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Thomas Maitz: Der Spieltrieb des Gestalters

30.08.2017 | 10:07 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Kindermöbel ganz ohne Kindchenschema: Thomas Maitz spielt mit seinem Grazer Label Perludi mit Formen und Funktionen.

Sitzkiste. „Max-in-the-box“ heißt die modulare Tisch-Sessel-Kombination, auf der Thomas Maitz Platz nimmt. / Bild: (c) Beigestellt 

Jeder Kieselstein ein Abenteuer. Und jedes Möbelstück eine Welt. Je kleiner der Mensch, desto größer die Augen, die er machen kann. Thomas Maitz hatte wiederum schon länger Augen dafür, wie Kinder sich ihr Universum erobern, das anfangs nicht weiter reicht als ihre Arme. Selbst hat Maitz drei Kinder. Der älteste Sohn ist heute schon so gut wie erwachsen. Aber selbst das muss noch kein Grund sein damit aufzuhören, Kind zu sein. Und auch Kindermöbel müssen sich von den ausgewachsenen Objekten nicht gar so stark unterscheiden, außer dass sie vielleicht noch ein bisschen standfester sein sollten, oder noch ein wenig offener in ihrer Nutzung. Jedenfalls hat Maitz selbst früher kaum die Qualitäten gefunden, die er in Kindermöbeln suchte. Und so hat er selbst ein Label gegründet in Graz, das inzwischen in ziemlich vielen Teilen der Welt zuhause ist: Perludi.

Wie verschränkt ist die Welt der Erwachsenen und jene der Kinder im Möbelsektor?
Das Marketing im Möbelbusiness versucht, ganz verschiedene Universen zu erschaffen. Als hätte die Welt der Erwachsenen mit der der Kinder gar nichts miteinander zu tun. Aber das stimmt ja nicht. In den Kindern steckt ja schon so viel drin, was sie dann später als Erwachsene sind. Und umgekehrt natürlich auch. In den Erwachsenen steckt immer noch das Kind, das sie einmal waren. Das lässt sich nicht so leicht voneinander trennen, wie es das Business uns glauben machen will.

(c) Beigestellt Wigel-Wogel. Auch das Schaukelmöbel „Constantin“ begünstigt den kindlichen Spieltrieb.  Wigel-Wogel. Auch das Schaukelmöbel „Constantin“ begünstigt den kindlichen Spieltrieb. / Bild: (c) Beigestellt 

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Das heißt, auch die Ansprüche an „kleine“ und „große“ Möbel sind großteils dieselben?
Den Kindern kann man im Endeffekt genau das vermitteln, was auch für Erwachsenenmöbel gilt: Dass die Wertigkeit eines Produktes auch maßgebend ist. Und natürlich auch der ökologische Anspruch. Vor allem, wenn ich mir anschaue, wie viele Möbel täglich auf der Deponie landen.


In den kleinen Erwachsenen stecken auch so einige evolutionär geprägte Verhaltensmuster oder psychologische Entwicklungsphasen. Wie viel davon steckt wiederum in Kindermöbeln?
Vor allem das Spielen gehört zum Kind und zum Kindsein. Und somit auch zu unseren Möbeln dazu. Vom Spielen leitet sich auch unser Firmenname Perludi ab. Das Spielen sehen wir als Basis für sämtliche Entwicklungen, die Grundlage für das Lernen ist der spielerische Umgang mit der Materie. So entstehen neue Dinge. Kinder imitieren schon sehr früh die Erwachsenen. Vielleicht ist es auch bei den Dingen, die wir den Kindern geben, weniger wichtig, was es ist, als die Motivation, warum wir es ihnen geben. Man kann hervorragende Produkte kaufen, damit man seine Ruhe als Eltern hat. Oder man kauft hervorragende Produkte, damit man eben hervorragende Produkte hat. Die überdauern dann die ganze Kindheit und bleiben manchmal auch noch im Erwachsenenalter relevant. Doch neben dem qualitativen Anspruch bleibt der spielerische Umgang die Basis der Entwürfe unserer Möbel.


