Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Sebastian Hilpold: Dramaturg mit Spaten

22.03.2017 | 16:51 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Stadtlandschaften, die zusammenwachsen. Gärten, die spannend sind wie Filme – Sebastian Hilpold pflanzt Eindrücke im Auge des Betrachters.

Erdig. Ein Mann, ein Kleinlaster, viele Ideen: Botanikwerk. / Bild: (c) Christine Pichler 

Erde, Steine, Pflanzen, Wasser. Selbst wenn Sebastian Hilpold gezeichnet, gestaltet, gebaggert, geschaufelt hat, ist das Landschaftsbild noch nicht ganz fertig. Denn es entsteht erst in den Köpfen der anderen, die Gehirne der Betrachter füllen die letzten Lücken aus. Ganz individuell: mit Erfahrungen, die sie gemacht haben, mit Erinnerungen, die sich eingebrannt haben. Alles andere jedoch, was Hilpold braucht – das passt auf einen Zeichenblock und auf die Ladefläche des gelben Ford Transit, mit dem Hilpold pendelt: vom Biobauernhof der Eltern zu seinen Projekten in Stadt und Land.

Auch vor den Bildern im Kopf kommen Bilder. Mal skizziert er Schwimmteiche mit Blei- und Buntstift. Mal lässt er den Computer visualisieren, was er sich so vorstellt. Doch die typischen, fast fotorealen Renderings mit dafür unrealistisch glücklichen Menschen mag Hilpold nicht so gern: „Wir haben einen Landschaftspark dann auch mal im Stil einer Kinderzeichnung illustriert. Das lässt einfach mehr offen“, erzählt er. Schließlich will er den Augen und Köpfen der Betrachter auch nicht zu viele Vorgaben machen. „Landschaft ist eben etwas, das im Kopf entsteht.“ An diese These hält sich Hilpold, seitdem er im Gedankengarten des Studiums an der Angewandten in Wien nicht nur einmal an Lucius Burckhardt vorbeiflaniert ist, dem Begründer der Promenadologie, der Spaziergangswissenschaft.

(c) Sebastian Hilpold Gärtner. Was wächst wo, wohin und wieso: geerdetes Wissen. Gärtner. Was wächst wo, wohin und wieso: geerdetes Wissen. / Bild: (c) Sebastian Hilpold 

+ Bild vergrößern

„Beim Spaziergang lässt sich eine Landschaft lesen“, sagt Hilpold, „es ist auch eine Methode, Entwürfe zu entwickeln.“ Etwa für das weite Feld, das der junge Landschaftsgestalter mit seinen Ideen beackern möchte: vom privaten Garten bis zum öffentlichen Raum. Schon während des Studiums beschäftigte er sich mit Terrains, auf denen Bäume so wichtig waren wie rostige Dampfloks. Oder auch mit urbanen Situationen, die wieder zusammenwachsen sollen, weil sie Straßen und Schienen längst durchschnitten haben. Inzwischen hat er sein eigenes Unternehmen gegründet, das Botanikwerk (www.botanikwerk.com), das sich all den Aufgaben stellt. Sein hellblauer Fiat Panda wurde zu klein für all das Material und all die Ideen, die er mit sich herumschleppt. Jetzt steuert auch der gelbe Kleinlaster die Klein-Landschaften an, in denen Menschen einfach nur barfuß Würstel auf den Grill legen wollen. Oder im eigenen Teich schwimmen. Situationen, die Hilpold auch unter einem der Grundsätze des Studiums behandelt: „Der Garten ist ein Modell von Landschaft im Maßstab eins zu eins.“

