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New York: Neue Zeichen braucht die Stadt

08.11.2017 | 10:20 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Die prototypische Vorstellung von Stadt hat einen Namen: New York. Stararchitekten ließen dort zuletzt neue Ikonen am Himmel kratzen.

Bild: (c) Nic Lehoux 

Bei Baukörpern ist es nicht anders als bei menschlichen Körpern: Es gibt so etwas wie Idealmaße. Auch hinsichtlich der vertikalen Ausdehnung. Vor allem dort, wo besonders viele Gebäude auf wenig Fläche herumstehen, heißt das ökonomische Schönheitsideal „Skinny“. Oder auch „Super Slender“. Die Wolkenkratzer sind in vielen Metropolen höher als in New York. Aber irgendwie wirken sie dort noch ein wenig prototypischer, programmatischer, beispielgebender. Vor allem für die Szenarien und urbanen Visionen, die sich Architekten und Städteplaner so ausmalen. Und die Vorstellungen von Urbanität, die sich alle anderen zusammenfantasieren.

Die Typologie des Hochhauses, der Kampf des öffentlichen Guts (menschengerechte, fußgängerfreundliche Stadt) gegen urbanes Böse (Immobilieninvestoren, Gewinn- und Flächenmaximierung), zeichenhafte Architektur, urbane Mythen, Neuverhandlung des öffentlichen Raums, Immobilienpreise – alles scheint in New York ein wenig dramatischer zugespitzt. In das Straßenraster, das der alte Trampelpfad der Ureinwohner – der Broadway – anarchisch durchbricht, haben Architekten Gebäude gestellt, die an der kollektiven Idee von Weltmetropole mitgezeichnet haben. Vom Chrysler Building bis zum Empire State Building.

Neue Wolkenkratzer: Ikonisches New York

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Heute skizzieren die Stararchitekten mit ihren Entwürfen an der Silhouette und dem Image der Stadt fleißig mit. Die Lücken, in die sich die Ideen dabei zwängen müssen, sind oft ziemlich eng. Raimund Abraham hat bereits im Jahr 2002 den österreichischen Beitrag zu dieser schwierigen Aufgabenstellung abgeliefert: mit dem viel beklatschten Österreichischen Kulturforum, das sich kaum breiter machen konnte als 7,5 Meter. Das Grundstück mit der Adresse 432 Park Avenue war zumindest 28 Meter breit, dafür wuchs das Gebäude darauf auch spektakuläre 426 Meter Höhe. Rafael Viñoly hat für das Projekt auch die bautechnischen Möglichkeiten so ziemlich ausgereizt, um Oligarchen aus aller Welt mit einem neuen Machtgefühl zu reizen: Dem Eindruck, dass ihnen nicht nur die exklusiven Quadratmeter gehören, sondern auch die Welt, die ihnen zu Füßen liegt. 432 Park Avenue ist so etwas wie eine vertikal gestapelte Luxus-Gated-Community, die sich New-York-typisch in Superlativen beschreiben lässt: das dritthöchste Gebäude der USA, das höchste Wohnhaus der Welt. Auch wenn viele vermuten, dass die teuren Quadratmeter den Großteil des Jahres ziemlich unbewohnt sein dürften: Dem Käufer des Penthouses war das zumindest 95 Millionen Dollar wert.

Signalwirkungen. Auch der französische Architekt Christian de Portzamparc reihte einen Entwurf und somit auch ein wenig sein Ego in die Silhouette der Stadt ein: One 57 ist zwar nur 306 Meter hoch – in den untersten Stockwerken residiert das Park Hyatt Hotel – aber der Grundriss ist auch schmal genug, um den Tower als markante Nadel im Häuserhaufen wahrzunehmen. Sein zweites Projekt, der Prism Tower auf der Park Avenue, versucht in kristalliner Form mögliche Geschoß- und Verwertungsflächen zu maximieren.

Auch Santiago Calatrava darf beim globalen Architektur-Workshop „Zeichen setzen“ nicht fehlen: Oculus heißt der Verkehrsknotenpunkt samt Einkaufszentrum, der innerhalb von kürzester Zeit den Rekord an Tieranalogien brach: Elefant, Rochen, Adler, Vogelskelett? Egal, die Handykameras wenden sich ihm wie automatisch zu, denn zeichenhaft ist es allemal. Calatrava-typisch ebenso, vor allem auch bei der Tradition, die veranschlagten Baukosten zu überschreiten. Vier Milliarden Dollar soll das Projekt im Financial District schließlich gekostet haben. Unweit von dort, wo in der Stadtseele auch architektonische Narben klaffen, hat das norwegische Büro Snøhetta die einzige architektonische Erhebung positioniert: den Pavillon zum „National September 11 Memorial and Museum“.

Wolkenkratzer beschwören meist das Vertikale, so die Regel. Doch gerade im Regel- und Geometrienbrechen hat sich der Däne Bjarke Ingels mit seinem Büro BIG einen Namen gemacht. Inzwischen auch in New York. Via 57 West heißt das Projekt, das möglichst vielen statt exklusiv nur einigen wenigen den Blick auf den Hudson River ermöglicht. An seinem höchsten Punkt ist das Haus 147 Meter hoch, an seinem niedrigsten nur zwei Stockwerke. Streng geometrisch betrachtet ist das Haus ein hyberbolisches Paraboloid.

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