Das spielerische Entdecken, das kommt auch bei Erwachsenen noch zum Tragen, etwa wenn sie Autos kaufen oder ihre Multimedia-Geräte zum ersten Mal in der Hand haben.
Unser reduziertes Design, das gehört zum Spiel. Wenn man Kindern einen Kindercomputer kauft, wollen sie trotzdem mit dem Laptop der Erwachsenen spielen. Der ist viel spannender, obwohl er überhaupt nicht kindgerecht gestaltet ist. Kinder brauchen Alltagsgegenstände. Solche Dinge, die wir als Erwachsene in unserem Alltag einsetzen, sind für Kinder von ganz grundlegender Bedeutung. Deswegen haben wir nicht von vornherein das Ziel verfolgt, dass Perludi-Produkte einfach Miniaturausgaben aus der Erwachsenenwelt sind, sondern ernstzunehmende Gegenstände, die für sich stehen. Und die auch unabhängig von dem Universum „Kind“ funktionieren, sie könnten genausogut Teil der Erwachsenenwelt sein.

(c) Beigestellt Sitzregal. In „Pauli“ kann man die Bücher schlichten, die man auf „Pauli“ zuvor gelesen hat. Auch stapelbar. Sitzregal. In „Pauli“ kann man die Bücher schlichten, die man auf „Pauli“ zuvor gelesen hat. Auch stapelbar. / Bild: (c) Beigestellt 

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Sollten Kindermöbel nicht vor allem auch undogmatisch sein? Nutzungen offen lassen?
Wichtig ist vor allem, das man verschiedene Möglichkeiten der Benutzung hat, ja. Das ist sicher ein Kriterium, das meiner Meinung nach Kindermöbel auszeichnen sollte. Kinder lieben die Zweckentfremdung. Warum sollte man dann die Zwecke streng definieren? Kinder erforschen: Was kann das Ding noch? Rollt es? Was passiert, wenn es runterfällt? Wie kann ich es umbauen? Kinder gehen der Sache gern auf den Grund. Das ist auch zum Merkmal unserer Designsprache geworden. Die Dinge zeigen, wie sie konstruiert sind, sie stellen klar, wie sie funktionieren. Alles ist ablesbar. Hier kann ich rein, hier kann ich raus. Da ist es auch spannend zu beobachten, wie die Kinder die Möbel etwa bei Testphasen in Kindergärten benutzen.


Welchen Anteil hat, neben entwicklungspsychologischen und pädagogischen Kenntnissen, die Intuition beim Entwerfen?
Alle Entwürfe sind intuitiv. Und gerade die intuitive Lösung hat ja auch schon Viktor Papanek propagiert. Das kommt schon in die Nähe des Spiels. Wir spielen oft mit Formen und dabei kommen manchmal auch Antworten raus, ohne dass es vorher Fragen gegeben hat. Das passiert in unseren Designs recht häufig.


Kinder „begreifen“ ja auch sprichwörtlich die Welt. Welche Rolle spielt das?
Haptik ist ein ganz entscheidender Punkt, mit dem wir uns auch hervorzuheben versuchen. Vor allem durch das Material Loden, das wir gern auf den Oberflächen einsetzen. Darauf sind wir durch Zufall gekommen. Auf einer der ersten Messen, auf der wir waren, in Paris, haben wir hingeschrieben „Bitte berühren“, obwohl bei den meisten Ständen immer „Nicht berühren“ steht. Ein voller Erfolg. Viele sind nur zum „Möbel-Streicheln“ gekommen...

(c) Beigestellt In die Höhe. „Caspar“, der Tisch, der mitwächst mit den Kleinen. Und mit den Anforderungen. In die Höhe. „Caspar“, der Tisch, der mitwächst mit den Kleinen. Und mit den Anforderungen. / Bild: (c) Beigestellt 

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Was zählt noch zu Grundanforderungen von Kindermöbeln, neben haptischen Qualitäten?
Natürlich auch die Strapazierfähigkeit. Eine Grundsolidität, die bei anderen Möbeln vielleicht nicht so ausschlaggebend ist. Wichtig ist auch, wie die Möbel die Verhältnisse in Richtung Kinder verschieben. Wir haben zum Beispiel mit dem „Pauli“-Hocker schon öfter den Kinderlesebereich der Buchmesse Wien ausgestattet. Da beobachte ich immer gern, wie die Kinder oben sitzen und die Erwachsenen darunter, somit beide auf Augenhöhe.


Wie schlägt sich ein österreichisches Label wie Perludi auf dem harten internationalen Möbelmarkt?
Wir besetzen natürlich mit unseren Möbeln eine Nische. Wir haben Shops in Paris, London, New York, die uns führen. Wir sind auf einem Markt, der gerade noch entdeckt wird und auf dem die Menschen dabei sind, sich auf gewisse Qualitäten zu konzentrieren. Das kommt uns zugute. Deshalb dürfen wir uns international schon zu den relevanteren Firmen im Sektor der Kindermöbel zählen.

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