Garten, Feld, Acker. Bis Hilpold an der Spaziergangs­wissenschaft und klugen Sätzen von Lucius Burckhardt vorbeimarschierte, war sein Weg ohnehin schon ziemlich zielgerichtet. Als sich seine Freunde in Meran in Südtirol beruflich in alle Richtungen verzweigten, blieb er bei der Leidenschaft, die ohnehin schon länger glühte – der Boden, die Pflanzen, die Natur. Nicht ganz unschuldig daran: die Großmutter. Sie hatte ihm die Sense in die Hand gedrückt, als er acht war, erinnert sich Hilpold, „ein Schlüsselerlebnis“. Er machte die Ausbildung zum Gärtner, in der Nähe von Meran. Heute steuern Hirn und Hände nicht nur seinen Zeichenstift, sondern auch Spaten und sogar die Baggerschaufel: „Es ist unglaublich, wie sensibel so ein Riesengerät reagiert.“ Gedanken wälzen, Erde wälzen. Planen, Umsetzen. Hilpold beherrscht die Landschaftskunst mit dreckigen Händen. Das Studium in Wien, „Landschaftsdesign“ an der Angewandten, hat ihn angestiftet. Auch dazu „innerhalb von kürzester Zeit, Landschaft und was sie bedeutet, ganz anders zu sehen“. Auch so, dass „Brachen lesbar werden“. Und dass selbst dort, wo die meisten nur „Autobahn“ und „Chaos“ lesen, neue Landschaftsbilder entstehen können.

(c) Sebastian Hilpold Skizzenhaft. Zuerst Gedanken, dann Linien, dann Landschaftsbilder. Skizzenhaft. Zuerst Gedanken, dann Linien, dann Landschaftsbilder. / Bild: (c) Sebastian Hilpold 

+ Bild vergrößern

Spannungsbogen. Während des Studiums beschäftigte sich Hilpold schon mit urwüchsigem Terrain: In Strasshof in Niederösterreich verwittern und verrosten Schienen und Dampflokomotiven. Eine faszinierende Gstättn, die nur dann lebt, wenn Nostalgiefans die Loks wieder kurz dampfen lassen. Sein Projekt schlug vor, einen erlebbaren Landschaftspark zu gestalten. Das Prinzip dabei: das Vorgefundene zu nutzen. „Es ging weniger um das Hinzufügen als um das Rausnehmen, mit minimalen Eingriffen.“ Eine Aufgabe, die nicht nur die Blickachsen mitdenkt, sondern auch die Zeitachse, auf der man sich durch die Landschaft bewegt. „Wir wollten einen Weg durch das Areal dramaturgisch mit gewissen Höhepunkten inszenieren, damit die Qualitäten der Landschaft lesbar werden.“

Doch nicht nur Wildnis liegt Hilpold am Herzen, auch gepflegter Rasen. Besonders der, auf dem sein Lieblingsfußballklub, die Vienna, spielt. In einem Projekt betrachtete er die Hohe Warte, das Stadion mit seinen natürlichen Böschungen, als Teil eines größeren grünen Ganzen. Denn nördlich liegen Schwimmbad und Park. Ein Zusammenhang, den nur erkennt, wer mit den Augen von Google-Maps oder des Landschaftsplaners darauf schaut. Auch hier die Entwurfsmaxime, die auch von der Fußballtribüne aus gesehen die attraktivste ist: Spannung bitte. „Irgendwie ist meine Arbeit manchmal auch näher am Film.“

Einige der Wurzeln Hilpolds reichen ins landwirtschaftliche Milieu zurück. „Und Bauern sind ja auch so etwas wie Landschaftspfleger.“ Nur dass sie gern Effizienz vor Ästhetik stellen, der Erträge wegen. Heute nimmt er gemeinsam mit seiner Familie gern selbst alle möglichen Werkzeuge in die Hand, um der Erde Gemüse, aber auch Tee abzugewinnen. Auf biologische Art.

Seine Eltern sind ihm nach Österreich gefolgt, haben in der Nähe von Neulengbach einen Bauernhof erworben. Dort soll neben den Gemüsefeldern auch ein botanisches und gartengestalterisches Versuchsfeld entstehen. Einen halben Hektar Platz dafür hätte er, um seine Ideen mit eigenen Händen exemplarisch in die Erde zu setzen. Und für die etwas größeren Ideen kann er dann noch immer den Bagger holen.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr

    • Infrastruktur: Zeig, was du kannst

      Infrastruktur muss sich nicht mehr verstecken. Und wenn sie Energie gewinnt, darf sie sogar auch mal Kathedrale sein.
    • Craft-based Design: Handwerk ist Kopfsache

      Die Hände denken mit. Wie das funktioniert, zeigen ein Buch und ein Design-Studiengang.
    • Architektur der Täuschung

      Häuser, die nur so tun, als ob: Für das Projekt „The Potemkin Village“ beschäftigte sich der Fotograf Gregor Sailer mit der absurden Welt der seelenlosen Oberfläche.