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Obscura: "Ein bisschen mehr Rock'n'Roll als andere Agenturen"

10.04.2018 | 10:14 |  Sabine Hottowy (Die Presse - Schaufenster)

Schöner arbeiten Industrial Chic, Fifa und ein Schnapswagen - Wir haben die Kreativagentur Obscura in ihrem Büro in Neubau besucht.

Im Vorraum wird man von einem leuchtenden Logo von Doneiser begrüßt. / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

Am Set der "Madison Men" - oder kürzer, auch konkreter: "Mad Men" - hat es nicht nach Zigaretten gestunken. Vielleicht aber nach verpuffter Pfefferminze. In Wahrheit haben Jon Hamm und seine dauerrauchenden Kollegen während der Dreharbeiten Kräuterzigaretten gepafft. Als Hamm zusammen mit seiner Figur Don Draper - der im echten Leben als Daniel Draper den Malboro Man erfand und im Werbeolymp der 1950er Jahre an Krebs starb - berühmt wurde, galt laut kalifornischem Arbeitsrecht Rauchverbot. In der Wiener Kreativwerkstatt Obscura hält man es ähnlich. Geraucht wird höchstens am Balkon.

"Wir haben uns aber etwas anderes von "Mad Men" abgeschaut: Unser Getränkewagerl' ist eine Anlehnung an die Serie", erzählt Christian Gstöttner, Geschäftsführer der Werbeagentur und Produktionsfirma. "Wir sind Romantiker in der Werbung. Es muss nicht immer alles schnelllebig sein und über Social Media passieren. Klassische Werbung ist noch immer sehr interessant, vor allem wenn sie bewusst und entschleunigt gemacht wird. Deshalb finden wir auch kleine Anspielungen in Richtung "Mad Men" im Büro ganz lustig."

(c) die Presse (Carolina Frank) Dekorative PausenfüllerDekorative Pausenfüller / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

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Was würde Don Draper hier also tun? Einen Drink nehmen. Der besprochene Servierwagen stammt aus dem Privatfundus eines älteren Herren in Baden. Ein anderes, ein wuchtigeres Möbel stand ursprünglich in einer St. Pöltener Bundesheer-Kaserne, zwei weitere sind aus einem alten Blumenladen in die Agentur in der Neubaugasse umgezogen. "Wir haben einiges zusammen gesammelt", für das mittlerweile dritte Büro im Siebten. Das Altbau-Office in Neubau ist offenbar noch immer ein Klassiker in der Kreativbranche. Gstöttner ist skeptisch: "Die Zeiten sind vorbei, in denen der Siebte das kreative Epizentrum war, allerdings bietet er eine schöne Schnittmenge. Viele Kunden sind oft in der Nähe und die Wege zu Partner-Tonstudios und Grafikbüros sind kurz."

(c) die Presse (Carolina Frank) In den Bilderrahmen werden Getränke und Agenturleistungen gelistet. In den Bilderrahmen werden Getränke und Agenturleistungen gelistet. / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

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Als Stilmittel setzt Obscura in diesem Büro auf Industrial Chic - eine männliche Wahl. Don wäre zufrieden. Der raue Charme der formgebenden Stilepoche war der Ursprung zeitgenössischen Designs. Technischer Fortschritt und Schöpfergeist haben sich im Beginn einer Moderne ergossen, die den Herausforderungen des neuen Arbeitstempos des frühen 20. Jahrhunderts standhalten konnten. Die Entwürfe meldeten den Anfang einer industrialisierten Welt. Nicht umsonst sind die Ideen dieser Zeit heute wieder so beliebt, wir stehen einmal mehr im Prolog einer neuen Zeit. Und ein bisschen handfester geht es auch: "Wir heißen ja Kreativwerkstatt, aus diesem Grund umgeben wir uns im Büro auch gern mit soliden Möbeln: alte Garderobenspinds, ein Betontisch, 350 Kilo schwere Eisenschränke - Dinge, die Bestand und Geschichte haben."

