunsch nach stärkerer gesellschaftlicher Bindung in unserer digitalisierten mobilen Gesellschaft und auch nach einem Mehr an Achtsamkeit dafür, wie wir in der Zukunft leben werden“. So sieht es auch Arlt: „Ein gutes Beispiel ist der neue Ikea-Spot. Da wird das Wort Möbel nicht einmal mehr wirklich ausgesprochen, es geht nur mehr um Gefühle und Lebenssituationen, die dann durch Möbel bedient werden.“

Alles in Balance. Auf Hygge folgt Lagom, die schwedische Version von „leichter leben“, allerdings weniger verspielt. Es beschreibt das, was genau richtig ist, das Maß der Mitte, ohne Mittelmaß zu sein – und gilt für alle Lebenslagen. In Mobiliar übersetzt bedeutet es minimalistisches und klares Design, das stets auch Konzepte der Entrümpelung und clever genutzten Stauräume beinhaltet. Pflanzen und Flohmarktfunde haben ihren exklusiven Platz, überfüllte Regale sind aber tabu, Kabel und Notizzettel penibel aufgeräumt. Eine Wand in Farbe, das ist in Ordnung – mehr ist schon zu viel des Guten. Linnea Dunne, Autorin des Buchs „Lagom: Glücklich leben in Balance“, sieht in dem Konzept einen sehr funktionellen und praktischen Ansatz. „Alles wird aus der Perspektive dessen betrachtet, was es im richtigen Maß braucht, die beste Lösung – nicht mehr und nicht weniger.“

Gefühl von Echtheit. Helferlein im Alltag sind bis ins Detail durchdacht und schmeicheln darüber hinaus dem Auge. „Ich denke, das ist auch das Erfolgsrezept von Ikea“, so Dunne. Bei aller Dichte an möglichem praktikablen Mobiliar und Utensilien „lassen die Schweden den Dingen gern Raum, belassen Flächen weiß oder leer“. Die Expertin sieht in Lagom allerdings kein neues Lifestyle-Konzept, das es sich einfach anzueignen gilt, vielmehr drücke es die Quintessenz schwedischer Kultur aus und gebe dem ohnehin beliebten skandinavischen Wohn- und Lebensstil einen theoretischen Hintergrund, bringe die zugrunde liegenden Werte konsequent zur Sprache. „Ein String-Regal ist nicht allein nur schön designt, es ist Funktion, Qualität, Vereinfachung, Understatement, Liebe zu Büchern.“

(c) Kuglitsch Individualität. Bloggerin Melanie Kuglitsch setzt auf eigene Ideen.Individualität. Bloggerin Melanie Kuglitsch setzt auf eigene Ideen. / Bild: (c) Kuglitsch 

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Lagom und Hygge können ihrer Meinung nach nicht verglichen werden. „Hygge ist ein Gefühl von Cosiness, das einen speziellen Lebensaspekt abbildet. Wir in Schweden nennen es ,Mys‘, es ist ein Teilbereich von Lagom“, sagt Dunne.

„Grundsätzlich geht es bei diesen Trends um Bedürfnisse wie Geborgenheit und gemeinschaftliche Erlebnisse vor dem Hintergrund eines enormen Angebots an Lebensstilen und Konsumgütern, die über einen Mausklick erworben werden können“, analysiert Arlt. Das Gefühl von Echtheit werde über Produkte transportiert, die handgemacht und im positiven Sinn fehlerhaft wirken, „so als hätte ich die Tagesdecke, das Keramikgeschirr beim Laden ums Eck gekauft, von einem Handwerker, der das alles mit viel Liebe und Hingabe für mich persönlich angefertigt hat, auch wenn es Massenware ist“.

Viel Funktion, wenig Ausstattung. Was als Nächstes kommt? „Ich denke, Trends funktionieren zyklisch. Einem Faible für Exzessives und Üppiges folgt die Liebe zu Einfachheit und Minimalismus. Trends sind aber in einer komplexen Welt wie dieser zu umfassenderen Lebenskonzepten geworden, die Werte wie Achtsamkeit pflegen“, so Dunne.

„Trendfarben und Trendmaterialien oder Formen wechseln relativ rasch“, konstatiert Arlt, „was sicherlich auch von der dahinterstehenden Industrie entsprechend gefördert wird“. Pflanzen werden künftig allerorts verstärkt zum Thema, alles wird begrünt. „Grafische Deko und Formensprachen bleiben wichtig. Die Zeichen der Zeit verweisen auch auf Wohnen mit viel Funktion und wenig Ausstattung auf sehr kleinem Raum“, ergänzt Arlt. Und Kuglitsch sieht mehr Individualität kommen, „diese bleibt derzeit schon etwas auf der Strecke, wenn man überall auf dieselben Möbelstücke, Teppiche und Wohnaccessoires sowie auf die Kombination von hellem Holz, Weiß und Grau trifft“. Sie plädiert für ein Bekenntnis zur durchdacht eingesetzten Farbe. Auch das Interesse für Designklassiker werde noch zunehmen, glaubt sie, „man wird da verstärkt in teure Stücke investieren“. Was da eigentlich auf ihrer persönlichen Bestenliste steht? „Beispielsweise Greta Grossmanns ,Gräshoppa‘-Leuchte und Ludwig Mies van der Rohes ,Barcelona Chair‘.“

(c) Callwey „Lagom. Glücklich leben in Balance“ erscheint bei Callwey (16 Euro). „Lagom. Glücklich leben in Balance“ erscheint bei Callwey (16 Euro). / Bild: (c) Callwey 

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