(c) die Presse (Carolina Frank) HFA Studios haben sich im Meetingraum verewigt.HFA Studios haben sich im Meetingraum verewigt. / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

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Das Herz der Agentur schlägt im Meetingraum. Nicht nur weil hier präsentiert und "gepitcht" wird, sondern auch deshalb, weil das Team hier jeden Tag gemeinsam zu Mittag isst - und weil es ein hart verdienter Raum ist. Ein häufiges Dilemma in der Büro-Gestaltung hat auch diese Agentur getroffen: "Der Betontisch konnte erst nach drei Anläufen geliefert werden, weil er nicht durch das Stiegenhaus gepasst hat." Der Tisch ist eine Beton-Glasfaser-Mischung und wurde eigens angefertigt. Er wiegt einige Hundert Kilo.

An der Wand des Besprechungsraums sieht man ein Bild von HFA Studios mit dem Schriftzug "Your Heavy Metal Agency". "Das hat weniger mit der Musik an sich zu tun, wobei wir sicher eine gewisse Affinität mit dem Genre haben, sondern eher damit, dass wir ein bisschen mehr Rock'n'Roll sind als andere Agenturen." Sichtbar wird dieses hohe Credo vielleicht am ehesten im Fifa-Zimmer. Für gewöhnlich vereinsamen Ambitionen für mehr Zerstreuung am Arbeitsplatz. Hier nicht: "Bei uns gibt es jeden Tag ein Turnier."

(c) die Presse (Carolina Frank) Ein Stück vom hartnäckigen Beton.Ein Stück vom hartnäckigen Beton. / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

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Taktische Herausforderungen gibt es auch an anderer Stelle. "Dadurch, dass wir als Werbeagentur die Postproduktion, Grafik usw. selbst im Haus haben, brauchen wir für die jeweils drei Monitore pro Person einfach größere Arbeitsplätze als in einem Durchschnitts-Büro." Mitunter auch deshalb wird es schnell eng. Bei Obscura arbeiten zur Zeit elf Personen. "Der Traum ist, dass wir es in irgendeine Richtung verlängern können, leider wird uns der Platz schon wieder knapp - zwei Arbeitsplätze sind noch frei, danach müssen wir entweder im selben Haus noch etwas finden oder wieder umziehen."

Homeoffice ist keine Option. "Theoretisch kann aber jeder kommen und gehen wie er mag. "Wer viel Kundenkontakt hat, sollte aber verlässlich im Büro sein. Im Kreativ-Department ist es wieder etwas anderes. Ob die super Idee beim Wandern oder im Büro kommt, ist ganz egal - Hauptsache, sie kommt." Kurz vor dem letzten Umzug hat sich Christian Gstöttner in einigen New Yorker Büros umgesehen, um Ideen zu sammeln. "Wegen der hohen Mietpreise sind die Arbeitsplätze dort extrem klein, alle sitzen sehr gedrängt". Das hat ihn darin bestärkt, großzügiger zu gestalten. "Positiv fand ich aber, dass es teilweise eigene Küchen mit Köchen gab, in denen viel Wert auf gesundes Essen gelegt wurde. Deshalb habe ich uns dann gleich ein Biokistl bestellt. Jetzt gibt es für alle Säfte - für den eigenen Koch reicht’s noch nicht."

(c) die Presse (Carolina Frank) Die Frage, die viele Werber bewegt. Die Frage, die viele Werber bewegt. / Bild: (c) die Presse (Carolina Frank) 

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Infos

"Obscura / Die Kreativwerkstatt" wurde 2014 neu gegründet und setzt seitdem als Werbeagentur und Produktionsfirma mit einem elfköpfigen Team jährlich mehr als 300 Projekte im In- und Ausland um.

Adresse: Neubaugasse 33/1/9 in 1070 Wien, Telefon: 01/9575172, www.obscura.at

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